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Mittendrin Erlebnisreich Celle
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12:55 02.09.2016
Celle Stadt

Fünfzehn kleine und große Pferde tummeln sich auf einer Koppel. Um sie herum wu­seln 30 Menschen, doch die geduldi­gen Huftiere kann nichts aus der Ruhe bringen: Kein Erwachsener auf ihnen, kein Jugendlicher, der den Sattel fes­ter schnallt, und auch nicht die Eltern, die das alles auf ihrem Smart­phone festhalten. Selbst die Kinder im Doppelpack auf ihren Rücken können sie nicht schrecken. Die Karawane setzt sich in Gang und macht sich auf den Weg zu­rück zum Hof Tannhorst in Vorwerk. Ein Pferd nach dem anderen schreitet durch das kleine Waldstück. Verena Querling sitzt das erste Mal auf einem Pferderücken und genießt sichtlich die Natur um sie herum: „Meine zwei Kinder können schon reiten und haben solch einen Spaß dabei. Da wollte ich es auch mal ausprobieren.“ Schließ­lich möchte die Rechtsanwältin aus Düsseldorf einen Zugang zum Hobby ihrer Tochter bekommen. Denn ehe sie von der Großstadt ins Umland gelangt, vergehen viele Autominuten, und Staus sind vorprogrammiert. Nun nutzt sie zusammen mit ihren Kindern die Reiterferien der Jugendherberge Celle zum Ausspannen.

Gleich am ersten der sechs Urlaubstage haben die 30 Teil­nehmer im Theorieunterricht gelernt, wie man mit einem Pferd umgeht und was man beim Reiten alles beachten muss. Am zweiten Tag ging es das erste Mal in der Reithalle aufs Pferd. Die Kinder zeigten zunächst, was sie schon konnten: Schritt, Trab, manche sogar Galopp. Im Vergleich zu den Erwachsenen „klebten“ die Jüngs­ten regelrecht auf den Pferden, wie Andrea Caspers es nennt. Die Kleinen machten ihren Eltern Mut, langsam den Respekt gegenüber den Tieren schwinden zu lassen. Auch die Hamburgerin ist ganz begeistert: „Ich genieße die Minuten auf dem Pferd, schon nach kurzer Zeit ist mein Rü­cken wieder fit.“ Ihre Kinder waren bereits in den Reiterferien. „Dort wurde in dreißig Minuten Einzelunterricht am Tag nicht so viel erklärt wie hier. Das war eine Ab­fertigung wie am Fließband.“

Hier in Vorwerk werden die Familien von drei Reitlehrern begleitet, die alle Fragen beantworten. Chefin Anna-Katharina Wehr betont: „Wir sind kein Touristen­betrieb, uns ist das ganzheitliche Pro­gramm wichtig, damit Groß und Klein Vertrauen zum Pferd fassen.“ Nach den Reitstunden am Vor­mittag ging es für die Gruppe ins Badeland, zur Schlossführung und zum Abendspaziergang mit dem Nachtwächter. Das war im Reiseplan so vorgesehen, doch mit einer Sache haben die Familien nicht ge­rechnet: „Wir sind eine richtige Ge­meinschaft geworden“, erzählt Verena Querling. Die Abende nutzten die Fa­milien, um zusammen etwas auf dem Gelände der Jugendherberge anzu­stellen. Die jüngsten Kinder sind fünf, die ältesten 15 Jahre alt. Gemeinsam spielten sie Fangen, Verstecken oder chillten um die Tischtennisplatte her­um. Dabei philosophierten die Groß­stadtkinder darüber, wie viel Dreck im Alltag nützlich ist, um sich vor dem Ausbruch von Allergien und Unverträglichkeiten zu schützen.

Herbergsvater Manfred Köster freut sich, dass sein Konzept aufgeht. Seitdem der Artikel über die Celler Reiterferien in der Mitgliederzeit­schrift des Deutschen Jugendherbergs­werk erschienen ist, steht sein Telefon nicht mehr still. Für 2016 hat der Chef im Heft drei Termine angeboten. Als sich aber immer mehr Familien anmel­deten, hat er noch mal umgeplant und auf sieben Termine aufgestockt.

Besonders begeistert sind die Mädchen, die schon Vorkenntnisse haben. Auf dem Weg zum Hof breiten sie ihre Arme aus und reiten freihändig. Aber auch die Jungen fühlen sich im Grünen wohl und hüpfen mit ihren Gummi­stiefeln in die Pfützen. Am Ende des Reitausfluges müssen alle anpacken: Den Kindern kann es am Unterstand gar nicht schnell genug gehen. Da muss Reitlehrerin Wehr die Jüngsten bremsen: „Wartet bitte, bis die Pferde ihre Futterschüsseln haben. Macht erst mal eine Sache in Ruhe.“ Einer hält den Fuß, der andere kratzt die Hufe aus und zwei gucken zu: „Blume, du hast ja die halbe Landschaft mitge­nommen“, stellen die Kinder fest. Da­nach geht es ans Absatteln, Striegeln und ab in den Stall. „Morgen kommen wir wieder.“

Von Dagny Rößler