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Mittendrin Leicht und lautlos durch Celler Lüfte
Mehr Mittendrin Leicht und lautlos durch Celler Lüfte
19:19 21.05.2014
Die Aufregung wird weggelächelt. Segelflieger Olaf Strauch hilft CZ-Reporterin - Johanna Müller, sich vor ihrem ersten Flug gut anzuschnallen.  Quelle: Benjamin Westhoff (3) / Johanna Müller
Celle

Ich sitze fest angeschnallt im Segelflugzeug mit der Kennung D-4468. Ich fühle mich wie festgekettet – und das ist auch gut so, sonst würde ich wohl in den nächsten Sekunden verschwinden. Mein Puls rast. Ich bin aufgeregt vor meinem ersten Start in diesem schmalen Flieger.

„Beruhig dich, das ist gar nicht schlimm. Genieß' den Flug einfach“, sagt Fluglehrer Jörg Eichhorn, der hinter mir sitzt. Als Teilnehmerin eines Schnupperkursus darf ich wie die Flugschüler vorne sitzen. Neben mir startet währenddessen ein Flugzeug – nun steigt meine Anspannung ins Unermessliche. Die Maschine wird innerhalb weniger Sekunden von einer Seilwinde in die Luft gezogen. Der Start sieht ziemlich holprig und ruppig aus. Jetzt bekomme ich wirklich Angst, doch es ist zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen.

Vor der Praxis kommt die Wetterkunde

Noch vor wenigen Stunden war ich frohen Mutes. Vom ersten Moment an fühlte ich mich wohl bei der Flugsportvereinigung Celle. Gesehen hatte ich die meist weißen Flieger über Celle schon oft – der Schnupperkursus war die Gelegenheit, einmal deren Perspektive einzunehmen. Zusammen mit vier weiteren Kursteilnehmern habe ich zunächst eine theoretische Einführung in den Sport erhalten. Besonders wichtig ist das Wetter.

„Traumwetter für die Segelflieger herrscht, wenn ein Paar Wölkchen an einem sonnigen Himmel zu sehen sind“, erklärt Eichhorn in einfachen Worten für uns Anfänger. Doch der Wettergott meint es nicht gut mit uns. An unserem ersten Kurstag können wir nicht lange in der Luft bleiben. Die benötigte Thermik, die Auftrieb ermöglicht, entsteht bei dem dicht bewölkten Himmel nicht. Dennoch können wir zu Platzrunden starten.

Das Dach des Flugzeugs mit der Nummer D-4468 ist jetzt geschlossen – genauso wie meine Augen. Doch plötzlich wird aus meiner Anspannung Vorfreude. „Hey, ich werde fliegen!“, denke ich. Unser Starthelfer Olaf Strauch hebt einen Flügel der ASK 13 waagerecht in Startposition. Das Windenseil wird gespannt und er gibt das Zeichen. Jetzt werden wir hochgezogen.

Scheuen wird unter uns klein wie Spielzeug

Und dann kommt es, wie es kommen musste: Alle hatten recht. Der Start ist überhaupt nicht holprig, die Beschleunigung kaum spürbar und dieses Gefühl einfach nur fantastisch. Wir steigen immer höher und höher. Ich blicke aus dem Fenster und sehe die Häuser kleiner werden, Scheuen wirkt wie ein Spielzeugort, die Felder sehen aus wie mit dem Lineal gezogen und Raps strahlt mich in seinem Sonnengelb aus der Ferne an. Ein Ruck reißt mich aus meinen Gedanken. „Huch, was hat denn da geknackt?“, frage ich. „Das Seil ist ausgehackt, ab jetzt sind wir frei“, sagt Pilot Eichhorn. Ja, das sind wir.

Dieses Gefühl kosten etwa 80 aktive Mitglieder des seit 1952 in Scheuen ansässigen Vereins regelmäßig aus – bei Flügen über Celle oder auf der Langstrecke. 500 Kilometer und mehr können die Sportler an einem Tag zurücklegen. „Einmal bin ich aus dem Flugzeug gestiegen und hatte ganz blaue Füße, weil wir etwa acht Stunden unterwegs waren“, erzählt Nikolas Betz. Denn je höher die Piloten steigen, desto kühler wird die Luft. Er hat im Alter von 15 Jahren das Fliegen in Scheuen gelernt. „Der Spaß am Fliegen und die Faszination, einfach ruhig durch den Raum zu gleiten, haben mich dazu gebracht“, sagt er. Mit 14 Jahren können junge Piloten ihren Flugschein machen.

Das Luftgefährt mit der Kennnummer D-4468, in dem die Schulungsflüge absolviert werden, wurde im Jahr 1976 gebaut. Als ich das höre, muss ich erst einmal schlucken. Doch Betz, der mir vor dem Start die Maschine erklärt, beruhigt mich. „Auch die älteren Flugzeuge sind top gewartet und sicher. Die Neuen sind aber leistungsstärker“, sagt er. Das bedeutet, sie sind schneller – und darum geht es bei den Wettkämpfen der Segelflieger.

Viel Mechanik steckt im Segelflugzeug

„Das Flugzeug wird mechanisch gesteuert“, erklärt Betz und zeigt mir das Gestänge, über das die Haut gespannt ist. Darunter befinden sich weitere Stangen, die mit den Rudern verbunden sind. Jede Bewegung des Steuerknüppels wird direkt umgesetzt. Elektrisch werden nur die Messgeräte betrieben.

Doch oben in der Luft achte ich kaum auf das Armaturenbrett. Die Landschaft ist viel interessanter. Wir gleiten ganz leicht und lautlos vor uns hin. „Jetzt übernimm du mal und halt das Flugzeug gerade“, sagt Eichhorn. Also halte ich den Steuerknüppel fest und versuche den Horizont in meinem Sichtfeld gerade und gleichmäßig hochzuhalten. Ich habe das Gefühl völlig frei zu sein, keine Straßenschilder, kein Gegenverkehr und keine roten Ampeln halten mich auf.

Unter Segelfliegern wird sich geduzt

„Trotzdem gibt es Regeln und Lufträume, die umflogen werden müssen“, hat mir Betz bereits erklärt, als wir noch im „Jumbo“ saßen. „Jumbo“ heißt der Pritschenwagen, mit dem die Seile von der Winde zurückgeholt werden. Immer zwei Starts sind möglich, dann setzt sich der „Jumbo“ in Gang. „Das gehört dazu“, sagt Betz. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Jeder übernimmt mal den Dienst und hilft beim Start. Einige Flieger kommen von Außerhalb und verbringen ihr Wochenende im Wohnwagen auf dem Flugplatz. „Unter Segelfliegern wird sich geduzt“, sagt Ausbilder Eichhorn. Und so unterhalte ich mit gleichaltrigen und auch mit älteren Vereinsmitgliedern, als würden wir uns schon ewig kennen.

Rund sieben Minuten hat mein erster Segelflug gedauert. Als wir die 100-Meter-Marke erreichen, setzt Eichhorn zum Landeanflug an. Und auch das Aufsetzen ist nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zurück auf dem Boden löse ich meine Gurte, die mich beim nächsten Start nur noch sichern, aber nicht mehr festketten müssen. Johanna Müller

Von Johanna Müller