Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Reportage "Anne" ist nicht lila
Mehr Reportage "Anne" ist nicht lila
15:08 09.07.2014
Auge in Auge mit einer schwarzbunten Hochleistungs-Produzention: Louisa und eine Kuh Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Neugierig stecken die Kühe ihre feuchten Nasen durch den Zaun, die Kälber gucken schüchtern aus großen dunklen Augen hoch. Ebenso neugierig, aber keineswegs zurückhaltend strecken ihnen die Kinder ihre kleinen Hände entgegen, bis sie das weiß-schwarz gefleckte Fell berühren können und ihnen eine warme Zunge über den Handrücken schleckt. Dass Kühe nicht lila sind, wissen die 20 Kinder aus der vierten Klasse der Grundschule Eldingen schon ganz genau. Doch wie viel wiegt eine Kuh eigentlich? Was frisst sie, und wie viel Liter Milch gibt sie am Tag? Die Fragen liegen den Kindern schon auf den Lippen, als sie den Stall zum ersten Rundgang betreten.

Heute heißt der Lernort: Bauernhof. Genauer gesagt, Milch-Bauernhof der Bentloh KG, geleitet von der Familie Drögemüller. Etwas außerhalb von Scharnhorst stehen die neuen Stallungen, sie sind groß und modern, wurden erst vor fünf Jahren neu gebaut. Der Stall ist hell und luftig. Man hört das Klappern der Melkmaschinen, das gleichmäßige Kauen der Kühe, ein leises Muhen, das Zwitschern der Schwalben. Es riecht nach Dung und Silage, frische Landluft eben.

Eine Expedition in die Landwirtschaft. Der Bauernhof als idealer Lernort, um die Herkunft von Lebensmitteln verstehbar zu machen. Hier können junge Konsumenten die Nahrungsmittelproduktion hautnah erleben und dieser Frage auf den Grund gehen: Was esse und trinke ich da eigentlich? Hier verstehen sie, dass die meisten Lebensmittel einen langen Weg vor sich haben, bis sie in den Regalen des Supermarkts und schließlich im heimischen Kühlschrank landen. „Transparenz schaffen“ – ein Projekt gefördert aus Mitteln des Landes Niedersachsen und der Europäischen Union. „Die im Projekt tätigen Landwirte und Landfrauen vermitteln nicht nur Fachwissen, sie geben unmittelbare Einblicke in die Lebens- und Arbeitswelt der heutigen Landwirtschaft“, erklärt Hanna Bade, Projektleiterin im Landkreis Celle.

Landwirtin Silke Drögemüller lädt die Kinder zu einem ersten gemeinsamen Rundgang ein, damit sie Hof und die Tiere kennenlernen können. Da ist das Futterlager, dort die Silos, hier der Eingang zum Stall, links die Melkmaschinen. 115 Kühe, 16 Kälber und „Pep“, er ist der Hahn im Korb, oder besser gesagt der einzige Bulle im Stall. „Hallo Pep“, begrüßen ihn die Kinder freundlich. Als der Deckbulle sich schwerfällig erhebt und zu seiner vollen Größe aufrichtet, weichen sie jedoch lieber ein paar Schritte zurück.

„Ist die Kuh schwanger?“, fragt eines der Mädchen, als sie den dicken Bauch einer Kuh betrachtet. „Ja, ist sie. Bei Kühen nennt man das aber trächtig“, erklärt Drögemüller und führt die Kinder weiter zu den Kälbern, die in kleinen Boxen im trockenen Stroh liegen. Die „Junior-Suite“. Eines der Kälbchen wurde erst einen Tag zuvor geboren und hat noch keinen Namen. „Ihr dürft es nachher taufen“, verkündet Drögemüller. „Es soll ein Mädchenname mit A sein, da die Mutter auch mit A anfängt“, erklärt sie den Kindern.

Die erste Station heißt „Rund um die Kuh“, hier lernen die Kinder alles über die Körperteile einer Kuh, über ihre Größe, Rasse und die Bedeutung der Ohrmarke. An der nächsten Station soll das Tierverhalten studiert werden. Aufmerksam beobachten die Kinder jeweils eine Kuh und notieren, was sie tut. Manche liegen wohlig im Stroh, kauen wieder oder dösen. Andere reiben sich genüsslich den Rücken an einer Kratzbürste oder schieben sich mit ihrer langen Zunge unaufhörlich Futter in das Maul. Und wenn das Euter voll und schwer ist, wird es Zeit zum Melken zu gehen.

Bei der nächsten Station heißt es: „Melken heute: Ohne Technik läuft nichts!“ Was moderne Landwirtschaft bedeutet, verstehen die Kinder spätestens, als sie den Melkroboter sehen. Fasziniert schauen sie zu, wie die Maschine mithilfe von Laserstrahlen die Position der Zitzen ermittelt, sie automatisch reinigt und dann gezielt die Saugnäpfe ansetzt. „Und wie viel Liter gibt eine Kuh am Tag?“ fragt Drögemüller. „Mmh, acht Liter oder vielleicht zehn“, die Kinder überlegen. „Mit den Kühen wären wir aber nicht so zufrieden“, scherzt Drögemüller. „Eine Kuh gibt im Durchschnitt 22 Liter Rohmilch am Tag, unsere Kühe sogar etwas mehr“, sagt sie. Damit sich die Kinder diese Menge vorstellen können, bauen sie 22 leere Milchtüten in einer Reihe auf dem Boden auf. Das ist schon eine ziemliche Menge, die Kinder gucken etwas ungläubig. Aus 22 Liter Milch könnte man 5 Kilo Quark, 3 Liter Sahne oder 5 Päckchen Butter machen.

Um so viel Milch produzieren zu können, müssen Kühe viel fressen und trinken. Stichwort Futter. Es geht weiter zur nächsten Station. Hier stehen schon acht große Eimer mit unterschiedlichen Futtermitteln bereit, die die Kinder bestimmen und beschriften sollen. Sie greifen in die Eimer, fassen die feuchte Maissilage an, riechen ihren säuerlichen Geruch, lassen das Mineralfutter wie Sand durch ihre Hände rieseln, fühlen Heu und Stroh. „Heu ist getrocknetes Gras“, weiß Louisa. „Und Stroh kommt vom Feld“, sagt Niklas.

In der ausgiebigen Pause sind sich die Kinder einig: Mit frischer Milch schmeckt ihnen der Kakao viel besser als mit H-Milch. Bei Pausenbrot und Vanille-Milch träumen Tom, Linus und Henner von der Zukunft. „Wenn wir groß sind, wollen wir zusammen einen Hof aufmachen“, erzählen die drei zehnjährigen Jungen. Was sie dafür brauchen? Ganz klar: drei Traktoren, (für jeden einen), 100 Kühe, 250 Hektar Feld, eine Scheune, einen Mähdrescher. „Und ein paar Hunde“, wünscht sich Tom.

Schließlich versammeln sich alle zu einer letzten Fragerunde. „Wie teuer ist ein Deckbulle?“ - „2500 bis 3000 Euro.“ Die Kinder staunen nicht schlecht. „Und wie alt ist die älteste Kuh?“ und „Wie viele Kälbchen kann eine Kuh bekommen?“ Die älteste Kuh heißt Inga und ist elf Jahre, die meisten Kühe bekommen in ihrem Leben fünf bis sechs Kälber. Jetzt ist auch die letzte Frage geklärt. Am Ende darf die Klasse dem neugeborenen Kalb noch einen Namen geben. Sie taufen es „Anne“.

Von Johanna Hasse