Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Mittendrin Brexit trifft auch die Region Celle
Mehr Mittendrin Brexit trifft auch die Region Celle
18:20 27.06.2016
„Wenn Handelsprivilegien mit dem Brexit wegfallen, bedeutet das für unsere heimischen Exporteure mehr Bürokratie und höhere Kosten“, so Zeinert. Treffen wird es vor allem den Automobilsektor. Quelle: Julian Stratenschulte
Celle Stadt

„Großbritannien ist für niedersächsische Unternehmen nach den Niederlanden der zweitwichtigste Absatzmarkt. Betroffen ist jetzt vor allem der Automobilsektor, der aktuell den größten Anteil an den niedersächsischen Exporten nach Großbritannien stellt. Nach der drastischen Abwertung des Britischen Pfund werden wir hier schon kurzfristig Auswirkungen zu spüren bekommen.“

Neben Wolfsburg und dem Landkreis Harburg ist der Landkreis Celle der "außenwirtschaftsaktivste Standort" im IHK-Bezirk, erläutert IHK-Volkswirt Sönke Feldhusen. Der Landkreis ist dabei, anders als Wolfsburg, nicht durch einen Konzern geprägt. Daten über die Exporte aus dem Landkreis nach Großbritannien und über die entsprechenden Importe liegen der IHK nicht vor. "Wir schätzen aber, dass von den Waren im Wert von 7,1 Milliarden Euro im letzten Jahr, die aus Niedersachsen nach Großbritannien gingen, zirka 95 Millionen Euro aus dem Landkreis Celle kamen", erklärt Feldhusen. "Von acht Unternehmen wissen wir, dass sie Produktions- oder Vertriebsniederlassungen in Großbritannien haben." Dazu zählen zum Beispiel KWS Lochow, Drewsen Spezialpapiere oder auch die Nerak Fördertechnik GmbH in Hambühren. "Gerade für Mittelständler, die unseren IHK-Bezirk insgesamt, aber auch den Landkreis Celle prägen, ist der britische Markt wegen seiner Nähe und seiner Größe besonders attraktiv. Wenn sich der Zugang zu diesem Markt verschlechtern oder bürokratischer gestalten würde, wäre das entsprechend schlecht", so Feldhusen.

Die wirklichen Auswirkungen des Brexit werden allerdings erst im Rahmen der anstehenden und sich voraussichtlich lang hinziehenden Verhandlungen konkreter werden. Dabei sei eher zu erwarten, dass der gegenseitige Marktzugang im beiderseitigen Interesse so offen wie möglich gehalten werde, sagt Feldhusen und ergänzt: "Generell gehen wir davon aus, dass der Brexit die britische Wirtschaft erheblich stärker treffen wird als unsere." Denn auf der Insel wird nicht nur der internationale Handel beeinträchtigt: Banken und die Europastandorte internationaler Konzerne, zum Beispiel aus Australien, Indien oder Neuseeland, werden darüber nachdenken, Großbritannien ganz oder in Teilen zu verlassen. Arbeitsplätze sind dort also in großem Umfang gefährdet.

Für die zukünftigen Beziehungen der EU mit Großbritannien sind drei Szenarien vorstellbar: Erstens könnte Großbritannien für die EU ein Drittstaat werden. Da Großbritannien Mitglied der Welthandelsorganisation WTO ist, würden für den Handel mit Deutschland die WTO-Regeln gelten. Die Alternative wäre, dass die EU und Großbritannien ein Freihandelsabkommen vereinbaren, das mehr oder weniger umfassend ausgestaltet werden kann. Zeinert warnt: „Für einen solchen Fall liegen keinerlei Erfahrungswerte vor und die Materie ist sehr komplex. Bis zu einem Vertragsabschluss könnten viele Jahre vergehen.“ Als dritte Möglichkeit könnte Großbritannien entscheiden, die EU zu verlassen, aber dem Europäischen Wirtschaftsraum beizutreten. Damit würden die vielen Grundfreiheiten des freien Verkehrs von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen gelten. Großbritannien müsste dabei auch weiter in die EU-Kassen zahlen, es könnte aber die EU-Politik nicht mehr mitgestalten. Daher gilt dieses Szenario als eher unwahrscheinlich.

Für die restlichen Mitgliedsstaaten sollte der Brexit ein Signal sein, noch enger zusammenzurücken, um die anstehenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern, sagt Zeinert: „Jetzt ist viel Fingerspitzengefühl gefragt: Die EU muss einerseits die Handelsbeziehungen mit Großbritannien auf eine starke und unbürokratische Basis stellen. Gleichzeitig darf sie nicht das Signal senden, dass man die Vorteile der EU-Mitgliedschaft nutzen kann – ohne sich an den Kosten zu beteiligen.“

Von Dagny Rößler