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Mittendrin Chemielabor aus dem Küchenschrank
Mehr Mittendrin Chemielabor aus dem Küchenschrank
16:23 17.02.2010
Toys Company Celle veranstalten "Tag der Experimente" Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Es riecht nach Essig, doch von Salat keine Spur. Auf dem Tisch wurden mehrere Schaufelladungen Sand zu einem kleinen Berg aufgeschüttet. Auf seinem Gipfel trohnt eine kleine Schale mit Backpulver, das mit einigen Tropfen grüner Lebensmittelfarbe beträufelt wurde. Damit es ordentlich blubbert, hat Volker Swit den Essig kurz in der Mikrowelle erhitzt und schüttet ihn nun vorsichtig über das Pulver. Das Gemisch brodelt und aus dem Becher erhebt sich eine Schaumkrone, die sich schließlich über den Sandberg ergießt. Swit hat soeben einen kleinen Vulkanausbruch verursacht. Die Kinder, die das Experiment gespannt verfolgen, sind begeistert.

Volker Swit ist bei der Toys Company eigentlich für Marketing zuständig. Heute jedoch spielt er den Chemielehrer für die rund 30 Kinder, die sich beim Experimentiertag einmal als kleine Wissenschaftler versuchen wollen. In den Räumen der Spielzeugsammler auf dem Gelände der CD-Kaserne sind viele Versuchsanordnungen aufgebaut, die nicht nur das Kinderherz erfreuen.

In der Vorbereitung wurden zahlreiche Ratgeber, Kinderbücher und Internetseiten zu Rate gezogen, um ein umfangreiches und spannendes Angebot auf die Beine stellen zu können. Neben dem Essigvulkan präsentieren Swit und seine Kollegen auch das klassische Dosentelefon, das „seltsame Gelächter“ sowie weitere Experimente mit Backpulver, Pfeffer und Geheimschrift.

Experimente mit Pfeffer, Spüli, Essig und Backpulver

Um die Oberflächenspannung von Wasser sichtbar zu machen, bestreut Swit eine Untertasse voll Wasser zunächst mit schwarzem Pfeffer. Anschließend taucht er seinen Finger in Spülmittel und berührt damit die Wasseroberfläche. Wie durch Zauberhand sprengen die Pfefferkörner kreisförmig um den Finger auseinander. „Spülmittel zerstört die Spannung des Wassers“, sagt er und erklärt damit zugleich die Wirkung von Seife.

Einen Tisch weiter testet der vierjährige Max das „seltsame Gelächter“. Dazu befestigt er einen Bindfaden am Boden eines Jogurtbechers, befeuchtet Daumen und Zeigefinger und zieht an dem Faden. Durch die Reibung an den Fingern entsteht ein Geräusch, das an Hundegebell oder schrilles Lachen erinnert. Für einen kurzen Moment drehen alle Kinder den Kopf, um zu sehen, vorher der Lärm kommt.

Gegründet wurde die Toys Company im September 2008 als Gemeinschaftsprojekt der Dekra-Akademie und der Agentur für Arbeit Celle. Die Aufgabe dieser „Übungsfirma“ liegt im Sammeln und Reparieren von Spielzeug, um es anschließend bedürftigen Familien zu schenken. Die Toys Company ist in ihren Strukturen einem Wirtschaftsunternehmen nachempfunden und bietet Arbeit in den Abteilungen Lager, Werkstatt, Marketing, Verwaltung und Qualifikation. Vor allem Arbeitssuchende können hier wieder im Wirtschaftsleben Fuß fassen und leisten damit einen gemeinnützigen Beitrag.

Geheimschrift mit

Zitronensäure

Am großen Tisch in der Mitte beginnen unterdessen die Versuche mit Luftballons. Der achtjährige Johannes meldet sich freiwillig und „Laborleiter“ Swit gibt die Anweisungen. Johannes soll zunächst den Ballon in eine Flasche stecken und versuchen, ihn aufzublasen. Mit dicken Backen pustet der Schüler drauflos, doch so kräftig er auch bläst, der Ballon wird nicht größer. Verwunderung macht sich breit, doch Swit bietet sogleich die Lösung des Problems. Zusammen mit dem Ballon muss ein Strohhalm in die Flasche, dessen Öffnung aus ihr herausragt. Der erneute Versuch bringt den gewünschten Erfolg: Der Luftballon bläst sich auf, bis die Flasche ihn in seiner Ausdehnung behindert. Johannes hat soeben die Auswirkungen des Luftdrucks erfahren. Solange der Luftballon selbst den Ausgang aus der Flasche versperrt, kann er sich nicht ausbreiten. Der Strohhalm funktioniert anschließend wie ein Ausgleichsventil, durch das die Luft aus der Flasche entweichen kann. „Mit dem gleichen Prinzip könnt ihr einen Druckausgleich machen, wenn ihr in großer Höhe ein Knacken in den Ohren spürt“, erklärt Swit.

Unterdessen malt die vierjährige Nele mit einem Pinsel auf einem Blatt Papier herum. Konzentriert zieht sie Kreise und Linien und hält anschließend ihr Werk stolz in die Höhe. Zu sehen ist nichts. Erst nachdem das Papier mit einem Bügeleisen bearbeitet wird, kommen die Zeichen zum Vorschein und es wird klar, dass Nele soeben mit Geheimtinte aus Zitronensäure geschrieben hat, die erst durch Hitze sichtbar wird.

„Spielerisches Lernen ist wichtiger als Fasching“

Mit solchen Aktionen, wie dem Experimentiertag möchte die Toys Company ihre Arbeit stärker in die Öffentlichkeit tragen, wie Projektleiterin Gudrun Smith erläutert. Ob Osterfest, Spielenachmittag oder Weihnachtsfeier, die Einrichtung lädt regelmäßig zu öffentlichen Veranstaltungen ein. „Wir hatten zunächst über ein klassisches Faschingsfest nachgedacht, doch die Experimente haben einen höheren Lerneffekt“, so Smith. „Projekte mit spielerischem Lernen gibt es leider viel zu wenig und ich halte es für wichtig, Kindern auf diese Weise etwas beizubringen.“

Wissbegierig ist auch der achtjährige Michel. Als Marketing-Mitarbeiter Klaus Rudolph zu einem zweiten „Vulkanausbruch“ ansetzt, steht er in der ersten Reihe. Wieder blubbert eine rote Schaumschlange den Sandberg hinunter. „Macht das bitte nicht in eurem Wohnzimmer nach“, scherzt Rudolph und Vater Herbert Schütze hat sofort die Alltagstauglichkeit des Backpulverexperiments erkannt. „Jetzt ist klar, warum man beim Kuchenessen immer rülpsen muss“, sagt er lachend.

Mit seinem siebenjährigen Sohn Christoph ist Schütze in die Toys Company gekommen. Auch das Schneechaos hat ihn nicht davon abhalten können. „An der Grundschule Nadelberg betreue ich ähnliche Projekte und für meinen Sohn ist so etwas nur spannend“, sagt er.

Auch Birgit Hoppenstedt, die Mutter von Max und Michel, wollte ihren Söhnen die „Lehrstunde“ nicht vorenthalten. „Ich habe extra vorher angerufen, ob der Tag wegen des Wetters überhaupt stattfindet. Für meine Kinder ist das hier absolut toll“, sagt sie. Das kann Sohn Michel bestätigen. „Der Vulkan ist am besten“, findet er.

Auch die „Großen“ fühlen sich wie kleine Kinder

Doch nicht nur die Kinder haben ihren Spaß. Während die Mädchen und Jungen sich wie kleine Düsentriebs an den Experimenten versuchen, können auch die Mitarbeiter der Toys Company von den erstaunlichen Effekten nicht genug bekommen. Besonders der Versuch mit Luftballon und Backpulver hat es ihnen angetan. Marketingmann Swit zeigt, umringt von Frauen und Männern in blauen Kitteln, wie es geht. Ein mit Backpulver gefüllter Ballon wird über eine mit Essig gefüllte Flasche gestülpt. Solange er herunterhängt, passiert nichts. Wird er aufgerichtet, rieselt das Pulver in den Essig und es entwickelt sich Gas, das den Luftballon aufbläst. Fasziniert blicken die Erwachsenen auf den immer größer werdenden Ballon. Für einen Moment scheinen sie sich wieder wie kleine Kinder zu fühlen.

Im Laufe des Tages kommen immer mehr Kinder in die Toys Company und alle wollen den Vulkan sehen. Marketingmann Rudolph schichtet neben dem großen noch zwei kleinere Vulkane auf und wenig später ergießt sich grüne „Lava“ über den Sand. Wieder breitet sich Essiggeruch aus, doch von Salat ist immer noch keine Spur.

Von Stefan Kübler