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Mittendrin Vom letzten Schnee zu den ersten Schwalben
Mehr Mittendrin Vom letzten Schnee zu den ersten Schwalben
12:15 18.04.2013
Heidschnuckenweg-Wanderung von HH-Fischbek nach Celle Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Celle

Die Göttinger Romantikerin Caroline Schlegel (1763 bis 1809) hatte nach einer Reise mit der Postkutsche von Celle nach Harburg im Jahr 1801 geschrieben: „Die Eile war das Beste von der Reise. Ich wurde seekrank von dem einförmigen Anblick der Heide und des Himmels.“ Heute würde sie anders denken. Das jedenfalls ist die Erfahrung der Wandergruppe, die am 6. April aufgebrochen war, um auf dem als „Heidschnuckenweg“ zertifizierten neuen Wanderweg von Hamburg-Fischbek über Buchholz, Soltau und Müden nach Celle die erste organisierte Wanderung durchzuführen.

Bei wechselnden Temperaturen zwischen Gefrierpunkt und sommerlicher Hitze, zwischen vereisten und verschneiten Waldwegen und durch von Pferdehufen aufgewühlten pulvrigen Sand, zwischen strahlend blauem Himmel und von Nieselregen begleitetem dichten Nebel war von Einförmigkeit nichts zu spüren. Im Gegenteil: Auf ihrer zehntägigen Wanderung über die 223 Kilometer lange Strecke machte die Gruppe eine spannende Zeitreise vom letzten Schnee in den Harburger Bergen bis zu den ersten Schwalben in der Südheide.

Bettina Bouma von der Tourist-Information Müden und die Faßberger Jugendpflegerin Kerstin Barsch hatten die Wanderung initiiert, um im Gegenzug Spenden für die Schulsozialarbeit in Faßberg zu sammeln. 21 Wanderer gingen in Fischbek an den Start. Auf den einzelnen Etappen bis Celle schlossen sich weitere auch prominente Wanderer an, andere stiegen aus oder pausierten etappenweise. So pendelte die Tagesstärke zwischen sechs und siebzig Wanderern. Am 15. April erreichten 14 Teilnehmer das Ziel am Alten Rathaus in Celle, unter ihnen drei, die die komplette Strecke mitgewandert waren.

Eine von diesen war Bettina Bouma, die sich als Organisatorin und Managerin Anerkennung unter den Mitwanderern erworben hat. Es ist vor allem ihr Verdienst, dass am Ende 1143 Euro für den guten Zweck zusammenkamen. Unterstützt wurde sie dabei unter anderem durch die aktiv mitwirkende Suderburger Firma Wildnissport, durch den Müdener Bäcker Michael Hoffmann, der bei Gerdehaus für eine willkommene Pausenmahlzeit sorgte, und durch den Schäfer Carl W. Kuhlmann, der auf seinem Hof in Niederohe mit Heidschnuckenspezialitäten aufwartete.

Die Wanderung erwies sich als ein einzigartiges Gemeinschaftserlebnis mit unvergesslichen Eindrücken und Begegnungen. Bettina Bouma und Kerstin Barsch hatten so manche Überraschung in ihren Ablaufplan eingearbeitet. So wurden die Wanderer gleich auf der ersten Etappe im Naturschutz-Informationshaus „Schafstall“ in der Fischbeker Heide auf den Heidschnuckenweg eingestimmt. In Handeloh stand ein Abstecher zur dortigen „Kameloase“ auf dem Programm. Heide-Ranger Jan Brockmann begleitete die Gruppe auf der vierten Etappe von Wilsede nach Bispingen durch die Wümme-Auen, und an einigen Abenden gab es literarische Kost mit Geschichten aus der Lüneburger Heide.

Möglicherweise regten diese Beiträge dazu an, selbst wortschöpferisch tätig zu werden, wenn auch unbeabsichtigt. So war unterwegs im Gespräch etwa von einer „gebergten“ Landschaft wie im Teutoburger Wald die Rede, als es wieder einmal stundenlang hügelauf und hügelab durch Buchen-, Eichen-, Fichten- und Kiefernwälder ging. Und an anderer Stelle wünschte man sich, dass es doch bitte bald damit aufhören möge, ständig „auf Geschneitem“ laufen zu müssen.

In der Tat gab es in der Fischbeker Heide, insbesondere im Wulmsdorfer Forst, noch reichlich Schnee. Er bot den Wanderern allerdings auch die faszinierende Möglichkeit, die vielen Wildspurfährten, vornehmlich von Reh- und Schwarzwild, mit den Augen bis ins Unterholz zu verfolgen und zu erfahren, dass nicht nur wir Menschen Trampelpfade anlegen können.

Insgesamt führt der Wanderweg durch mehr als dreißig große und kleine Heideflächen der Nord- und Südheide, die sich wie an einer Perlenkette aneinanderreihen: Die heidebedeckten Hügel der Fischbeker Heide, das Büsenbachtal mit seinem gluckernden Heidebach, die lang gestreckte Weseler Heide mit dem legendären Hexenhaus, dann zwischen Undeloh und Wilsede das Radebachtal, eines der ursprünglichsten Heidetäler, weiter südlich die Behringer Heide und die Borsteler Kuhle mit der urtümlichen Heidelandschaft. Schließlich der Wietzer Berg bei Müden mit dem mächtigen Lönsstein und dem Blick ins Örtzetal und natürlich der Wacholderwald bei Schmarbeck. Unbeschreiblich schön präsentierte sich nicht zuletzt die sichelförmig im Wald liegende Misselhorner Heide mit dem Tiefental.

Die Tagesetappen lagen zwischen 15 und 28 Kilometern, bei denen auch einige Hundert Höhenmeter zurückgelegt wurden. Und genauso abwechslungsreich wie die Landschaft waren die Begegnungen. Zitronenfalter und Mistkäfer, Kraniche und Seeadler, Bachstelzen und Schwalben, dazu Krötenwanderungen in den Teichgebieten, hier und da Rehe und Heidschnuckenherden. Und damit verbunden informative Gespräche. So erfuhr man beispielsweise, dass ein Schäfer heutzutage drei Schnucken vermarkten muss, um eine einzige halten zu können. Eine Schnucke kann nicht gemolken werden, weil sie zum einen nicht stillhalten würde und zum anderen grundsätzlich nur dem eigenen Lamm Milch gibt.

Eine der eindringlichsten Erfahrungen während dieser zehntägigen Wanderung war aber auch die Erkenntnis, dass man im sprichwörtlichen Dialog mit der Natur auch hin und wieder der Stille lauschen und die Natur zu Wort kommen lassen sollte. Sie hat uns mehr denn je mitzuteilen.

Von Rolf-Dieter Diehl