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Mittendrin Somalier Mahmut Ahmed lebt seit seiner Flucht in Wietze
Mehr Mittendrin Somalier Mahmut Ahmed lebt seit seiner Flucht in Wietze
18:31 31.01.2017
Mahmut Ahmed ist froh, im Landkreis Celle zu leben. Quelle: Lothar H. Bluhm
Wietze

Er denkt aber an seine Familie und daran, dass diese rund 500 Kilometer südlich von Mogadischu lebt. Zum Glück. Vielleicht außerhalb der Gefahrenzone. In Kimaayo, der Hauptstadt der Provinz Jubbada Hoose an der Grenze zu Kenia, leben Ahmeds Angehörige. „Durch den Krieg habe ich aber nicht immer Kontakt zu ihnen“, sagt er. Manchmal drei Monate nicht.

Er ist allein hier: „Ich vermisse meine Eltern, meine Familie“, sagt der junge Mann. Vor drei Jahren wurde ihm seine Flucht durch Eltern, Verwandte und Bekannte ermöglicht, indem sie Geld für ihn gesammelt haben. Geld für den Transfer nach Europa. 700 Libysche Dinar (rund 1000 Euro) musste er bezahlen. 1000 Euro für ein Leben in Sicherheit. „Du darfst nicht hier bleiben“, legten ihm seine Eltern ans Herz. Sein großer Bruder lebt schon im Nachbarstaat Kenia.

Mahmut Ahmed wirkt glücklich und zufrieden. „Gott sei Dank geht es mir gut“, sagt er und blickt zum Himmel über Celle. Ganz entspannt beobachtet er jetzt am Nachmittag die Szene auf dem Thaerplatz. Die Menschen gehen langsam und ohne Angst auf den Wegen. Die Straßen sind gepflegt und sauber, findet der junge Somali.

Mahmut Ahmed ist einer der Flüchtlinge, die inzwischen ihren Aufenthaltstitel haben und hier bleiben dürfen. Für zwei Jahre. Dann wird neu entschieden. Aber das bedeutet auch, dass er erstmal zwei Jahre in Sicherheit ist, sagt der junge Mann in gutem Deutsch. Nicht akzentfrei, aber sehr gut zu verstehen.

„Höchste Priorität hat für uns Deutschunterricht“, sagte Mahmut Ahmed schon gleich nach seiner Ankunft in Wietze. „Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration.“ Darum hat er in der vergangenen Zeit viel Deutsch gelernt. Bis zum Beginn des jetzigen Sprachkursus in Celle ging er dreimal pro Woche zum Deutschunterricht, der in Wietze von Ehrenamtlichen angeboten wird. Außerdem arbeitete er zu Hause in seiner kleinen Wohnung an seinen Deutschkenntnissen. „Das war alles gut. Ich habe sehr viel gelernt“, sagt er.

Jetzt will er bis April die Sprachprüfung vorbereiten. Grundlage ist das Goethe-Zertifikat B1, eine Deutschprüfung für Jugendliche und Erwachsene. Das Zeugnis bestätigt eine selbstständige Verwendung der deutschen Sprache und entspricht der dritten Stufe auf der sechsstufigen Kompetenzskala des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Schreiben – lesen – hören – sprechen. „Sprechen kann ich nicht so gut“, findet Ahmed, „aber ich kann alles verstehen.“ Fünfmal in der Woche hat Ahmed von 8.30 Uhr bis 13.15 Uhr Deutschunterricht in Celle.

Bei Firma Jenne in Wietze hat Mahmut Ahmed bereits ein mehrwöchiges Praktikum absolviert. Da sei ihm auch deutlich geworden, dass die deutsche Sprache wichtig ist, auch wenn er schon Fachkenntnisse in Elektrotechnik hat. Nach seiner Schulzeit lernte er ein Jahr lang in einem somalischen Betrieb. Danach arbeitete er als Elektriker. Jedenfalls, soweit es die Kriegssituation zuließ.

Zivilpersonen können in Somalia immer wieder Opfer gezielter Angriffe und Tötungen werden. Selbst Regierungstruppen und regierungstreue Milizen waren für rechtswidrige Tötungen, Erpressungen, willkürliche Festnahmen, Vergewaltigungen und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt verantwortlich, berichtet Amnesty International. Und das Auswärtige Amt warnt: „Wer sich in Somalia aufhält, muss sich der Gefährdung durch Terroranschläge, Kampfhandlungen, Piraterie sowie kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein.“ Eine Besonderheit der Politik und Geschichte Somalias liege in der Bedeutung der Clans, auf gemeinsame Herkunft zurückgehende Großfamilienverbände mit einer bis zu siebenstelligen Zahl von Angehörigen. Und: „Der Alltag der Menschen vor allem im Süden und in der Mitte Somalias bleibt von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den sie unterstützenden internationalen Kräften einerseits und der radikalislamistischen Terrorgruppe Al-Schabab andererseits geprägt.“

„Ich darf hier bleiben“, sagt Mahmut Ahmed und betont das „darf“. „Ich darf hier bleiben“, wiederholt er und ergänzt: „Wenn ich die Prüfung habe, frage ich bei Herrn Jenne wieder, ob er mich ausbilden kann. Ich bin ja jung – ich bin nicht alt“, klingt es zuversichtlich.

Wenn er die Prüfung hat, will er sich auch eine andere Wohnung suchen. Nicht so sehr in Wietze, vielleicht in Celle. Das sei aber ohne Arbeit schwierig, denkt der junge Flüchtling. Aber er will dann auch mehr Kontakt zu hiesigen Menschen aufnehmen. „Meine Selbstständigkeit ist mir wichtig: Ich möchte nicht vom Jobcenter oder von Sozialhilfe leben. Ich will alles selbst bezahlen.“ Aber das sei ohne Arbeit schwierig. „Man muss Arbeit haben.“

Und Mahmut Ahmed denkt an die Zukunft: „Ich bin Single. Aber ich möchte heiraten und Familie haben. Ich will nicht ohne Kind bleiben. Aber jetzt noch nicht – das ist Zukunft …“ Jetzt fährt er mit dem Bus zurück nach Wietze. Es gibt Canjeero. Das ist ein somalisches Gericht und besteht aus mit Ei gefüllten Pfannkuchen. „Ich habe genug Geld für Essen und Trinken – Gott sei Dank!“

Von Lothar H. Bluhm