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Mittendrin Wunsch nach Rückzug: Wenn Alltagsreize für Kinder zu viel sind
Mehr Mittendrin Wunsch nach Rückzug: Wenn Alltagsreize für Kinder zu viel sind
18:15 14.12.2017
Quelle: Fotolia (Symbolfoto)
Celle Stadt

Lärm – Licht – Geruch – Geschmack, manchmal das im Pullover eingenähte Firmenschild, das im Nacken kratzt. Stichworte sind Reizüberflutung und Hochsensibilität. Gefühlte Enge auf dem Weihnachtsmarkt, Düfte und Gerüche, blinkende Lichter der Dekorationen, die Musik des Karussells, Choräle der Posaunenbläser.

Hochsensible Menschen können auf Reize empfindlich reagieren. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen sind betroffen. Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat 1990/91 den Begriff geprägt und Studien dazu durchgeführt. „Reizüberflutung heißt, dass ich sozusagen irgendwann nicht mehr aufnahmefähig bin für die ganz normalen Alltagsreize“, beschreibt die Heilpraktikerin Andrea Herbst aus Hessisch Oldendorf während eines Vortrages in Celle die Symptome. „Das hat immer mit einem Rückzugswunsch zu tun, also mit der Tatsache dass ich mich aus dieser Situation entziehen möchte, egal wo das gerade ist.“

Dabei sei es sehr vielfältig, wie Menschen ihre Hochsensibilität erleben. Fest stehe, dass hochsensible Menschen Reize intensiver aufnehmen. „Das kann zu einer Überstimulation führen, die bei vielen Menschen einen starken Rückzugswunsch auslöst“, sagt Herbst, die selbst hochsensibel ist. „Wenn ich zum Beispiel einen Einkaufsbummel mache, dann sollte man doch denken, dass der Spaß macht. Aber ich komme nach zwei Stunden wieder nach Hause und bin völlig erschlagen: Ich fühle mich körperlich völlig erschöpft.“

Ein hohes Maß an Empathie, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und Wahrheitsliebe, starke Vorstellungskraft, tiefe Verarbeitung von Eindrücken, das Denken in großen Zusammen-hängen sowie hohe Emotionalität und ein intensives Harmoniebedürfnis kennzeichnen hochsensible Menschen: Achtsamkeit, überdurchschnittliche Intelligenz und kreativ-künstlerische Veranlagung gehören oft dazu. Herbst: „Es ist einfach die Verwundbarkeit, die jemand hat. Und die Gefahr, traumatisiert zu werden, ist natürlich immer da. Wenn die Menschen traumatisiert sind, dann haben sie große Energieräuber in der Seele und oft Probleme damit. Das kann Leidensdruck erzeugen.“

Zwar seien Menschen unterschiedlich, aber der Rückzugswunsch ist häufig vorhanden, dass jemand sagt, das sei ihm zu viel, er könne in der Situation nicht leben, er wolle raus.

Wie Herbst in ihrem Vortrag sagt, zeigen Studien, dass bereits Säuglinge besser lernen und erinnern, als man allgemein glaubt. „Sie lernen und entwickeln Ideen, ohne sich dessen bewusst zu sein oder es sprachlich ausdrücken zu können.“ Das hätten Experimente gezeigt, in denen Mütter keinerlei Mimik zeigten oder nur einen gleichbleibenden Gesichtsausdruck gegenüber dem Baby hatten. Babys reagieren sehr verstört und verzweifelt. „Bleibt das Vertraute aus, weiß das Baby, dass etwas nicht stimmt.“ Es komme häufig vor, dass in einer Familie mit einem oder zwei hochsensiblen Elternteilen auch hochsensible Kinder leben. „Kinder haben noch keine erprobten Bewältigungsmechanismen und sind einer Überstimulation oft hilflos ausgeliefert. Reaktionen wie Ängstlichkeit, Schreckhaftigkeit, schnelle Ermüdung bis hin zu Aggressivität oder einem völligen Boykott sind oft zu beobachten“, sagt Herbst und warnt: Schule und die damit verbundenen Geräuschkulissen sind für hochsensible Kinder oft eine Herausforderung, die sie allein nicht bewältigen können.

„Jedes Kind lernt anders, und die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen werden von uns anerkannt und respektiert“, beschreibt Schulleiter Detlev Soetbeer das Präventions- und Interventionskonzept an der Hehlentorschule. Vielfalt sei normal und notwendig, da jedes Individuum zur Entwicklung seiner Identität ein Gegenüber benötigt, das durch sein Anderssein dabei hilft, sich selbst zu verorten. „Dies gilt in sozialer, kultureller, sprachlicher und kognitiver Hinsicht“, sagt Soetbeer. Die Teilhabe am gemeinsamen Unterricht ist daher Prinzip der Arbeit in der Hehlentorschule, die von 340 Schülern besucht wird. „Für uns sind alle Kinder, die ihr Päckchen zu tragen haben, wichtig.“ Ziel individueller Förderung sei neben der Unterstützung zur Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit jedes Einzelnen der Erwerb unterschiedlicher Kompetenzen. Im Zuge inklusiver Schulentwicklung liegt das Hauptaugenmerk allen pädagogischen Handelns in der Teilhabe aller am gemeinsamen Lernen. Soetbeer: „Das gilt für den Bereich der Lernentwicklung in gleichem Maße wie für den Bereich der emotional-sozialen Entwicklung. Um Teilhabe ermöglichen zu können, müssen Barrieren beseitigt werden und Präventionsmaßnahmen dienen der Beseitigung von Barrieren.“

Was ist zu tun? „Wir sind hier ganz besonders aufgerufen, die wichtigen Regeln zu beachten, damit nicht aus einem gesunden hochsensiblen Kind später ein persönlichkeitsgestörter, traumatisierter oder depressiver Mensch wird“, nennt Herbst eine Voraussetzung. Zuerst sei wichtig, dass der betroffene Mensch seine Filter für Hochsensibilität öffnet, dass er selbst versteht, dass er nicht allein ist mit der Symptomatik: „Wer versteht, dass er hochsensibel ist, bekommt einfach ein großes Gefühl von Erleichterung, wenn er weiß, dass er nicht allein ist. Wenn ich nicht weiß, wie Überstimulation entsteht und was sie genau bedeutet, kann ich ihr nicht entgegenwirken. Wir können nur angemessen auf etwas reagieren, was wir kennen und benennen können.“

Von Lothar H. Bluhm