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Mittendrin Ein Leben wie eine Achterbahn
Mehr Mittendrin Ein Leben wie eine Achterbahn
18:40 17.08.2010
Ursula Dähne hat in ihrem Leben viel mitmachen müssen. Dennoch ist "Frohsinn ist die Süsse des Lebens" ihr Motto und hat immer einen frohen Spruch parat. Quelle: Torsten Volkmer
Höfer

HÖFER. „Eigentlich habe ich drei Berufe“, sagt Ursula Dähne. Das wäre kaum erstaunlich, wenn diese drei Tätigkeiten nicht so unterschiedlich wären. Ihr erster Beruf ist nämlich Sängerin. Sängerin im Opernfach hat Ursula Däne studiert, aber da hieß sie noch Ursula Ribbe.

Geboren wurde Ursula Ribbe 1919 in Breslau, aufgewachsen ist sie in Berlin. Zu jener Zeit hieß es in einem Bonmot, dass alle richtigen Berliner aus Breslau kommen. 1931 wurde der Vater nach Zehdenick versetzt, einer Kleinstadt etwa 60 Kilometer nördlich von Berlin. Wegen der reichen Tonvorkommen im Umkreis der Stadt gab es dort viele Ziegeleien, weshalb Zehdenick scherzhaft auch als „steinreiche Gegend“ apostrophiert wurde. Die ersten 20 Jahre ihres Lebens verbrachte Ursula Ribbe als behütete Tochter“ wie auf der Sonnenseite“, sagt sie in der Rückschau. Das aber habe das Schicksal ganz hart zugeschlagen und fortan bewegte sich ihr weiterer Weg wie auf einer Achterbahn.

Mutter war zunächt

gegen Künstlerlaufbahn

Ursula Dähne hat Gesang studiert und zwar Opernfach an einer privaten Ausbildungsstätte in Berlin. Schon mit drei Jahren hat sie getanzt und gesungen. Vielleicht lag ihr Musik im Blut, denn ein Großvater war Konzertmeister in Wiesbaden und hatte später eine eigene Tanzkapelle. Allerdings stemmte sich ihre Mutter gegen die künstlerische Laufbahn ihrer Tochter. Zunächst nur, denn „nach meinem ersten Konzert war sie doch sehr stolz auf ihre Tochter“, erinnert sich Ursula Dähne.

An ihrem 20. Geburtstag, dem 1. September 1939, mischten sich mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und Ursula Ribbes Verlobung weltgeschichtliches und privates Ereignis. Jedoch bereits 24 Stunden später fiel ihr Verlobter Karl als Soldat. Da war der Schicksalsschlag, der eine Zäsur in ihrem Leben bildete.

Vater wurde verschleppt

und kehrte nie wieder

Zunächst lief noch alles recht gut an. Die junge Sängerin bekam ein Engagement an der Volksoper in der Berliner Kantstraße. Erst einmal als Statistin bei „Undine“ von Albert Lortzing und „Arabella„ von Richard Strauß eingesetzt, holte sie sich ihre ersten Berufserfahrungen, wozu sie das richtige Schminken, Anziehen und Bewegen auf der Bühne dazurechnet. Die Volksoper wurde 1944 geschlossen und ihr Engagement fand ein Ende.

In der ersten Nachkriegszeit hat Ursula Dähne auf privaten Festen gesungen, ist auf der Bühne in Sketchen aufgetreten und ging auf Tournee. Besonders die Auftritte mit der Operette „Der fidele Bauer“ von Leo Fall im Umland bildet Stoff für unzählige Theateranekdoten. Sie selbst war jedoch keineswegs fidel, denn der Vater war von den Russen in das ehemalige KZ Sachsenhausen verschleppt worden und kehrte nie wieder.

Erstaunlicherweise ist Ursula Dähne dann zur Medizin übergewechselt. Das geschah über Freunde, die ihr eine Stellung bei einem Hals-, Nasen- und Ohrenarzt vermittelten. Mit einer „Lehre vor Ort“, wie sie meint, lernte die ehemalige Sängerin alles, was zu einer Tätigkeit als Assistentin nötig war. Das ging sogar so weit, dass sie im Laufe der Jahre alle Fähigkeiten erwarb, die ihr schließlich die Leitung einer poliklinischen Ambulanz in Zehdenick erlaubten. Das machte ihr zwar Freude und Ursula Dähne ging ganz in ihrem neuen Beruf auf, jedoch hatte sie zunehmend psychische Schwierigkeiten, die Schwernisse ihrer Tätigkeit zu verkraften.

Ehemann musste zurück in den Westen

So sattelte sie um und wurde Mitte der 50er Jahre Schulsekretärin. „Das hat mir sehr großen Spaß gemacht“, urteilt sie rückblickend. Immer habe sie mit Menschen zu tun gehabt. Schulsekretärin war Ursula Dähne bis 1962. Davor, im September 1961, heiratete sie, und zwar auf der Leipziger Messe. Inzwischen hatte der Bau der Mauer am 13. August 1961 eine schier unüberwindliche Grenze zwischen Ursula Ribbe, die als Zehdenickerin nunmehr „Ossi“ geworden war, und ihrem Verlobten, einem „Wessi“ gesetzt. Die einzige Begegnungsmöglichkeit bot die Leipziger Messe und dort schlossen Ursula Grabbe und ihr stark sehbehinderter Mann Helmut Dähne den Bund fürs Leben. Vorerst gab es eine schnelle Trennung, denn Ehemann Helmut musste in den Westen zurück, und seine frisch Angetraute blieb in Zehdenick und betrieb ihre Ausreise. Die erschein unmöglich. Selbst als die junge Ehefrau sich in einem Brief direkt an DDR-Chef Walter Ulbricht wandte, gab es lange bürokratische Schwierigkeiten, ehe sie schließlich die Genehmigung zur Ausreise aus dem Arbeiter- und Bauernstaat erhielt. Der musste über den bekannten „Checkpoint Charlie“ erfolgen, der sonst nur von Ausländern benutzt wurde. Nach vielen kleinlichen Schikanen, an die sich Ursula Dähne noch lebhaft erinnert, gelangte sie endlich nach West-Berlin zu ihrem Mann.

Der westliche Teil der ehemaligen Reichshauptstadt lag eingemauert inmitten der sowjetischen Einflusszone. Auf lange Sicht schien das kein guter, vor allen Dingen sicherer Ort zu sein. So dachten viele Berliner und das Ehepaar Dähne ebenso. Also kauften sie sich ein Grundstück in Höfer und bauten darauf ein Haus. 1973 zog das Paar um. Seitdem lebt Ursula Dähne in dem kleinen Ort am Rande der Südheide. Um schnell Kontakt zu bekommen, traten beide dem Celler Ruderverein bei. „Ich habe es immer sehr geschätzt, dass die Celler Ruderer meinen Mann und mich sofort herzlich aufgenommen haben“, sagt Ursula Dähne voller Dankbarkeit. Ihr Mann war inzwischen erblindet und starb 1985. Sie aber ist bis auf den heutigen Tag Mitglied des Vereines.

Nach und nach sterben Freunde und Weggefährten

Jetzt hat sie alles geregelt, sagt Ursula Dähne. Sie empfindet es als beklemmend, dass nach und nach Freunde und Weggefährten sterben. Verwandte hat sie nicht, und vielleicht auch deshalb hat sie schon ihre eigene Todesanzeige formuliert. Dennoch ist sie lebensbejahend, schätzt sie sich ein, liest täglich die CZ und verfolgt die Politik mit wachen Augen. Von den derzeitig agierenden Politikern hält sie wenig, demgegenüber gefällt ihr Konrad Adenauer. „Das war doch noch ein Mann mit festen Grundsätzen“, sagt sie. Der aber habe vor vielen, vielen Jahren gelebt und gewirkt. „Wie schnell vergeht doch die Zeit“, sinniert Ursula Dähne.

Lebenslauf

✎1. September 1919: Ursula Ribbe wird in Breslau geboren

✎1931: Umzug von Berlin nach Zehdenick

✎1939: Aufnahme des Musikstudiums in Berlin

✎1.9.1939: Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa / Verlobung

✎2.9.1939: Verlobter Karl fällt im Krieg

✎1940: Erster Auftritt

✎1952: Beginn der beruflichen Tätigkeit im medizinischen Bereich

✎September 1961: Hochzeit in Leipzig mit Helmut Dähne

✎1972: Erwerb eines Grundstücks in Höfer, Bau des Hauses

✎1973: Umzug nach Höfer

✎1985: Ehemann Helmut stirbt

Von Udo Genth