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Mittendrin Getanzte Poesie
Mehr Mittendrin Getanzte Poesie
18:28 10.11.2010
Kunstvoller Tanz zu königlicher Musik: Auch die kleine Hofgesellschaft ist mit viel Eifer bei der Sache. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Celle Stadt

Leidenschaftliche Begeisterung, märchenhafte Sehnsucht, sinnliche Hingabe, stilles Verharren – Worte, die die bewegende Welt des Tanzes nur lustvoll umschreiben können. Ballett ist die Kunst, eine Geschichte statt mit Worten mit Musik und Tanz zu erzählen. Der Tanz ist so alt wie die Menschheit. Die Bewegungsabläufe der Ballettkunst hingegen sind erst im Lauf der letzten Jahrhunderte entstanden.

Die kreative Ballettschule Celle ist eine weit über die Landesgrenzen hinaus anerkannte und renommierte Schule, die neben der klassischen Technik viel Wert auf das Vermitteln von Musikverständnis und Ausdruckskraft legt. Schulleiterin Ilona Harf erhielt ihre tänzerische Ausbildung in Hannover, Remscheid und Bremen. Kontinuierliche Weiterbildungen auch an internationalen Bühnen und damit verbundene Begegnungen und Erfahrungen haben in ihr die Lust geweckt, immer wieder neue abwechslungsreiche und – trotz ihres Faibles für klassisches Ballett und Barocktanz – zeitgemäß inszenierte Aufführungen mit Elementen des modernen Tanzes anzubieten. Handlungsballett heißt das Zauberwort.

Märchenhaftes Ballett von Hänsel und Gretel

Und ihre anstehende Benefiz-Aufführung „Gretel – und der Hans?“ klingt nicht nur märchenhaft, sondern ist es auch: Harf hat ein neues Märchenballett choreografiert, in dem sie – unterstützt von erwachsenen Mitwirkenden und von Mitgliedern des Zirkus Knalltüte – das bekannte Märchen von Hänsel und Gretel auf ihre Weise neu erzählt:

Hänsel und Gretel verlassen ihr Zuhause, um im nahe liegenden Schloss ihre Dienste anzubieten. Dort feiert die prächtig gekleidete Hofgesellschaft ein glanzvolles Fest und tanzt kunstvoll zu königlicher Musik. Im Wald entdecken die beiden Kinder einen Zirkus mit Akrobaten, Tänzerinnen, Jongleuren und wilden Tieren! Die Spannung steigt, als die heidnische Hexe ins Spiel kommt…

Klassische Märchenanmutung und moderne Elemente, Fantasie- und Erfahrungswelt lassen sich in der tänzerischen Umsetzung bestens verbinden, schwärmt Harf. Im Gespräch beeindruckt ihre offenherzige und begeisterungsfähige Art, aber auch ihre zielgerichtete Konzentration und Ernsthaftigkeit. Aus ihren Antworten erfährt man, wie sie in der nur scheinbar sprachlosen Kunst des Balletts mittels Körpersprache ungemein aussagekräftige Situationen schafft, wenn sie fantastische Geschichten mit emotionalen Bewegungen verknüpft. Nicht artistisch als Leistungssport, sondern als Fähigkeit, Inneres sichtbar zu machen. Ihre Choreografie ist Komposition mit dem Körper: Melodiesuche, Gleichklang, Dissonanz. Schwingende, springende und sich drehende Poesie. Wenn sie ein neues Stück entwirft, nimmt sie sich Zeit. Für die Geschichte selbst, für die Auswahl der Musik, für die Kostüme, für bestimmte Bilder in ihrem Kopf, die heranreifen müssen. Sie nimmt sich aber auch Zeit für die Muße, wenn es sein muss, damit die Beschäftigung mit dem Stück zwischendurch auch mal ruhen und atmen kann wie ein guter Wein.

Ihren Figuren verleiht sie teils lyrisch-klassische, teils pointiert karikaturhafte Züge und lotet dabei ihren Witz wie ihren seelischen Tiefgang aus. Als erfahrene Choreografin und fantasievolle Poetin nutzt sie jede Möglichkeit, auf der Bühne weite Bögen zu spannen und raumgreifende Ensembleszenen zu entwickeln. Faszinierend, wie sie auf die fließende, formgewandte Leichtigkeit hinwirkt, mit der die Körperlinien und Raumlinien sich zusammen mit der Musik entfalten, geradezu fesselnd die Spannung, die aus dem genau durchgestalteten Spiel mit den Körper- und Raumachsen entsteht.

Die Einstudierungen beginnen an der Stange und gehen dann mit schwierigeren Schritten in der Mitte des Raumes weiter. Die Stange dient als Stütze zum Aufwärmen der Muskeln und zur Vorbereitung auf spätere Schritte sowie für das richtige Verhältnis der Körperteile zueinander, zum Beispiel Schultern zu Hüften. Einfühlsam und verständlich korrigiert Harf die kleinen Fehler, während die Mädchen und Jungen sich im Spiegel kontrollieren. Etwa beim „adagio“, den langsamen Bewegungen mit Spannung für Haltung und Gleichgewicht. Oder bei den Pirouetten und dem „petit allegro“, den kleinen schnellen Sprüngen, bei denen die Füße zusammenschlagen. Oder beim „grand allegro“, den Sprüngen und Schritten in der Diagonalen, die sich schon richtig wie Tanz anfühlen. Immer größer wird die durch eigenes Erleben gesteigerte Freiheit der Bewegungen und mit ihr die Lust an der tänzerischen Gestaltung: Die Positionen der Beine und Arme, die Posen im Raum, die arabesques, battements und pliés, die jetés und assemblées, die große Zahl der charakteristischen Schritt- und Sprungfolgen in alle Richtungen des Raumes, ausgerichtet und sortiert nach dem jeweiligen musikalischen Diktat.

Sorgfältig das Vokabular der Tanzsprache vermitteln

Die Bewegungen werden im höchsten Maße musikalisch ausgeführt. Damit ist nicht nur die rhythmische Genauigkeit, die Präzision gemeint, sondern auch der Anspruch, den Melodiebogen und die Charakteristik der Musik zu erfüllen. Da erweist es sich als optimal, wenn die kleinen Tänzer(innen) instinktiv die richtigen Bewegungen zur Musik machen statt „nur“ einer Forderung der Lehrerin nachzukommen. Denn in der Körpersprache von Kindern verbirgt sich der Anfang von Fantasie ohne Ende. Da genügt es manchmal schon, wenn Harf mit gezielten Anfeuerungen das komplexe Mitteilungs- und Ausdrucksvermögen ihrer Eleven, ihrer Körper und Bewegungen provoziert, um die Geschichte in Form zu bringen. Daneben geht es ihr sichtlich und spürbar vor allem darum, ihren Schülern sorgfältig das Vokabular der Tanzsprache zu vermitteln, sie zu befähigen, geistig und emotional die Schritte, Bewegungen und Formen zu verinnerlichen, um sich selbst „beherrschen“ zu können, also buchstäblich „Herr im eigenen Hause“, im eigenen Körper zu sein.

Musik auswählen und Kostüme schneidern

Harf schreibt nicht nur die Drehbücher für ihre Ballett-aufführungen, sie bearbeitet auch die ausgewählte Musik hinsichtlich ihrer Tempi und Dramaturgie. Und sie entwirft und schneidert auch die meisten Kostüme selbst. Dabei erweisen sich allerdings die Mütter ihrer Eleven als hilfsbereite „Mädchen für alles“, schwärmt die Schulleiterin mit großer Dankbarkeit. Denn wenn man bedenkt, dass allein die als „Tutu“ bezeichneten Ballettröckchen aus mehreren Schichten von Tüll, Seide oder Nylongewebe bestehen können und eine „Spannweite“ von 3 bis 4 Metern haben, wird jede mitschneidernde und mitnähende Hand zur willkommenen Hilfe.

Und wenn man bedenkt, wieviel Zeit das Herrichten der Frisuren mit ihren unverzichtbaren „Ballettknoten“ vor der Aufführung in Anspruch nimmt, wieviel wachsame Aufmerksamkeit aber auch die backstage vor Lampenfieber vibrierenden Mädchen und Jungen erfordern, kann man sich vorstellen, welch unverzichtbare Hilfe Harf in „ihren Müttern“ hat, die dann mit Tränchen der Rührung in den Augen seitlich der Bühne die in zweifacher Hinsicht märchenhafte Vorführung ihrer Kinder verfolgen.

Aus der Benefizreihe „Kinder tanzen für Kinder“ ist mittlerweile die Benefizreihe „Künstler für Kinder“ geworden. Denn auch die Erwachsenen-Klassen der kreativen Ballettschule beteiligen sich schon seit einigen Jahren an den Aufführungen. In diesem Jahr wird das Ensemble zudem durch die professionellen Künstler Liza John (Gesang) und Alexander Schories (Klavier) sowie durch Mitglieder des Zirkus Knalltüte ergänzt.

●Karten: Die Benefiz-Aufführung des Märchenballetts „Gretel – und der Hans?“ erfolgt am Sonntag, 14. November, um 17 Uhr in der Congress Union. Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene 15 Euro, für Kinder 10 Euro. Ticket-Hotline: (05141) 919460.

Von Rolf-Dieter Diehl