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Mittendrin Birkholzens Draht zur Welt
Mehr Mittendrin Birkholzens Draht zur Welt
15:59 10.08.2010
Von Klaus Frieling
Siegfried Birkholz mit einem selbstgebauten Detektorradio Quelle: Klaus Frieling
Garßen

Garssen. Ein paar Meter Draht, eine selbstgewickelte Spule und ein Kristall machen die alte Zigarrenkiste zum Empfangsgerät: Wie in den Anfangsjahren der drahtlosen Kommunikation sind mit dem Detektor von Siegfried Birkholz auch heute noch Radiosender zu empfangen. Im angeschlossenen Kopfhörer rauscht und fiebt es, aber dafür braucht der Apparat keinen Strom – der gleichrichtende Kristall wandelt die Energie der empfangenen Radiowellen in akustische Signale um. Ein Drehkondensator dient zur Einstellung auf die jeweilige Frequenz.

Drei Röhren für die

Olympia-Berichte

1935, mit elf Jahren, hat Birkholz seinen ersten Detektor gebaut. Das war der Beginn einer Begeisterung für die Technik der Ätherwellen, die den heute 86-Jährigen durch sein ganzes Leben begleitet hat. „Damals gab es Basteljahrbücher mit Bauplänen für Radios“ erinnert er sich an seine Jugend im damaligen Ostpreußen. Das Taschengeld reichte dem Bauernsohn dafür nicht – die Eltern unterstützten ihren Sohn finanziell bei der Beschaffung der Bauteile. Radiohören war in den Anfangsjahren der seit Ende 1920 in Deutschland angewendeten Kommunikationstechnik teuer – billiger wurde es dann ab Mitte der 30er-Jahre mit dem „Volksempfänger“, mit dem die Nazis den Rundfunk zum Propaganda-Instrument ausbauten.

1936 baute Siegfried sein zweites Gerät, einen batteriebetriebenen 3-Röhren-Empfänger. „Einen Stromanschluss hatten wir zu der Zeit noch nicht – Licht gab’s durch eine Petroleumlampe.“ In deren Schein versammelte sich die Familie dann um das mit Lautsprecher ausgerüstete neue Radio, um die Übertragungen von den Olympischen Spielen in Berlin zu verfolgen.

1937 erfolgte die Elektrifizierung der Außenbezirke in Ostpreußen, und so bastelte Birkholz junior einen 4-Röhren-Netzempfänger. „Auf dem Heidsberg, der höchsten Erhebung Ostpreußens, stand ein 100-Kilowatt-Sender. Den habe ich immer gehört.“

1939 begann Siegfried Birkholz eine Gärtnerlehre – ohne große Begeisterung. „Ursprünglich wollte ich Elektriker werden“, erinnert er sich. „Doch ich war das einzige Kind auf dem Hof.“ Nach dem damaligen „Erbhof“-Gesetz der Nazis wäre das elterliche Anwesen enteignet worden, wenn der Hof-Erbe nicht einen bäuerlichen oder verwandten Beruf anstrebte. „Aus dem Hof eine Gärtnerei zu machen, das war damals anerkannt.“ So fügte sich der Sohn – und vertraute darauf, seinem Leben mit ein bisschen Glück immer noch die erhoffte Wendung geben zu können.

Das ließ zunächst auf sich warten: Siegfrieds Gärtnerlehre dauerte bis 1942 – dann wurde er Soldat. Als Instandsetzungsschlosser fuhr Birkholz im Panzerspähwagen Einsätze an der Front. „Ein Himmelfahrtskommando vorne im Niemandsland. Da sind ja viele abgeschossen worden, aber ich hab’ dann doch Glück gehabt.“

Nachdem er zunächst an der Ostfront kämpfte, wurde Birkholz 1943 nach Frankreich abkommandiert. Natürlich hatte er sich längst wieder ein Radiogerät gebastelt – so konnte der Soldat heimlich „London“ hören, den vom diktatorischen Regime in Berlin verbotenen „Feindsender“.

Der Krieg ging verloren – schon 1944 geriet Birkholz bei Caen an der Kanalküste in Gefangenschaft. Und wieder hatte er Glück: Im 12000-Mann-Kriegsgefangenenlager Mexia im US-Bundesstaat Texas waren seine Kenntnisse beim Reparieren von Autos gefragt – die alte Begeisterung für elektrische Schaltungen verschaffte ihm ein vergleichsweise angenehmes Dasein als „POW“ (Prisoner of War – Kriegsgefangener). „Die meisten anderen mussten da Baumwolle pflücken bei der Hitze“, erinnert er sich lebhaft an diese Zeit.

Bis zum August 1946 war Birkholz in Kriegsgefangenschaft – „dann wurde ich zum Engländer entlassen; ich konnte ja nicht zurück nach Ostpreußen“. In britischen Diensten kam er 1947 auch nach Celle, wo er seither lebt. „1949 hab’ ich erstmal ein Haus gebaut“, in Eigenarbeit in Garßen am alten Bahnhof. Da hatte er in den Diensten einer Transportgruppe der GSU (German Security Unit, einer Wacheinheit von deutschen Zivilangestellten der britischen Truppen) auch seine Lehre als Autoschlosser abgeschlossen – „den Begriff eines Autoelektrikers gab’s damals noch nicht, aber praktisch habe ich nur an der Elektrik der Fahrzeuge gearbeitet“.

Begeisterung – und

ein bisschen Glück

Nebenbei bastelte Birkholz wieder Radios zusammen – aus beschlagnahmten Wehrmachtsbeständen. „Ein britischer Major hat mir die nötigen Papiere besorgt – Passierscheine für ein Materiallager in Bremen.“ In der Not der Nachkriegsjahre gehörte halt immer auch ein bisschen Glück dazu, die Begeisterung für den Radiobau verwirklichen zu können. Noch heute lässt die Erinnerung an die damaligen Transportfahrten den rüstigen Senioren schmunzeln.

Die alte Leidenschaft für Rundfunkgeräte ließ Birkholz 1957 den Dienst beim britischen Militär quittieren – er wechselte zur Firma Bosch, die Autoradio-Mechaniker suchte. Hier konnte er sein technisches Wissen bei Fortbildungskursen erweitern, hier erhielt er endlich die lange ersehnte offizielle Qualifikation für sein Interessengebiet. Schließlich gehörten dann auch Funkanlagen in Taxen zum Betätigungsfeld des Garßeners. Eine Rückkehr zur geliebten Bastelei mit den elektrischen Bauteilen, die den Klang der weiten Welt transportieren. Siegfried Birkholz blickt zufrieden zurück auf seinen nicht ganz gerade verlaufenen Lebensweg: „Schließlich bin ich doch in meinem Traumberuf gelandet!“

Bei technischen Problemen in der Nachbarschaft wird Elektro-Tüftler Birkholz noch heute gern um Rat gebeten – der rüstige und hilfsbereite Senior ist bekannt im ganzen Dorf. Als Anschauungsobjekt für seinen Enkel hat er vor ein paar Jahren die alten Radioempfänger nachgebaut, deren Originale in den Wirren von Krieg und Vertreibung verloren gingen). Im Zeitalter von iPod und Internet-Radio dürften die Exponate auf die Kindeskinder geradezu prähistorisch gewirkt haben. Im Wohnzimmer stehen sie, dekorativ aufgereiht: der 4-Röhren-Netzempfänger und das batteriebetriebene 3-Röhren-Gerät. Und der kleine Kasten, mit dem vor 75 Jahren alles begann, und der die Begeisterung von Siegfried Birkholz weckte: Die alte Zigarrenkiste wird nun dank selbstgewickelter Spule, Kristall und Drehkondensator wieder zum Empfangsinstrument für die unsichtbaren Wellen, die aus dem Antennenkabel den Draht zur weiten Welt machen.

Lebenslauf

✎7. Mai 1924: Als Bauernsohn in Osterode/Ostpreußen geboren.

✎1935 erstes Radio gebaut.

✎1938: Volksschule absolviert.

✎1939: Beginn der Gärtnerlehre.

✎1942: als Soldat eingezogen.

✎1944: Kriegsgefangenschaft, Transport nach USA.

✎1946: Entlassung, Tätigkeit für das britische Militär in Deutschland.

✎1947-1949. Lehre als Autoschlosser.

✎1949: Bau des eigenen Hauses in Garßen.

✎1954: Heirat mit Gisela.

✎1957: Wechsel zu Bosch als Autoradio-Mechaniker.

✎1957: Geburt von Sohn Jockel.

✎1964: Geburt von Sohn Frank.

✎1977: Bezug des – wieder weitgehend in Eigenarbeit gebauten – neuen Hauses in der Schoopwäsche in Garßen.