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Mittendrin "Träumen mit den Füßen"
Mehr Mittendrin "Träumen mit den Füßen"
18:20 03.02.2015
Rita Lubowski mit ihrem Tanzpartner Reimar Lindner auf der letzten Ü30-Party in der Congress Union. Sobald sie ein Lied hört, weiß sie, wie sie es zu tanzen hat mit allen Figuren und Posen. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle

Im Discofox-Bereich der Ü30-Party haben sich ausschließlich gute Tänzer eingefunden, und dennoch ziehen Rita Lubowski und Anne Kleinbauer in ihren eleganten schwarzen Kleidern die Blicke auf sich, wenn sie wie losgelöst über das Parkett schweben. Fragte man sie, würden sie natürlich sagen: „Das liegt an unseren Partnern, die führen uns.“ Die beiden kennen sich schon seit 15 Jahren, oft trafen sie sich im damaligen Celler Casino, dem heutigen Stadtpalais. „Ja, wir haben uns gesehen, aber eigentlich war es eher so, dass ich Rita bestaunte. Ich habe sie für eine Profitänzerin gehalten. Sie bewegte sich nicht nur gut, sie sah auch toll aus mit ihren langen blonden Haaren und den selbst geschneiderten Kleidern“, erzählt Anne Kleinbauer und bestätigt den Eindruck, dass man es bei Rita Lubowski mit einem rundum kreativen Menschen zu tun hat.

Zur Musterzeichnerinausgebildet

Ein wenig ist man auf Eindrücke angewiesen, denn die zierliche Dame hängt nichts an die große Glocke. Ihre Wohnung zieren selbst gemalte Bilder und Collagen. Auch die Wände eines Celler Gerichts werden dauerhaft verschönert von den Werken der 60-Jährigen. Ihre Liebe zum Tanz begann in ländlicher Umgebung, nach der Konfirmation, bei der Tanzschule Santelmann in Eicklingen. Mit 18 folgten Kurse bei Krüger: „Jeder tanzte damals Rock ‘n’ Roll“, erinnert sie sich. Den Hang zum Kreativen spürte sie schon als Teenager, nach der Schule lernte sie Musterzeichnerin bei Textilkunst Staps in Hambühren. „Wir entwarfen Muster für alles, was bedruckt wurde – Stoffe, Tapeten, Servietten, Tücher“, berichtet sie über den Beruf, den es heute nicht mehr gibt. Sie beendete die Lehre – etwas anderes wäre für die zurückhaltende, aber doch sehr ehrgeizige Dame nicht in Frage gekommen –, aber Praxis erwarb sie keine.

Denn mit 20 heiratete sie und zog sich aufs Ehe- und Hausfrauendasein zurück. „Ja, das war auch eine schöne Zeit. Als dann 1977 meine Tochter Nina geboren wurde, habe ich fünf Pflegekinder angenommen.“ Auch diese Jahre als Mutter hat sie genossen, das Gefühl, in dieser Zeit etwas verpasst zu haben, ist in ihr nie aufgekommen. Dennoch ist sie froh darüber, dass ihre Tochter als Inhaberin eines Kosmetikstudios auf eigenen Füßen steht. Als ihre Ehe nach zehn Jahren zerbrach, änderte sich alles: „Plötzlich war ich alleinerziehend und auf mich ganz allein gestellt“, beschreibt sie die Situation nach der Scheidung, die ihr zu allem Überfluss auch noch ihr geliebtes Hobby, das sie mit ihrem Mann hatte pflegen können, nahm. „1983 habe ich aufgehört“, berichtet die ganz in Schwarz gekleidete Cellerin. Und wenn man sie ein wenig kennengelernt hat, weiß man um die Bedeutung des Tanzens für sie und kann ermessen, wie schwer ihr die Aufgabe des Hobbys gefallen sein muss.

Neue Wege im Berufsleben

Beruflich musste sie sich neu finden: „Ich bin in den Einzelhandel gegangen, obwohl ich das ja nicht gelernt hatte.“ Sie begann als Verkaufshilfe und arbeitete sich innerhalb von drei Jahren zur Marktleiterin hoch. Sie selbst bezeichnet sich nicht als ehrgeizig, aber ihr beruflicher Weg spricht dafür: Binnen weniger Jahre betreute sie fünf Filialen einer großen Handelskette in Magdeburg, Mellendorf, Hambühren, Celle und Bergen. „Ich habe für die Arbeit gelebt, zum Schluss hatte ich eine 70-Stunden-Woche“, blickt sie zurück. Sie konnte dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten, erkrankte und musste die berufliche Laufbahn beenden. „Mir tut das bis heute noch leid“, kommentiert sie ihr Ausscheiden aus dem Berufsleben.

Diese Tür schloss sich, eine neue ging auf. Während eines Mallorca-Urlaubs fiel ihr bei einem Discobesuch ein ihr bisher unbekannter Tanz auf, der ihre alte Leidenschaft neu entfachte: „Die Paare tanzten DiscoChart, ich war sofort infiziert.“ Der DiscoChart ist die erotische Variante des Discofox, der mit dem Film „Dirty Dancing“ populär wurde, sich aber in Deutschland nicht wirklich verbreitete. „Nur in Lippstadt konnte ich das lernen, aber das war mir egal, ich nahm die Kilometer auf mich“, erzählt Lubowski, die einen neuen Tanzpartner aus Eschede fand, der sie schon nach einem halben Jahr Zusammenarbeit mit auf Turniere nahm.

Wie geht das nach so vielen Jahren Abstinenz? „Wenn ich ein Lied höre, weiß ich, wie ich das tanzen muss mit allen Figuren und Posen, da läuft ein Film ab“, lässt sie anhand eines Satzes ihr Naturtalent erkennen. Ihr Lieblingslied ist „Am Fenster“ von City, gerne würde man sie es einmal interpretieren sehen. Der versierte Tänzer Micha Kleinbauer legt nach: „Rita kann sich total fallenlassen, und erklären braucht man ihr sowieso nichts. Wenn wir was Neues ausprobieren, dann klappt das auch.“ Mit ihrem neuen Partner holt sie etliche Pokale auf Turnieren, und zwei Jahre lang unterrichtet sie den DiscoChart in Hannover. Er gehört zu ihren Lieblingstänzen, weil er das, was ihr am Tanz so gefällt, nämlich Gefühle zum Ausdruck zu bringen, in Vollendung verkörpert.

Und es war diese Umsetzung von Liebe, Nähe und Harmonie in Tanzform, die sie aufs Parkett zauberte, als sie die Aufmerksamkeit der Clique rund um das Paar Anne und Micha Kleinbauer wieder einmal auf sich zog. „Wir gingen damals ja zu gerne ins Casino, dort herrschte Ballatmosphäre. Wir haben das geliebt, und als Tänzer treffen sie sich überall wieder, man kennt sich untereinander“, erinnert sich das Paar Kleinbauer.

Was der Seele nach der Krankheit guttut

Aber wirklich nahe kamen sich die heutigen engen Freunde erst nach einem Schicksalsschlag, der Rita Lubowski Anfang 2012 ereilte. Es wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, die sofort operiert und mit einer Chemotherapie nachbehandelt werden musste. „Wenn die Haare wieder wachsen, dann will ich wieder tanzen“, hatte sie damals als Ziel fest vor Augen. „Ich habe das auch geschafft, aber nicht allein. Die Tanzgruppe rund um Anne und Micha hat mich aufgebaut.“ Jedes Wochenende fährt die Truppe aus rund 20 Gleichgesinnten zum Tanzen in verschiedene Orte in ganz Norddeutschland. „Vom Krebs bin ich seit zwei Jahren geheilt, aber wir sind trotzdem krank – im positiven Sinne – und irgendwie verrückt, wir können nicht ohne Tanz.“

In der Gruppe fühlt sie sich aufgehoben. Ein Wert, den sie nach dem Krebs schätzen gelernt hat: „Ich hatte früher viele Wünsche, das war alles Quatsch. Heute habe ich nur noch einen Wunsch: Meine Freunde behalten und gesund sein.“ Was empfiehlt sie Menschen, denen eine schwere Krankheit diagnostiziert wird? „Mach etwas, das deiner Seele guttut!“ In ihrem Fall war die Bewegung nach Musik die beste Therapie. „Tanzen, das ist für mich Träumen mit den Füßen“, umschreibt sie das, was ihr über ihre Krankheit hinweggeholfen hat, mit einem Satz, der nicht nur Tänzerseelen streichelt.

Von Anke Schlicht