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Mittendrin Celles größter Komponist ist fast vergessen
Mehr Mittendrin Celles größter Komponist ist fast vergessen
12:21 21.07.2017
Von Christian Link
Heinz Mietzner hat rund 1000 Werke komponiert – darunter auch den Celler Schützenmarsch.
Celle Stadt

„Wie eine Gestalt aus einer Novelle von Storm oder Raabe wirkte Heinz Mietzner, der stille Mann, der selten aus seinem Kompositionszimmer herauskam“, heißt es in dem Nachruf, der am 19. Mai 1958 in der CZ erschienen ist. Niemand Geringerer als Verleger Ernst Pfingsten selbst bedauerte den Tod des „stillen Musikanten“, dessen Werke zwar europaweit gespielt wurden, der es aber nie zu großer Berühmtheit brachte. Zu Unrecht, findet der Celler Friedrich Wenzel, der Mietzner gut kannte und seinen künstlerischen Nachlass wiederentdeckt hat.

„Es gibt keine Biografie, niemand hat über ihn gearbeitet“, wundert sich Wenzel. Dabei galt der 1900 Geborene mehrere Dekaden als „Celler Heimatkomponist“. „Kein Schützenfest geht vorüber, ohne dass eine neue Komposition von Heinz Mietzner uraufgeführt wird“, steht in einem CZ-Artikel vom 16. November 1956. Doch schon damals habe der zurückhaltende Künstler trotz seines internationalen Erfolgs nie als Star gegolten. „Seit Jahrzehnten lebt Heinz Mietzner unter uns, ohne dass die Celler Öffentlichkeit jemals besonders auf ihn aufmerksam geworden wäre“, heißt es in dem Artikel weiter.

„Mietzner war von ausgesuchter Höflichkeit und guter Bildung“, weiß Wenzel, der den Künstler schon kannte, als er selbst noch ein kleiner Junge war. Den Komponisten habe eine enge Freundschaft mit seiner Mutter verbunden, doch zu einer Beziehung sei es nicht gekommen. „Einmal kam er vorbei und hat Schubert gespielt. Ich sehe ihn noch am Klavier sitzen. Seine Finger arbeiteten wie ein Uhrwerk und es war wunderschön“, erinnert sich Wenzel.

Bei den regelmäßigen Besuchen brachte Mietzner häufig Geschenke mit – für gewöhnlich waren das Schallplatten oder Notenblätter mit einer persönlichen Anmerkung. „Meinem lieben Fritzchen für sein Schlagerreportoire von seinem Heinz Mietzner“, lautet eine dieser Widmungen.

Das halbe Werk ist verschollen

Mehr als 1000 Werke hat Mietzner seinem Opus-Verzeichnis zufolge geschrieben, aber nur die Hälfte ist erhalten. Gerade die jüngere Werke der 50er Jahre sind größtenteils verschwunden. „Ich habe mich x-mal gefragt: Wo sind diese Werke? Ich hoffe immer noch, dass sie sich doch im Stadtarchiv befinden“, sagt Wenzel. Zwischen Opus 369 und Opus 819 klaffe eine riesige Lücke. „Das ist grob geschätzt die Hälfte des Gesamtwerks“, so Wenzel.

Einen Überblick über das Gesamtwerk hatte wohl nur Mietzner selbst. „Von der Operette bis zum lockeren Schlager hat er musikalisch alles verfasst – und er hat zu vielen Liedern auch noch die Texte geschrieben“, sagt Wenzel und fügt hinzu: „Mietzner war befreundet mit Paul Lincke, der Operetten schrieb, wie auch mit Richard Strauß, der zur klassischen Moderne gehört. Beide Richtungen sind in seinem Werk zu finden.“ In Celle wurde Mietzner aber vor allem durch seine Heimat- und Heidelieder bekannt. Den größten kommerziellen Erfolg hatte er mit seiner Schlagermusik.

Beim großen Celler Wunschkonzert am 9. Januar 1940 wurde Mietzners Celle-Lied mit dem Text von Stadtbaumeister Theo Wilkens vor 1000 Besuchern in der Congress-Union uraufgeführt. Die Presse feierte die Darbietung als „Sensation des Tages“. Schon der erste Vers sei vom Publikum vorsichtig mitgesungen worden: „Ich liebe dich, Celle, du Schöne, du fröhliche Herzogstadt, ein herrliches Loblied ertöne dir, Perle am Allergestad‘.“

In der Residenzstadt wird der Celler Komponist zwar heute nicht mehr gespielt. „In der Aufführungspraxis ist Mietzner aber nicht ganz tot, sondern immer noch etwas präsent“, weiß Wenzel. Die Breslauer Kammermusikkapelle oder das Salonorchester Federstadt haben noch einzelne Werke des Komponisten im Programm. Auf wie vielen Tonträgern seine Stücke erschienen sind, ist unklar. Das Stadtarchiv Celle hat nur eine einzige Schallplatte mit dem Celle-Lied. Laut einem älteren Verzeichnis gibt es jedoch 50 publizierte Titel.

„Für mich gibt es keinen Acht-Stunden-Tag, nur die Weihnachtstage sind arbeitsfrei“, sagt Mietzner in einem CZ-Artikel vom 16. November 1956. Beim Komponieren habe er sich aber an die Hausordnung gehalten: Weil nach 22 Uhr das Musizieren strikt verboten war, habe er vor allem tagsüber gearbeitet.

Die besten Ideen kämen ihm aber auf seinem abendlichen Spaziergang, berichtet Mietzner einem CZ-Reporter, der ihn 1953 besuchte. Gleich nach seiner Rückkehr mache er sich auf einer Kreidetafel in der Küche die ersten Notizen. Tags darauf finde so mancher gute Gedanke dann seine Vollendung in Form eines Musikstücks.

Nach "Finale" folgt der Freitod

1957 trafen Mietzner gleich zwei Schicksalsschläge: Erst starb am 15. Februar seine Mutter, ein halbes Jahr später folgte das Ableben seines Vaters (4. September). Der Tod seiner Eltern muss ihn schwer getroffen haben. „Er lebte zunehmend zurückgezogen, war aber künstlerisch sehr aktiv. Und wenn er uns besuchte, war er immer heiter und fröhlich“, erinnert sich Wenzel. Doch dass der „stille Musikant“ (als solchen bezeichnete ihn Ernst Pfingsten) von schwermütiger Natur war, war allseits bekannt.

In seinen beiden letzten Lebensjahren verlor der Künstler, der an einem Nervenleiden litt, offenbar seinen Lebenswillen. Er vollendete noch ein letztes schriftstellerisches Werk, dessen Titel und Inhalt auch als eine Vorahnung auf seinen Selbstmord am 16. Mai 1958 verstanden werden kann. „Finale“ heißt die handschriftlich verfasste Geschichtensammlung, die Mietzner mit folgendem Schlusssatz kommentierte: „Mit tiefstem Herzen geschrieben, möchten die folgenden fünfzehn kleinen Novellen in erzählender Form historisch-getreue Endmomente aus dem Leben großer Schöpfer der Tonkunst dem Leser näherbringen, um ihren Teil beizutragen zur Erweckung immer größerer Liebe zu den Meistern der Musik. Möge dies gelingen!“

Schon in früheren Jahren offenbarte sich Mietzner als inbrünstiger Verehrer von musikalischen Genies wie Beethoven, Strauß oder Grieg. Er sammelte von allen großen, verstorbenen Komponisten Blumen oder Pflanzen, die auf deren Grab wachsen. In einem kleinen Lederetui hob er sie, alle gepresst, säuberlich auf. In Mietzners Nachlass, der im Celler Stadtarchiv verwahrt wird, sind zwar kistenweise Notizbücher enthalten, das Lederetui lässt sich hier aber nicht finden. Es ist offenbar genauso verschollen wie ein Großteil seiner Werke. Dabei wäre es nur angemessen, der Sammlung eine weitere Blume hinzuzufügen. Allerdings ist Mietzners Grab auf dem Waldfriedhof, wo der Künstler seine letzte Ruhestätte fand, nicht mehr erhalten.