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Mittendrin Hoch zu Ross durch die Heide
Mehr Mittendrin Hoch zu Ross durch die Heide
19:44 18.09.2013
Karsten Kielhorn (links) auf dem braunem Wallach Forest und - Michael Galdia auf dem Fuchswallach Eddi bilden eines der Teams der Reiter- - staffel Braunschweig, die während der Heideblüten-Saison ihren Streifendienst - in dem weitläufigen Naturschutzpark Lüneburger Heide versehen. Quelle: Anne Friesenborg
Misselhorn

Dienst im pittoreskenPostkartenidyll

Zur Zeit der Heideblüte im Spätsommer sind unzählige Wanderer in dieser Gegend unterwegs. Hier finden sie die pittoreske Lüneburger Heide ungezählter Postkarten und Bildbände: Die typische Landschaft mit weiten Heideflächen und knorrigen Wacholderbüschen, mit Schnuckenherden, Bienenzäunen und reetgedeckten Schafställen. Und hier ist auch eines der Schwerpunktgebiete für den Einsatz der berittenen Polizei.

Die beiden Polizeikommissare Karsten Kielhorn mit seinem Braunen „Forest“ und Michael Galdia mit seinem Fuchs „Eddi“ gehören zu den wechselnden Teams, die während der Heideblüte-Saison von der Polizeireiterstaffel Braunschweig abgeordnet werden und im weitläufigen Naturschutzpark ihren Streifendienst versehen. Eine willkommene und beliebte Abwechslung für die sonst zumeist bei Demonstrationen, Schützenfesten, Fußballspielen und anderen Großveranstaltungen eingesetzten Pferde und Reiter, wenn sie von Juli bis September die schadstoffgeschwängerte Stadtluft gegen die erdig-würzige Landluft in der Heide eintauschen können und statt mit provozierenden und grölenden Hooligans konfrontiert zu werden überwiegend auf friedliebende Wanderer treffen. Dass diese sich zumeist auch noch als „streichelsanft“ erweisen, lässt die für Streicheleinheiten immer empfänglichen Pferde geradezu genüsslich durch die Nüstern schnauben.

So wie die Begegnung mit einer Heidschnuckenherde für die Touristen immer wieder ein besonderes Erlebnis ist, ist auch das Zusammentreffen mit den Polizeireitern ein unerwarteter Glücksfall, bei dem die Männer sofort zur Kamera greifen, während Frauen und Kinder bevorzugt auf Tuchfühlung zu den imposanten Pferden gehen. Eine kleine Wandergruppe, die den Beamten entgegenkommt, bestätigt das einmal mehr. Sie gehört zu einem Bonner Kirchenchor und ist völlig überrascht. Polizeireiter? Die kenne man zwar „aus dem Fernsehen, von Demos und so“, aber ihnen leibhaftig inmitten der beschaulichen Heide zu begegnen, damit hätten sie nie gerechnet.

Pferde freuen sich überStreicheleinheiten

Schnell kommt man ins Gespräch. Freundlich und zuvorkommend beantworten die Beamten die immer wiederkehrenden Fragen nach ihren Aufgaben und deren Besonderheiten. „Darf ich das Pferd auch mal streicheln?“, fragt ein kleines Mädchen dazwischen. Die siebenjährige Lara aus dem münsterländischen Harsewinkel ist fasziniert von den großen, gutmütigen Tieren, die wiederum neugierig das Kind betrachten. „Bei uns zu Hause gibt es zwar auch viele Pferde, aber ich habe noch nie eins gestreichelt“, sagt Lara mit strahlenden Augen und mag sich gar nicht mehr von „Forest“ trennen. „Da werden meine Freundinnen daheim aber neidisch werden, wenn ich ihnen davon erzähle“, schwärmt sie.

„Was für ein Traumjob“, mögen viele Besucher der Lüneburger Heide denken, wenn sie die Polizeireiter bei schönem Wetter durch die blühende Landschaft patrouillieren sehen – hoch zu Ross und scheinbar ohne jeden Stress. Doch die geruhsam anmutenden Ritte durch die Heide seien nicht immer so unbeschwert wie sie vielleicht aussehen mögen, hatten die beiden Beamten am frühen Morgen geschildert, während sie ihre sieben und acht Jahre alten Wallache putzten, striegelten und schließlich sattelten. Nicht nur tiefer Boden, intensive direkte Sonnenbestrahlung und ständige Staubentwicklung verlangten Pferden und Reitern einiges ab.

Polizisten sind keineSchönwetterreiter

Die Polizeireiter seien auch alles andere als „Schönwetterreiter“, denn ihre Einsätze erfolgten zu jeder Zeit, „bei Wind und Wetter“, wie sie sagten. Sie suchen nach Vermissten, helfen Verletzten, weisen Reiter und Mountainbiker zurecht, die den Weg verlassen haben oder sich rücksichtslos verhalten, und verhängen Bußgelder, wenn jemand raucht, grillt oder seinen Hund nicht angeleint hat.

Letzteres passiert ihnen an diesem Tag gleich zu Beginn des Streifenritts: Auf einem parallel verlaufenden Trampelpfad kommt ihnen ein älteres Ehepaar entgegen, dessen Dackel frei vor ihnen herläuft. Als Frauchen die Beamten wahrnimmt, leint sie den Hund sofort an. „Die Leute wissen ganz genau, dass hier im Naturschutzgebiet ganzjährig Anleinpflicht besteht“, sagt Michael Galdia und fügt verständnisvoll hinzu: „Aber sie wollen natürlich auch dem Bewegungsdrang des Hundes Spielraum geben.“ Wie zur Bestätigung nimmt er im Weiterreiten aus den Augenwinkeln wahr, wie die Dame einige Meter weiter ihren Dackel wieder ableint. Nun wird er energisch und ruft sie in aller Deutlichkeit belehrend zur Ordnung. Das wirkt. Zumindest vorübergehend.

Immer wieder werden die Polizeireiter mit der „Mein-Hund-hört-aufs-Wort“-Mentalität und der damit verbundenen Gedankenlosigkeit unbelehrbarer Hundehalter konfrontiert, die ihre frei laufenden Hunde so gerne verharmlosen. Dabei – so wissen die hiesigen Schäfer aus leidlicher Erfahrung zu berichten – verursachen diese immer wieder große Probleme, wenn sie aus ihrem natürlichen Jagd- oder Spieltrieb Schnuckenherden auseinander treiben und dabei sogar in Kämpfe mit den Hütehunden geraten, die ihre Herde verteidigen. Unabhängig davon stören und ängstigen die frei umher laufenden Hunde auch nicht unerheblich die vielen Tiere, die in den Heideflächen und Wacholderbüschen Unterschlupf finden, erläutern die beiden Polizeireiter.

Autofahrer, die auf gesperrten Straßen in die Heide zu fahren versuchen, gehören zu ihren alltäglichen „Kunden“. Hin und wieder verirren sich sogar Busse ins Naturschutzgebiet hinein. Da ist – wie auch bei anderen Ordnungswidrigkeiten – viel Fingerspitzengefühl und Aufklärungsarbeit nötig. In vielen Fällen wird allerdings auch ein Bußgeld fällig. Verglichen damit sind die Begegnungen mit Kutschen und Planwagen und den häufig mehr oder weniger alkoholisierten Gruppen an Bord zumeist eher vergnüglicher Art, wenn auch die Sprüche, die sich die Polizeireiter dabei mitunter anhören müssen, oftmals „richtig nervig“ sind. Die Frage „Wo haben Sie denn Ihr Blaulicht?“ gehört dabei noch zu den harmloseren.

Planwagen stressen Pferde

Weniger vergnüglich seien die Planwagen für die Pferde, erläutert Karsten Kielhorn. Die potenzielle Gefahr, die von der herannahenden Bewegung ausgeht, löse Stress in ihnen aus und animiere sie als Fluchttiere dazu, vorsichtshalber das sprichwörtliche Weite zu suchen. Das Vertrauen zum Reiter und dessen sich auf das Pferd übertragende Ruhe sei das einzig wirksame Gegenmittel. Und das offensichtliche Wissen darum, dass dieser buchstäblich alles, darunter natürlich auch die Zügel, fest im Griff hat. Wie bestellt nähert sich in diesem Moment von der einen Seite ein Planwagen. Auf der anderen Seite kommen – es hat angefangen zu regnen – einige mit bunten Schirmen bewehrte Wanderer aus dem Wald heraus. Man sieht es den äußerlich relaxed wirkenden, aber innerlich angespannten Polizeipferden geradezu an: Sie warten vertrauensvoll ab, wohin ihre Reiter sie führen.

Von Rolf-Dieter Diehl