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Mittendrin Cellerin auch mit 100 noch im Einsatz
Mehr Mittendrin Cellerin auch mit 100 noch im Einsatz
18:57 10.02.2015
Emmy Mennerich Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Ein leichter Entschluss war es für die damals 71-Jährige nicht, von Lüneburg aus in ein Heim in Celle zu ziehen. Immerhin sei so ein Stück Selbstständigkeit aufgegeben worden. Aber die Nähe zu ihrer Tochter bedeutete eine enge Bindung an die Familie. Emmy Mennerich fühlt sich wohl im St. Annenstift. Inzwischen ist sie 100 Jahre alt und seit 27 Jahren Vorsitzende im Heimbeirat.

„Nein, wirklich nicht“, sagt Emmy Mennerich. Sie hätte sich vor 30 Jahren wahrlich nicht träumen lassen, dass sie im Jahr 2015 Vorsitzende des Heimbeirates des Sankt Annenstiftes in Celle sein würde. Aber sie ist es. Und das bereits seit 27 Jahren.

„Es sieht nicht gut aus“, sucht die 100-Jährige einen Nachfolger für den Posten – bisher ohne Erfolg. Alle Bewohner des Altenheims schauen weg, wenn sie die Nachfolgefrage anspricht. Es könne schon sein, dass sie die älteste und auch die dienstälteste Vorsitzende eines Heimbeirates in Deutschland ist, denkt sie.

Vergebliche Suche nach Nachfolger

Gerade hat sie wieder ihren jährlichen Rechenschaftsbericht abgegeben. In vierfacher Ausfertigung. „Ich schreibe den Bericht mit der Hand. Er wird dann im Sekretariat getippt und kopiert“, berichtet die weißhaarige Dame. Die Sache mit ihrer Nachfolge werde immer schwieriger, weist Mennerich auf die Entwicklung hin: „Die Leute bleiben heute durch die Pflegeversicherung länger zu Hause in ihren eigenen vier Wänden.“ Und wenn sie sich dann für einen Platz im Heim entschließen, seien sie häufig auf Pflege angewiesen, bedauert die Hochbetagte. Dadurch nehme der Anteil der Pflegebedürftigen im Haus zu.

Dabei sei es sehr wichtig, die Interessen der Heimbewohner zu kennen und zu vertreten. Darum begrüßte sie 20 Jahre lang jeden Neuankömmling persönlich und sprach mit ihm. „Auch das gehört zu den Aufgaben“, umreißt Mennerich ihre ehrenamtliche Arbeit als Vorsitzende des Heimbeirates.

Jeder Neuankömmling wird begrüßt

Mit einem leichten Bauchgrummeln erinnert sie sich an den Konflikt vor sieben Jahren. Damals sollten alle 90 Heimbewohner in ein anderes Haus umgesiedelt werden. Mit beschrifteten Bettlaken an Balkonen und Unterschriftensammlungen in der Innenstadt protestierten sie aber dagegen. Sie hatten mit ihrer Initiative Erfolg. Sie konnten bleiben.

„Es gibt manche Ereignisse, die man ein Leben lang nicht vergessen kann“, sagt Emmy Mennerich und erinnert sich an die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie zusammen mit ihren Kindern bei ihren Eltern in Braasche unterkommen konnte. In ihrer eigentlichen Wohnung im 50 Kilometer entfernten Lüneburg waren Flüchtlinge einquartiert und sie wollte durch Beharrlichkeit ihr Recht auf die Wohnung verteidigen. Also ist sie viermal mit dem Fahrrad die Strecke von Braasche nach Lüneburg und zurück gefahren, um im Amt vorzusprechen. „Das waren ganz unsichere Zeiten für eine 30-jährige Frau, deren Mann noch in Gefangenschaft war.“ Da habe sie sich einer amerikanischen Militärpatrouille angeschlossen. So sei sie sicher durch Dahlenburg gekommen.

Oder ein anderes Ereignis blieb unvergesslich: Da ihre jüngste Tochter Käthe in den Vereinigten Staaten lebt, ist sie insgesamt achtmal in die Staaten geflogen. „Viermal zusammen mit meinem Mann, viermal allein. Für mich ist die Entfernung sehr zusammengeschrumpft.“ Zu Zeiten der Terroristenszene in Deutschland, des Schleyer-Mordes und der Entführung der Lufthansa-Maschine 1977 war das Fliegen in die Staaten schon sehr bedrückend: „Man stand unter enormer Spannung“, sagt die Rentnerin heute. Zumal auch noch der Flugkapitän während des Fluges sagte, dass sein Freund und Lufthansakollege in Mogadischu erschossen worden sei.

Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Situationen, die prägen. „In dieser Zeit brauchte man oft einen Schutzengel – und man hatte ihn auch.“ Man solle das annehmen, was kommt, meint Emmy Mennerich. So habe sie als 17-Jährige angenommen, dass sie lange mit Krücken laufen musste, so habe sie ihren späteren Mann angenommen. So habe sie ihre Krankheiten angenommen. Und so habe sie auch vor 30 Jahren das Heim angenommen. „Ein Heim kann nicht das Zuhause ersetzen, aber es ist sehr gut, dass es Heime gibt“, schaut sie zurück und in die Gegenwart.

Der Pflegeberuf sei sehr schwer und erfordere viel Kraft. „In vielen Heimen ist ein Mangel an Fach-Pflegekräften. Dieses Problem hat auch vor St. Annen nicht halt gemacht und wir hoffen sehr, dass sich die Lage entspannt“, sagt sie. Durch ihre Arbeit im Heimbeirat habe sie mehr Einblick in das gesamte Themenfeld bekommen.

„Ich kann gut allein sein – aber ich bin immer dabei und bemühe mich, in Kontakt zu bleiben“, verrät die Seniorin ihre Philosophie.

Früher hatte sie sehr viel gehandarbeitet. Jetzt mit 100 und eingeschränkter Sehkraft lässt sie die Nadeln eher liegen. Heute hört Emmy Mennerich sehr gern Nachrichten: „Ich möchte gern ein bisschen auf dem Laufenden bleiben.“ Und Hörbücher stehen bei ihr im Regal unter den vielen Aquarellen und Fotos von ihrer Familie. „Hirschhausen und Loriot. Themen von A bis Z. Ironische Geschichten aus dem Alltag oder Versprecher aus dem Bundestag“, beschreibt sie ihre Favoriten.

Immer auf dem Laufenden

Urenkelin Stephanie aus Stade hat ihr eine schöne CD gebrannt, die sie sehr gern hört. „Zwischendurch hat sie immer ein paar nette Grußworte für mich gesprochen“, freut sich Mennerich und knipst den CD-Player auf Start. Wie ihr überhaupt die Familie sehr wichtig ist. Ganz stolz ist sie auf ihre Enkel und Urenkel, die mit Fleiß und Arbeit ihre Ausbildungen und ihr Studium geschafft haben. Zum 100. Geburtstag kamen sie alle, soweit sie konnten.

Pfleger Manfred kommt zum Zuckertest und piekst ihr ins Ohr: „Prima Blutwerte – alles ist gut …“

Von Lothar H. Bluhm