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Mittendrin „Machen Sie bitte nicht so viel kaputt“
Mehr Mittendrin „Machen Sie bitte nicht so viel kaputt“
19:15 03.02.2010
Gegen den Strich zu arbeiten, verzeiht der Stein nicht: Steinmetzmeister Helmuth Gebauer bei der Arbeit. Quelle: Torsten Volkmer
Winsen (Aller)

Der kleine silberne Pokal vom Vergleichsschießen der Kyffhäuser und der Reservistenkameradschaft in Südwinsen steht etwas abseits auf dem Vorsprung des breiten Wohnzimmerschranks in dem Raum mit dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

„Balken liegen auf

ausgedienten Grabsteinen“

Im Moment ruht zwar der Bau der Garagen im Fachwerkstil auf dem Hof hinter dem Haus, aber kurz vor Weihnachten war Richtfest: „Die Balken liegen auf ehemaligen ausgedienten Grabsteinen“, beschreibt Gebauer die Besonderheit an seinem Bauvorhaben, das oben am Dach mit Pferdeköpfen gekrönt werden wird. Rund 20 Festmeter hat er vor 22 Jahren auf der Hofstelle Achterberg bei Dorfmark auf dem Truppenübungsplatz geschlagen. Seit 22 Jahren trockneten die Stämme. „Die Tradition ist mir wichtig“, betont der Steinmetz, der sich auch im Winser Heimatverein engagiert und dem auch sehr am Erhalt der Bockwindmühle liegt. „Das macht mir einfach Spaß.“ Seit 47 Jahren arbeitet der Steinmetz in seinem Beruf: „Ich bin gerne Steinmetz und solange ich kann, will ich arbeiten.“ Und jeder Stein sei immer wieder neu, begründet Gebauer seinen Satz, dass lebenslanges Lernen auch in seinem Fach und in seinem Beruf erforderlich ist.

Natürlich gibt es heute effizientere Werkzeuge und bessere Hebegeräte als damals, aber die Auszubildenden hätten heute kaum echte Chancen, viel über Gesteine und deren Handhabung zu lernen. „Die Zeit ist einfach zu kurz bei zwei Berufsschultagen.“

„Frauen sind heute

sehr gute Meisterinnen“

20 Auszubildende hat Gebauer bisher begleitet, davon vier Frauen. „Die haben außergewöhnliche Ergebnisse gebracht und sind heute sehr gute Meisterinnen“, freut sich der frühere Lehrlingswart und Prüfer, der auch heute noch Volontäre, Praktikanten und beim „Girls’ day“ auch Mädchen für den Beruf des Steinmetzes begeistert. „Das ist einerseits ein künstlerischer Beruf – andererseits aber klar ein Handwerk mit allen Beschwerlichkeiten.“ Bei Regen, Frost und Schnee müsse man die Steine bearbeiten.

„Oft sitzt man stundenlang an einer Klamotte, um sie zu bezwingen.“ Da entscheide sich, ob der Stein Feind oder Freund wird, findet Gebauer und betont, wie wichtig in solchen Situationen das Zwiegespräch mit dem Stein ist. „Ehe ein Stein bricht, signalisiert er es und zeigt mir die Grenzen auf, wenn ich zu viel Masse vor dem Eisen habe: Das muss ich spüren.“

Und diese Kunst zu vermitteln sei nicht leicht. „Man muss spüren, wo das Lager ist, wo die Gangseiten sind und wo die Kopfseite.“ Gegen die Richtung zu arbeiten führe zu Aufspaltungen. Und dann sei man verloren. „Gegen den Strich zu arbeiten, verzeiht der Stein nicht.“ Egal, ob Sandstein, Granit oder Carrara-Marmor.

Die Obelisken von Paris und im Vatikan seien da echte Beispiele hervorragender Kunstwerke, denn sie sind trotz ihrer gewaltigen Höhe aus einem Stück Fels gehauen. „700 Tonnen wiegt der 25 Meter hohe Obelisk im Vatikan und 150 Pferde waren vor gut 2000 Jahren nötig, um den Fels aufzurichten“, weiß Gebauer, und der 23 Meter hohe Obelisk auf dem Place de la Concorde in Paris ist ein etwa 250 Tonnen schwerer ägyptischer Monolith aus Granit. „Der steht da seit 1836.“

Einfühlungsvermögen bei Gesprächen mit Trauernden

Etwa drei bis vier Wochen nach dem Trauerfall kümmern sich viele Hinterbliebene bereits um die würdige Ausgestaltung der Grabstelle ihrer Angehörigen. „Das sind immer Gespräche, die viel Einfühlungsvermögen erfordern“, weiß der Steinmetzmeister. Schließlich wollen die Angehörigen durch ein Grabmal etwas mitteilen. Da seien Hinweise zu Schrift und Symbolik gefragt. „Manches geht einfach mit aufs Kopfkissen“, ruft der Beruf auch nach Ausgleich.

Seit 55 Jahren sammelt Gebauer Briefmarken. „Das ist allerdings kein stumpfsinniges Sammeln oder Zusammenraffen“, findet Helmuth Gebauer, sondern hier gehe es um einen Atemzug der Geschichte. „Wir sammeln zeitgeschichtliche Belege.“ Und wenn er wir sagt, dann meint er auch seine Söhne Raphael und Gerhard: „Jeder Brief erzählt ein Teil Geschichte.“ So zum Beispiel der Brief mit der roten zwölf Pfennig Marke des Kontrollrates von 1946. „Ich habe auch eine Fehlfarbe der gleichen Marke: Die ist dunkelbräunlich-rot anstatt rot.“ Da habe jemand in der Druckerei beim Auswechseln der Farbe gepfuscht. „Aber der Brief ist gelaufen.“ 200 Alben hat Gebauer mit Raritäten gefüllt. Die Zeit von 1872 bis 1923 ist die Epoche, auf die sich Gebauer spezialisiert hat, aber eben auch deutsche Marken aus der Nachkriegszeit von 1946 bis 1948.

Zweimal fährt Gebauer zu Auktionen, um zu schauen, wie er seine Sammlung ergänzen kann. Da ist Achtsamkeit geboten, denn es werden mitunter Fälschungen gehandelt: „So viele Marken, wie zurzeit auf den Markt kommen, können nicht echt sein“, ist der erfahrene Philatelist sehr behutsam bei Zukäufen.

Arbeiten am Alten Rathaus

in Celle

Und dann ist Gebauer im nächsten Augenblick auch schon wieder bei seinem Beruf und zählt kurz auf, wo er in der Region gearbeitet hat: Am Alten Rathaus in Celle hat er die Pranger am Südgiebel versetzt und den Bereich vor der Tourist-Info als Mosaik gepflastert. Die Fassade der Sparkasse am Großen Plan hat er gestaltet und unzählige historische Grabmale hat er aufgearbeitet – auch unter Denkmalschutz stehende. Das gotische Kreuzrippen-Gewölbe im Celler Schloss und die Kapitelle im Malersaal hat er restauriert. Und immer beherzigt er den Spruch eines Professors der Uni Braunschweig, der den Absolventen mit auf ihren Weg gegeben wird: „Und machen Sie bitte nicht so viel kaputt.“

Von Lothar H. Bluhm