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Mittendrin Erich Klahn: Celler und Angehörige entsetzt über Klosterkammer
Mehr Mittendrin Erich Klahn: Celler und Angehörige entsetzt über Klosterkammer
16:10 22.05.2014
Von Andreas Babel
Erich Klahn bei der Arbeit Quelle: cz
Celle Stadt

Die Familie des 1978 verstorbenen Künstlers Erich Klahn, die Stadtverwaltung, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle und die Stadtkirchengemeinde haben mehrere große Erich-Klahn-Ausstellungen für das kommende Jahr geplant. Und das trotz der Nazi-Vorwürfe, welche die Klosterkammer Hannover durch den Gutachter Henning Repetzky erhoben hat.

Während einer gemeinsamen Sitzung der Veranstalter sowie der Klosterkammer „wurde festgestellt, dass die Vorwürfe gegen Herrn Klahn bislang weder von der Tragweite, noch von der Nachweisbarkeit den Grad erreicht haben, der es rechtfertigen könnte, sein künstlerisches Wirken nicht mehr öffentlich vorzustellen“, sagte gestern Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende. Diese Ansicht teile auch Michael Fürst, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Niedersachsen. Die weitere Planung der Ausstellungen sei deshalb wieder in Gang gesetzt worden.

In der Stadtkirche soll der aus zwölf Bildern bestehende Jona-Zyklus gezeigt werden. Die Bilder hat der Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Michael Stier, noch in Verwahrung, obwohl die Klosterkammer schon dagegen interveniert hat, dass diese Bilder gezeigt werden. Zudem sollen sechs Altäre des Künstlers in der Gotischen Halle des Celler Schlosses gezeigt werden. Außerdem sollen die 1312 Ulenspiegel-Aquarelle in Celle, Lübeck und Bad Eilsen gezeigt werden. Während eines Moratoriums hätten sich die Ausrichter auf diese Ausstellungen geeinigt, sagte Stier.

Diesem Ausstellungsreigen in den kommenden Jahren soll nun eine Diskussionsveranstaltung in der Celler Synagoge vorangestellt werden, bei der Fragen erörtert werden sollen wie diese: Kann ein Kunstwerk schuldig sein? Was ist eigentlich ein Nazi? Stier meint, dass die Gründe der Klosterkammer, sich von der Klahn-Stiftung zu trennen, „sehr sehr dünn“ seien. Es gebe keine antisemitischen Äußerungen des Künstlers, übrig bleibe einzig ein unbeantworteter Klahn-Brief an Adolf Hitler aus dem Jahr 1936. „Völkisch gesinnt waren ja alle, viele wie Emil Nolde noch viel schlimmer, aber Klahn stand der Religion sehr nah“, meint Stier. Es sei für ihn auch keine Lösung, alle Kunstwerke aus Museen zu entfernen. „Niemandem nützt es, das einfach so unter den Teppich zu kehren“, sagt Stier, der darauf verweist, dass die Führungen durch den Niedersächsischen Landtag stets an einem Klahn-Teppich beginnen.

Der Celler Kunstexperte Dietrich Klatt hat Erich Klahn zwar nicht persönlich kennengelernt, beschäftigt sich aber intensiv mit den Altären des Celler Künstlers. „Er hat in seinen Altären immer versucht, Schwachen zu helfen. Deshalb wundert es mich, dass er nun so ein braunes Hemd anbekommt“, sagt Klatt. Klahn war seiner Meinung nach „ein ausgenommen origineller und kreativer Mann, der auch in seinen christlichen Werken eine sehr subjektive Sicht hatte“. Dabei habe er stets eine „sehr soziale, menschliche“ Sichtweise vertreten, meint Klatt. Er habe mal gelesen, dass Klahn sich als junger Mensch völkischem Gedankengut hingezogen fühlte, habe die jetzige Entscheidung der Klosterkammer, sich vom kulturellen Erbe dieses Mannes zu distanzieren „mit Schrecken“ aufgenommen.

Susanne Bade-Morcom, Leiterin des Celler Ortskuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) und Mitglied im Klahn-Freundeskreis, hat sich anlässlich der Entscheidung der Klosterkammer jetzt wieder mit einigen Klahn-Werken beschäftigt: „Diese sind so eindeutig pazifistisch, dass man daran sehr klar sieht, dass diese Idee, die jetzt im Raum steht, absolut abwegig ist. Dieses Verhalten der Klosterkammer ist ihrer unwürdig“, meint Bade-Morcom, die sich sicher ist, dass ihre Familie nie so tief gehende Verbindungen zu Klahn unterhalten hätte, wenn er tatsächlich ein unverbesserlicher Nazi gewesen wäre. Klahn war mit ihrem Großvater Ernst-Karl Bade eng befreundet. An Klahns Totentanz-Teppich könne man zum Beispiel sein „Ringen um Humanität und den Mist, der sich aus Kriegen ergibt“ ablesen, meint Bade-Morcom.

Klahns Sohn Johann Christian Bosse hätte sich eine wisenschaftliche Untersuchung der Rolle seines Vaters in der NS-Zeit gewünscht, „nicht eine reine Sammlung von Zitaten, die schon seit Jahren bekannt sind“, wie er sagt. Man hätte seines Erachtens die Zitate mehr in die Zeit einbetten und in die Fülle anderer Zeugnisse einbetten müssen. Er erklärt sich dieses Gutachten durch die „allgemeine Aufgeregtheit in Hannover“ und dadurch, dass Klosterkammer-Präsident Hans-Christian Biallas, der wie seine Vorgängerin Sigrid Maier-Knapp-Herbst Celler ist, „zeigen muss, dass er ein wackerer Kämpfer gegen die Nazis ist“, wie es Bosse formuliert.

Die Mehrzahl der Tausenden Klahn-Werke seien aber „ganz eindeutig pazifistischen Inhalts“, es gebe nur ein bis drei Werke mit nationalsozialistischen Inhalten. Außerdem sei sein Vater ja nicht erst nach 1945 ein religiöser Mensch geworden, sondern schon weit vorher. „Das Hauptproblem von Erich Klahn ist sein Geburtsdatum. Er ist in einer Zeit aufgewachsen, die aufgewühlt und gefährlich war. Einen Maler muss man aber nach seinen Werken beurteilen“, sagt Bosse.

„Ich kann nicht verstehen, wie eine so renommierte Stiftung wie die Klosterkammer Hannover mit dem ihr anvertrauten Kulturgut umgeht – darüber bin ich völlig fassungslos“, sagt Klahn-Tochter Liese Albrecht-Klahn (Jahrgang 1955). Sie möchte ungeachtet der Auseinandersetzung mit der Klosterkammer ihren Blick nach vorne richten und vier große Ausstellungen für die beiden kommenden Jahre vorbereiten.

Gutachter wirft Künstler Erich Klahn Opportunismus vor

Erich Klahn war einer der bedeutendsten Künstler, die in Celle gewirkt haben. Doch über sein Leben und seine politische Einstellung war bislang wenig bekannt. Ausgerechnet der Historiker, der vor 13 Jahren die einzige Monografie über den im Jahre 1901 in Oldenburg Geborenen verfasst hat, Henning Repetzky, hat nun in einem Gutachten versucht, Klahns Verflechtung mit dem NS-System nachzuweisen.
Wer war also dieser Klahn? Er wuchs in Lübeck auf. Über Kindheit und Jugend erwähnt das Gutachten wenig. Ab 1916 studierte der Heranwachsende in Lübeck an einer privaten Kunstschule, ehe er sich im Juli 1920 an der Akademie für Bildende Künste in München für das Sommersemester einschrieb. „Ich erlebte mit Freunden, Geistlichen, Arbeitern und Bauern und Bürgern zusammen die erste grosse Rede Hitlers im Hofbräuhaus“, erklärte Klahn am 24. August 1946 schriftlich. Er habe sich dann spontan noch im Jahr 1920 zu der neuen „Partei“ gemeldet und habe eine Nummer um die 2000 erhalten. Da er nur einmal oder gar nicht einen Mitgliedsbeitrag gezahlt habe, habe man ihn aber bald wieder ausgeschlossen. Drei Jahre später, im Entnazifizierungsverfahren, gab er nicht an, dass er der NSDAP angehört hatte.
In einem Brief an Adolf Hitler vom 2. März 1936 bittet er darum, einen Film zu verbieten, der das Volk der Flamen in ein schlechtes Licht rückt. Diesen Brief schließt Klahn mit der Formulierung: „Es lebe unsere germanische FREIHEIT!“ und dem Gruß „Heil“. Gutachter Repetzky meint, dass Klahns Vorstoß in dieser Sache zeige, „wie stark er zu diesem Zeitpunkt von dem ideologischen Gedankengut der ,Niederdeutschen Bewegung‘ und von völkischer Gesinnung durchdrungen war“.

Repetzky weist Klahn Verbindungen zu zwei „Größen“ des völkischen Lagers nach, zu August Georg Kenstler und zu Martin Konrad. Sie hätten in seinem Leben „eine nicht unbedeutende Rolle“ gespielt. In dem Gutachten werden die beiden völkischen „Größen“ zitiert. Für Klahn hingegen liefert es keinen Beleg seiner völkischen Gesinnung, wohl aber von dessen Wertschätzung dieser beiden Männer und ihres Werkes.
An anderer Stelle erwähnt das Gutachten, dass Klahn dem Widerstands-Kreis um Ernst Niekisch (1889 bis 1967) nahe gestanden hat. Dieser Kreis, der ultra-konservative, völkische und faschistische Positionen vertrat, wurde 1937 zerschlagen.

1922 lernte er auf dem Forstgut Miele die Celler praktische Ärztin Gertrud Lamprecht kennen. Sie vermittelte ihm sieben Jahre drauf den Kontakt zur Teppich-Werkstatt von Carlotta Brinckmann (1876 bis 1965)an der Celelr Trift, in der die mittelalterlichen Bildteppiche des Klosters Wienhausen restauriert wurden. In der Folge spielten die von Klahn umgesetzten Motive, denen keltische und germanische Stoffe zugrunde liegen, Ende der 1930er Jahre eine „auffallende Rolle im Repertoire seiner Teppichentwürfe “.
1940 sollte Klahn eingezogen werden, wurde aber wegen eines Augenleidens ausgemustert. Er soll seit seinem siebten Lebensjahr am „Erkennen von Doppelbildern“ gelitten haben. 1943 erhielt Klahn den Emanuel-Geibel-Preis der Stadt Lübeck. Bei der Preisverleihung reckte Klahn den rechten Arm zum Hitlergruß und erklärte das 1946 so: „Ich bin aber auch freimütig genug, zu gestehen, dass ich bei der Ehrung für die Gefallenen zum ersten Mal und zum einzigen Male bei der Verleihung des Geibelpreises den Arm hochgenommen habe. Und das hätte ja wohl jeder Ausländer getan, nicht wahr!?“

Während der NS-Zeit hat sich Klahn um öffentliche Aufträge „nicht sonderlich bemüht“, schreibt der Gutachter und versieht das mit einem „Zugegeben“, so als müsse er zugeben, dass er auch an dieser Stelle kein Belastungsmaterial gegen den Künstler gefunden hat.

„Die ausgewerteten Materialien machen deutlich, dass Erich Klahn in seiner Gesinnung und seinem politischen Handeln in hohem Maße durch völkische Überzeugungen geprägt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat diese Gesinnung allem Anschein nach bei Erich Klahn nicht mehr offen zutage“, schreibt Repetzky zu Beginn seiner Zusammenfassung. Er bezeichnet ihn als Opportunisten. „Tatsächlich vertrat Erich Klahn aktiv keine irgendwie geartete pazifistische Gesinnung. Dafür gibt es bisher keine Belege. Erich Klahn umgab sich stattdessen mit Menschen, die den Krieg nicht explizit ablehnten, ihn vielmehr als adäquates Mittel erachteten, politische Ziele zu erreichen“, meint der Gutachter. Er habe sich aber „direkt keiner Verbrechen an der Menschlichkeit schuldig gemacht“, er sei aber mehr als nur Mitläufer gewesen, meint der Gutachter.