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Mittendrin Celler Psychotherapeut: "Jeder Mensch hat Träume"
Mehr Mittendrin Celler Psychotherapeut: "Jeder Mensch hat Träume"
18:21 04.01.2017
Celle Stadt

Ein altes Sprichwort besagt ganz platt: „Träume sind Schäume“. Herr Möller, welche Bedeutung haben Lebensträume Ihrer Ansicht nach als erfahrener Psychotherapeut?

Meiner Meinung nach sind Lebensträume für uns Menschen absolut wichtig. Träume beinhalten häufig Visionen von der Zukunft. Wenn sich nicht schon die Urmenschen Gedanken über eine bessere Welt gemacht hätten, würden wir hier immer noch sitzen und Feuer mit zwei Steinen machen. Um etwas verändern zu wollen, brauche ich eine Vision davon, wie die Welt am Ende aussehen soll. Erst dann kann ich mir überlegen, was ich dafür tun muss.

Dazu fällt mir die pampige Antwort von Helmut Schmidt ein: „Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.“

Ich finde, dass er da unrecht hat. Mit einer Vision sind bestimmte Ziele verbunden. Ich muss doch eine Idee dafür haben, wofür es sich zu kämpfen lohnt und welche Hürden es zu überwinden gibt. Denn so entwickelt sich Gesellschaft weiter – auch wenn sich nicht alle Wünsche erfüllt haben. Ein Paradebeispiel ist Martin Luther King. Die Rede des Bürgerrechtlers „I Have a Dream“ ging um die Welt, auch wenn er später bei einem Attentat erschossen wurde. Und auch junge Menschen wie die Malala Yousafzai verdienen den Friedensnobelpreis. Die 17-Jährige bloggte über Gewalttaten der pakistanischen Taliban und wünscht sich Bildung für alle Kinder auf der Welt. Wenn einzelne Menschen eine Not erkennen und sich zu einer Gruppe zusammenschließen, können sie noch mehr bewegen. Ohne die AKW-Bewegung, die sich für die Erhaltung der Erde eingesetzt hat, hätte es die Grünen heute nicht gegeben. Und inzwischen ist Umweltschutz eine Selbstverständlichkeit.

Hat jeder Mensch einen solchen großen Traum in seinem Leben?

Den Wunsch nach Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit gibt es auch im Kleinen. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch im Leben sogar viele verschiedene Träume hat. Dabei sollte man aber die ganz individuellen Träume unterscheiden von Träumen, die ich für die Gesellschaft habe. Die meisten träumen von einer festen Partnerschaft, eigenen Kindern, beruflichen Erfolg, ein großes Haus, ein schnelles Auto, eine Kreuzfahrt oder einen schönen Garten. Das sind ganz viele Träume, die sogar aufeinander aufbauen.

Das ist ja eine ziemlich standardisierte Aufzählung, können sich Träume nicht auch verändern?

Da verändert sich viel in den Übergangsituationen im Leben: Von der Kita zur Schule, in der Pubertät, nach der Schule, beim Berufseinstieg, in der ersten langen Beziehung, mit der Geburt eines Kindes und dann nach dem Auszug der Jugendlichen. Da geht nicht alles reibungslos ab. Da klaffen die eigenen Vorstellungen oft mit der Realität auseinander. Einige Menschen haben sich mit Mitte 40 alle Wünsche fürs Leben erfüllt und fragen sich: „Was kommt denn danach noch?“ Dann beginnt häufige eine Suche nach dem Sinn des Lebens. Dann sollte man in sich horchen und neue Träume oder Herausforderungen suchen.

So wie Sie das Leben beschreiben, läuft alles planmäßig. Gibt es nicht auch den großen Knall, der alles durcheinanderwirbelt?

Natürlich. Jeder Traum kann ein jähes Ende finden. Scheidung, der Tod eines nahen Angehörigen, Krankheit, Arbeitslosigkeit. Wenn ich solch einen Verlust erfahre, ändert sich mein ganzer Alltag, dann muss ich erst einmal mit meinem Schmerz und dem Schock umgehen. In diesem Moment ist sicher kein Platz zum Träumen. Wer plötzlich den Ehemann verliert, wird sich nicht vorstellen wollen, wie es mit einem anderen Partner laufen könnte. Niemand ist für immer glücklich, das Leben geht immer verschlungene Wege. Je älter ich werde, umso wahrscheinlicher wird ein Verlust.

Doch wer einmal Unglück erlebt hat, kann sich besser in andere Betroffene hineinfühlen...

Viele, denen in einer Notsituation geholfen werden konnte, wollen später dafür etwas zurückgeben und engagieren sich ehrenamtlich. Zum Beispiel in der Hospiz-Bewegung oder bei der Telefonseelsorge. Die Freiwilligen erkennen dabei oft selbst, dass die Zuwendung und damit die verbundene Zeit viel wertvoller ist als eine milde Spende.

Die meisten Menschen haben genug Stress um die Ohren mit Beruf und Familie.

Klar, haben wir alle keine Zeit. Es gibt mehr als 100 Begriffe dafür, was ich mit meiner Zeit machen kann. Ich hätte jetzt theoretisch auch Feierabend, aber ich nehme mir eben die Zeit für dieses Interview. Es kommt also darauf an, welche Prioritäten man im Leben setzt. Es ist doch auch so, dass man seinem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern auch etwas für sein Glück oder das der Gesellschaft tun kann.

Können Nachrichten über Kriege und Naturkatastrophen die Sicht auf die Welt ändern?

Bestes Beispiel ist die Atomkatastrophe von Fukushima. Danach hat selbst die deutsche Politik ihre Prioritäten neu geordnet. Die Bilder vom Krieg in Bosnien haben auch dazu geführt, dass sich die Hilfsorganisation AMICA gegründet hat, die Frauen und Mädchen in Krisenregionen und Nachkriegsgebieten unterstützen. Es gibt viele verschiedene Auslöser, dem Leben eine andere Richtung zu geben.

Ihre Anregungen nimmt Dagny Rößler gerne unter Telefon (05141) 990125oder per E-Mail and.roessler@cellesche-zeitung.de entgegen.

Von Dagny Rößler