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Mittendrin Unternehmerrisiko Insolvenz
Mehr Mittendrin Unternehmerrisiko Insolvenz
20:42 16.08.2010
Hans-Peter Valentiner hat als Fachanwalt für Insolvenzrecht täglich mit Unternehmens- und Verbraucherinsolvenzen zu tun. Er warnt vor der Gefahr Insolvenzverschleppung. Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

„Unser Auftrag ist nicht, tote Unternehmen wiederzubeleben“, sagt Hans-Peter Valentiner. „Wenn man ein totes Pferd reitet, sollte man absteigen.“ Valentiner, Insolvenzverwalter aus Celle, kennt sich aus mit unstimmigen Geschäftsmodellen und hinausgezögerten Pleiten. „Es gibt oft den Fall, dass ein Kleingewerbetreibender über Jahre hinweg ohne Gewinne arbeitet.“ Die Insolvenz komme häufig erst dann, wenn der Betrieb schon eingestellt sei. Die Betroffenen würden die Gläubiger stillhalten und sich so über einen langen Zeitraum hinweg durchmogeln.

Gegen 23 Unternehmen und 112 Privatpersonen wurden am Amtsgericht Celle zwischen Jahresbeginn und Ende Juli laut dem Fachmagazin „Indat-Report“ Insolvenzen eröffnet. „Man kann nicht von einer dramatischen Entwicklung bei den Insolvenzen in Celle sprechen.“ Die durch die Wirtschaftskrise befürchtete Welle von Insolvenzen sei in Celle ausgeblieben. „Es gibt kaum große Betriebe in Stadt und Landkreis, kaum Industriestandorte“, erläutert der Insolvenzverwalter.

Kritisch sieht er die „inoffiziellen Statistiken“: Viele Unternehmen, die zahlungsunfähig seien und trotzdem mit dem Geschäftsbetrieb weitermachten, tauchten in den offiziellen Zahlen gar nicht auf. „Das sind deutlich mehr“, schätzt Valentiner. Wenn ein Unternehmen oder ein Verbraucher im August 2010 eigentlich pleite sei, danach aber wieder in ruhigeres Gewässer käme, interessiere das im Februar 2011 niemanden mehr.

Grundsätzlich sieht Valentiner das Thema Insolvenzen pragmatisch: „In einer Marktwirtschaft ist die Gefahr des Scheiterns immanent, wenn man unternehmerisch tätig wird.“ Das Hauptproblem sei, dass im Bemühen, den eigenen Betrieb zu retten, die Gefahr der Insolvenz verdrängt werde – frei nach dem Motto „Es wird schon wieder gut werden“. In der Folge verlören alle Gläubiger Geld. Der Schulder schade demnach nicht nur sich selbst und der eigenen Unternehmung, sondern auch vielen anderen Personen.

„Der Insolvenzantrag muss rechtzeitig gestellt werden“, lautet Valentiners dringender Apell an die Betroffenen. Sonst drohe die Gefahr der Insolvenzverschleppung. „Diese ist in den vergangenen Jahren vermehrt festzustellen“, so Valentiner. Wenn es sich um eine juristische Person handele, müsse der Unternehmer innerhalb von drei Wochen, nachdem er die Insolvenzreife festgestellt habe, den Insolvenzantrag stellen. Andernfalls mache er sich strafbar und könne darüber hinaus von den Gläubigern zivilrechtlich belangt werden. „Der Schutzschirm der GmbH wird dann durchlässig“, verdeutlicht Valentiner. Bei einer Verbraucherinsolvenz dränge es nicht so wie bei einem Unternehmen. Der Antrag auf Restschuldbefreiung werde selten versagt.

Valentiner betont, dass die Insolvenz nicht das Ende sein muss. Es gebe viele Möglichkeiten und Instrumente, noch etwas zu retten und das Unternehmen zu sanieren. „In der Insolvenz bieten sich Chancen, die es vorher gar nicht gab“, sagt Valentiner. So ließen sich Unternehmen in der Insolvenz ganz oder teilweise entschulden. „Die Rettungsmöglichkeiten sind umso größer, desto früher der Unternehmer die Konsequenzen aus seiner wirtschaftlichen Schieflage zieht“, lautet das Fazit des Experten.

Von Paul Gerlach