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Mittendrin Marlene Dietrich und ihre Schwester aus Bergen
Mehr Mittendrin Marlene Dietrich und ihre Schwester aus Bergen
15:53 27.10.2017
Von Andreas Babel
Marlene Dietrich war ein gefeierter Filmstar und eine umjubelte Sängerin. Ihre Schwester Elisabeth Will (oben mit ihrem einzigen Sohn Hans-Georg)war ein graues Mäuschen, deren Mann während der NS-Zeit ein großes Kinoin der Kaserne bei Belsen leitete.In dem Kassenhäuschen verkaufte Elisabeth Will Eintrittskarten.
Bergen Stadt

Viele wussten es. Doch man ließ sie in Ruhe. Die Bewohner der Stadt Bergen wussten, dass Elisabeth Will die Schwester von Marlene Dietrich war. Doch man fragte nicht nach, denn Elisabeth Will sollte über den berühmten Hollywood-Star nicht sprechen. Warum das so war, hat die CZ schon im Jahr 2010 geschrieben: Während die Dietrich ihr Heimatland verließ und während des Krieges eindeutig gegen die Nazis Stellung bezog, ja die amerikanischen Truppen hinter der Front bei Laune hielt, war ihre Schwester Liesel auf der anderen Seite: Sie kollaborierte mit den Nationalsozialisten, profitierte vom System, in dem sie während des Krieges ihrem Mann Georg half, das Riesenkino im Truppenlager (genannt Ostlager) direkt neben Belsen zu betreiben. Hier wurden auch Propagandafilme gezeigt, die die Kampfmoral der Truppe aufrechterhalten sollten.

Geschichte erstmalsKomplett erzählt

Heinrich Thies ist es zu verdanken, dass er diese Geschichte nun erstmals komplett erzählt. Es ist mit „Fesche Lola, brave Liesel“ die Biografie einer berühmten Schauspielerin und Sängerin entstanden und auch die Lebensgeschichte ihrer älteren Schwester, die sich quasi selbst verleugnete. Thies, Jahrgang 1953, hat schon während seiner Zeit als Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Bücher geschrieben. Jetzt, im Zeitungs-Ruhestand, dreht der Publizist richtig auf. Sein Buch ist im renommierten Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Und es kommt daher wie ein Roman.

Thies schildert nicht nur nüchtern Fakten und Daten. Er ist ein Erzähler, der den historischen Ereignissen durch seine lebendige Schreibweise Leben einhaucht. Er nimmt uns mit an den Schreibtisch des britischen Offiziers in Bergen-Hohne, an dem Marlene Dietrich erfuhr, dass sie sich im falschen Film wähnte. Sie dachte nämlich, dass ihre Schwester Liesel als Häftling im benachbarten KZ Bergen-Belsen dem Hungertod nahe war. Als Mitläuferin, ja als Unterstützerin des NS-Regimes, durfte ihre Schwester fortan nicht mehr mit ihr in Verbindung gebracht werden, um der Karriere der Dietrich nicht zu schaden.

Thies nimmt uns mit vor zahlreiche Bühnen dieser Welt, auf denen der Vamp Erfolge feierte, später aber zu einer schlechten Kopie seiner selbst wurde. Er nimmt uns mit, wenn Liesel von ihrer Schwester zu diesen Auftritten eingeladen wurde und auch mit ins Hotelzimmer, in dem die Dietrich ihre Lieben bewirtet und sich rührend um sie kümmert. Er nimmt uns aber auch mit in die Wohnung von Marlenes Tochter Maria Riva. Die 1924 Geborene wurde selbst Schauspielerin, fühlte sich aber zeit ihres Lebens von der Mutter bevormundet.

Medikamente im Austauschgegen Geld und Geschenke

Thies nimmt seine Leser auch mit auf gemeinsame Familienurlaube in den 1930er Jahren, in denen die beiden ungleichen Schwestern mit ihren beiden Einzelkindern mehr oder weniger unbeschwert beisammen waren. Eines wird durch dieses Buch deutlich: Marlene Dietrich sehnte sich nach einem familiären Zusammenhalt, den sie nach dem Krieg nur durch ihre Schwester erlebte. Die beiden liebten sich. Die Dietrich unterstützte ihre Schwester finanziell und durch materielle Zuwendungen wie beispielsweise Pelzmäntel, Schallplatten und einen Fernsehapparat. Liesel Will schickte ihr im Gegenzug verschreibungspflichtige Präparate, die sie ihr in großer Anzahl aus einer Apotheke in Bergen organisierte. Am Ende ihres langen Lebens war Marlene Dietrich vom Alkohol und von Medikamenten abhängig und verließ ihre Pariser Wohnung nicht mehr. Sie überlebte ihre Berger Schwester um fast genau 19 Jahre. Während Elisabeth Will auf tragische Weise bei einem Brand am 8. Mai 1973 in ihrer Wohnung am Kreuzweg 15 umkam, starb Marlene Dietrich 90-jährig am 6. Mai 1992 in Paris.

Heinrich Thies präsentiert nicht nur eine exzellente Doppelbiographie, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Das 20. Jahrhundert wird in diesem Buch unter gesellschaftlichen, sozialen und politischen Aspekten aus deutscher und US-amerikanischer Sicht so gut beleuchtet, wie es eine geschichtswissenschaftliche Abhandlung nicht zu leisten vermag.

Heinrich Thies, der Autor der neuen Doppelbiographie über die beiden so verschiedenen Schwestern, erläutert im Interview mit CZ-Redakteur Andreas Babel, wie er das Thema „gefunden“ hat und was ihn daran interessiert.

Wie sind Sie auf das Thema Ihres Buches gekommen?

Ich habe gemeinsam mit einem Musiker die Geschichte des Liedes „Lili Marleen“ gesungen, das im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten gesungen wurde – unter anderem von Marlene Dietrich. Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass Marlene eine Schwester hatte, die in Bergen-Belsen mit ihrem Mann ein Truppenkino betrieben hat – für Wehrmachtssoldaten und SS-Offiziere.

Was fasziniert Sie an der besonderen Schwester-Konstellation?

Das Faszinierende ist für mich, dass diese beiden Schwestern so komplett unterschiedlich waren, sich aber trotzdem zeitlebens trotz aller Distanzen ganz nahestanden. Marlene stand im Scheinwerferlicht, Liesel stand im Schatten. Dennoch haben sich die beiden geliebt und intensiv Kontakt gehalten – auch nachdem Marlene Dietrich ihre Schwester von 1945 an öffentlich verleugnet hat. Und die Ironie der Geschichte liegt ja eben darin, dass diese so ungleichen Schwestern während des Krieges etwas ganz Ähnliches gemacht haben. Beide haben Soldaten bei Laune gehalten – mit Filmen und mit Liedern. Nur an verschiedenen Fronten.

Wie haben die Menschen in Bergen auf Ihre Recherche reagiert?

Durchweg freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Nur einige haben darum gebeten, dass ich ihre Namen nicht nenne.

Haben Sie Mitleid mit einer Ihrer Protagonisten empfunden oder gar mit beiden?

Das Entscheidende bei so einer Doppelbiographie ist ja, dass man sich in seine Protagonisten hineinversetzt und eigentlich habe ich mit beiden Frauen hin und wieder Mitleid empfunden.

Warum?

Mit Liesel habe ich mitgelitten, weil sie sich zeitlebens anderen untergeordnet und am Ende geradezu ausgelöscht hat, und mit Marlene, weil sie seit ihrem großen Durchbruch mit dem „Blauen Engel“ immer nur Rollen gespielt hat. Sie hat sich zu einem Markenartikel machen lassen, sie hat sich selbst zur Legende, zum Mythos stilisiert und dafür ihr Leben hinter einer Maske verbracht. Ja, sie hat ihren Ruhm teuer bezahlt. Trotz ihrer vielen Affären war sie wahrscheinlich furchtbar einsam – ganz ähnlich wie ihre Schwester.

Was erwartet die Zuhörer am 5. November bei der Veranstaltung in Bergen?

Das wird eine Revue, die in etwa zu gleichen Teilen aus Text und Musik besteht. Ich werde erzählen, rezitieren und lesen und Johnny Groffmann wird Lieder von Marlene Dietrich und Zarah Leander singen und sich dabei selbst auf dem Klavier, der Gitarre und dem Akkordeon begleiten. Auf diese Weise werden die unterschiedlichen Welten der beiden Schwestern auch zum Klingen gebracht: Auf der einen Seite „Lili Marleen“ und die „fesche Lola“, auf der anderen die Welt der Ufa-Filme mit Schlagern wie „Davon geht die Welt nicht unter“. Der Abend soll über die Lebensgeschichten dieser beiden ungleichen Schwestern Einblicke in die Abgründe deutscher Geschichte vermitteln, aber auch unterhaltsam sein.