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Mittendrin Wa(h)l-Hilfe für noch Unentschiedene
Mehr Mittendrin Wa(h)l-Hilfe für noch Unentschiedene
18:51 08.09.2017
Von Audrey-Lynn Struck
Quelle: David Borghoff
Celle

Tick, Tack, Tick, Tack, Tick ... Auf einmal erklingt in meinem Kopf das einprägsame Uhrenthema aus der Action-Serie „24“ mit Kiefer Sutherland als Jack Bauer in der Hauptrolle. Warum? Tja, die Bundestagswahl rückt mit jedem Tag näher, ohne dass ich mich bereits für eine Partei entscheiden konnte. Und da bin ich tatsächlich kein Einzelfall. Die Frage „Wen soll ich wählen?“ beschäftigt neben mir auch noch zahlreiche andere Erstwähler.

Es gibt mehrere Optionen, wie man diese Frage beantworten kann. Eine Münze zu werfen, klingt zwar lustig, ist aber keinesfalls eine ernstzunehmende Lösung. Stattdessen könnte man sich Tipps holen. Hört man auf die Eltern? Die bisweilen zustimmend murmeln, wenn Mitglieder ihrer „Lieblingspartei“ in der Tagesschau zu Wort kommen und ärgerlich aufstöhnen, den Kopf schütteln, auf den Politiker im Fernsehen zeigen und entschieden verkünden: „Also den werde ich nicht wählen.“ Oder schaut man sich die Wahlplakate an und wählt den Direktkandidaten nebst zugehöriger Partei, der am sympathischsten rüberkommt? Seit einiger Zeit gibt es für die Unentschiedenen zwei neue Möglichkeiten: den Wahl-O-Mat und Deinwal.de.

Beide Internetplattformen errechnen dem Benutzer seine größte Schnittmenge mit einer Partei. Alles, was dabei zu tun ist, ist einige politische Fragen zu beantworten.

Zwei Optionen: Wahl-O-Mat vs. Deinwal.de

Das Konzept, das hinter beiden Seiten steht, könnte allerdings unterschiedlicher nicht sein. Beim Wahl-O-Mat beantwortet man 38 Fragen mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“. Die eigenen Antworten werden mit den Positionen von 32 Parteien verglichen. Das Testergebnis stützt sich hierbei auf das Wahlprogramm der einzelnen Parteien. Auf der Internetseite Deinwal.de kann man zwar ähnlich wie beim Wahl-O-Mat mit „ja“, „nein“ oder „enthalten“ abstimmen, aber ansonsten wird hier genau die gegenteilige Strategie gefahren. Statt sich auf das Wahlprogramm zu konzentrieren, legen die Macher ihr Augenmerk auf die tatsächlichen Abstimmungsergebnisse der Parteien im Bundestag in den letzten vier Jahren. Daher kann man hier seinen Standpunkt zu den Themengebieten auch nur mit den fünf bisherigen Parteien im Bundestag vergleichen.

„Warum eigentlich nicht? Ich probiere beide einfach mal aus“, denke ich. „Dümmer kann ich hinterher schließlich nicht sein.“ Gesagt, getan. Erleichtert greife ich nach dem rettenden Strohhalm und rufe die Internetseite vom Wahl-O-Mat auf. Sofort ploppt ein gelbes Begrüßungsfenster auf, das mich einlädt, meine Standpunkte mit denen der einzelnen Parteien zu vergleichen. Dann geht es auch schon los. Eine Frage nach der nächsten erscheint auf meinem Bildschirm und möchte beantwortet werden.

Der Neutral-Button: Das lockende Böse

Von einem generellen Tempolimit auf Autobahnen über die Wieder-Einführung einer nationalen Währung bis hin zum Schuldenschnitt für Griechenland ist alles dabei. Einige Fragen kann ich schnell beantworten, bei anderen muss erst noch einmal gut überlegt und abgewogen werden. Leider stehen bei den Thesen keine weiteren Erläuterungen. Schade. Also hilft manchmal alles nichts. Die beliebte Suchmaschine muss her, um einigen Sachverhalten auf den Grund zu gehen. Ein weiteres Problem ist der einladende „neutral“-Button. Oft zuckt es in meinen Fingern, einfach mit der Maus darauf zu klicken. Zwar sind mir alle Punkte nicht unbekannt, doch zu allem eine Position habe ich noch nicht. „Mmm. Aber wenn ich keine eigene Position habe, was soll dann von mir mit den anderen Positionen der Parteien verglichen werden?“, schmunzele ich über mich selbst. Aber ist nicht eigentlich eine neutrale Meinung auch schon in gewisser Hinsicht eine Position? „Genug philosophiert“, ermahne ich mich und wende mich wieder den Themen zu.

So, geschafft. Jetzt müssen von den 32 Parteien acht Referenz-Parteien ausgewählt werden, mit denen ich mich vergleichen möchte. Klar, erst einmal die „Standard-Parteien“, sprich CDU, SPD, Grüne, Linke und aus Neugierde die NPD. Gespannt drücke ich auf weiter. Etwas zögerlich bin ich aber doch. „Hoffentlich habe ich nicht 100 Prozent Übereinstimmung mit der NPD, das wäre echt der Supergau“, flüstere ich leise, als ich meine Daumen drücke. Bis auf die AfD, NPD und FDP haben ich mit allen Parteien weit über 60 Prozent Schnittmenge. Aber höher als 72 Prozent geht es nicht. Mmmm, ob ich wohl mit den anderen Parteien mehr Übereinstimmungen habe? Ja, Tatsache. Anscheinend haben es mir vor allem Parteien, die etwas mit Tieren zu tun haben, angetan. Zumindest versichert mir der Wahl-O-Mat, dass ich am meisten mit den Zielen der Tierschutzallianz d'accord bin. „Naja, Tiere sind an sich ja erstmal eine gute Sache, aber werde ich sie deshalb sofort wählen?“, frage ich mich zweifelnd. Mal sehen.

„Vielleicht weiß ja die Seite mit dem lustigen Wortspiel mehr“, überlege ich, rufe die Seite auf und werde tatsächlich getreu des Namens auf der Seite von einem fröhlichen Wal empfangen. Statt 38 erwarten mich jetzt zwar sogar 42 Fragen, aber dafür wurden sie zur besseren Übersicht in einzelne Abschnitte untergliedert. Außerdem sehe ich ganz unten eine zusätzliche Leiste, die mir anzeigt, wie viel Prozent der Fragen ich bereits beantwortet habe. Das beflügelt.

Wann kommtder Aha-Moment?

Der Button „ja“ für die Ehe für alle ist schnell gedrückt, und auch die Frage nach einer Erhöhung des Kindergeldes bereitet mir zum Glück kein langes Kopfzerbrechen. Doch dann stellt mir auch der Wal schwierigere Fragen. „Sollen Demente an Studien teilnehmen, wenn sie sich vor ihrer Krankheit dazu bereit erklärt haben?“, zerbreche ich mir den Kopf. Und so geht es immer weiter, bis zur letzten Seite.

Mensch, bin ich gespannt! Vielleicht wird das jetzt der Aha-Moment? In gespannter Erwartung drücke ich auf weiter. „Na toll“, ärgere ich mich, „das war es dann wohl mit dem eindeutigen Ergebnis.“ Die Auswertung zeigt mir an, dass ich kurioserweise sowohl mit der Linken als auch mit der Grünen übereinstimme. Zwar ist mir damit bei der kommenden Wahl noch nicht komplett geholfen, aber zumindest konnte ich vorher schon einige Informationen zu den einzelnen Parteien einholen.

Und weder Wahl-O-Mat noch Deinwal.de wollen auf ihrer Internetseite eine konkrete Wahlempfehlung geben. Im Gegenteil. Ihnen geht es ausschließlich darum, ein Informationsangebot zu geben und darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig wählen ist. Was man daraus schließlich macht, bleibt jedem selbst überlassen. Von diesem Gedanken inspiriert, logge ich mich aus dem Computer aus, als mich der Blitz trifft. „Aber natürlich“, denke ich, „jetzt weiß ich es endlich.“ Welche Partei es nun wird? Wahlgeheimnis.