Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Reportage Asche zu Asche
Mehr Reportage Asche zu Asche
18:19 25.02.2015
In einer Kapsel findet die Asche des Verstorbenen die letzte Ruhe. Die äußere Hülle bildet eine Urne. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Auf der dicken altrosa DIN-A-4-Mappe, die Julia Kramer zum Auftakt überreicht, steht „Rosenfrieden“. Rosen zieren auch das Geschirr in der Tee-Küche des Celler Krematoriums, das seit 2001 in privater Trägerschaft geführt wird. Betriebsleiterin Kramer wartet auf keine Fragen, sie beginnt unmittelbar, zunächst die formalen Voraussetzungen für eine Feuerbestattung zu erläutern. Es muss der ausdrückliche Wille des Verstorbenen gewesen sein, verbrannt zu werden, dieses ist schriftlich nachzuweisen. All seine Daten werden bei Einlieferung erfasst, eine Registriernummer wird erzeugt und findet sich im gesamten folgenden Prozess wieder.

Aus ökonomischer Sicht dürfte Kramer allen Grund zur Zufriedenheit haben, denn die Anzahl von Feuerbestattungen nimmt stetig zu: Im Jahr 2009 lag der Anteil bundesweit bei 42 Prozent. Eine gute Basis für Investitionen. „Wir haben im letzten Jahr hier alles runderneuert“, berichtet Kramer. Erst die Frage, wie sie denn dazu gekommen sei, in einem Krematorium zu arbeiten, führt weg von der Anpreisung des Betriebes. „Ich habe Wirtschaft studiert und einen Abschluss als Kremationstechnikerin“, antwortet sie ebenso knapp wie überrascht. Als außergewöhnlich empfindet sie ihren Job nicht.

Keine Leiche, keine Asche, kein Feuer, nichts. Er ist gar nicht so leicht einzufangen, der eigentliche Gegenstand der Tätigkeit von Kramer und ihrem Team in diesen hellen und freundlichen Räumen. Aber plötzlich biegt er um die Ecke – in Form eines Holzsarges, schön geschmückt mit roten Rosen und flankiert von umtriebigen Gärtnerhänden auf der einen Seite und einem ruhigen und stattlichen Herrn in dunkler Kleidung auf der anderen. Bestatter Uwe Dierking hat nichts dagegen, dass wir Fotos machen im Sargeinlieferungsbereich. Er ist als Bestatter Kramers Kunde.

Zweite Leichenschau ist vorgeschrieben

Dorthin, wo das schwere, rosenverzierte Behältnis früher oder später gelangen wird, führt eine Treppe abwärts. Wie kaum anders zu erwarten, sind das Krematorium, vier Kühlkammern und ein kleiner Raum für die Abschiednahme am offenen Sarg im Keller untergebracht. In den Kühlkammern findet auch die bei Feuerbestattungen vorgeschriebene zweite Leichenschau statt, da eine Exhumierung nach der Verbrennung nicht mehr möglich ist. „Herr Kerschies ist heute im Dienst und äschert ein“, erläutert Kramer, während wir den Übergaberaum, wie es hier heißt, betreten. Ingo Kerschies sitzt hinten in der Ecke vor etlichen Bildschirmen und anderen technischen Utensilien, die die gesamte Einäscherungsanlage steuern und durchgehend überwachen. Einige Meter vor ihm in der Mitte des Raumes fällt die große Sargeinfahrmaschine sofort ins Auge. Für durchschnittlich sieben Einäscherungen pro Tag wird sie in Bewegung gesetzt.

„Als ich hier anfing, wusste ich nicht, ob ich das verarbeiten kann und habe mir selbst eine Probezeit auferlegt“, erzählt Kerschies. Ein normaler Job ist es für ihn auch nach 14 Jahren nicht, aber anders als einige Kollegen, die schnell wieder aufhörten, hat er es sich antrainiert, mit dem besonderen Arbeitsfeld umzugehen. Geholfen haben ihm die Modernisierung und seine gärtnerische Tätigkeit im Rosengarten. „Da oben im Garten, da bin ich happy“, erzählt der gelernte Hochspannungstechniker, aber im Moment steht er an der Sargeinfahrmaschine und kommentiert: „Ich schicke da jeden Tag Särge rein.“ Das Tor zum Feuer bleibt geschlossen. „Während der Übergabe verdecken wir die Steuerungsanlage natürlich mit einer Stellwand und überall brennen Kerzen“, gibt die Expertin einen Eindruck von der Atmosphäre bei einer Abschiednahme.

Was bleibt sind Asche und Knochen

Dass sie die Insignien einer Feuerbestattung nicht ausklammern kann, ist ihr mittlerweile klar geworden. „Ingo, bereite eine Kumme vor und eine Aschekapsel“, weist sie an beim Verlassen des Krematoriums. Können wir beim Umfüllen der Asche dabei sein? „Nein, das macht doch alles die Maschine“, wiegelt sie ab und zeigt stattdessen den Rosengarten. Eventuell wird sie hier begraben, die Asche samt Schamottestein mit Namen, Geburts-, Sterbe- und Kremierungsdatum, die im Ascheaufbereitungsraum bereitsteht. Die Kumme wirkt wie die unscheinbare Schwester neben der Urne für die Ewigkeit. Der gehobene Deckel gibt überraschend viele Knochen frei. „Aus der Anlage heraus ist das niemals fertig, der gesamte Prozess nimmt drei Stunden in Anspruch“, erläutert Frau Kramer auf die riesige Ascheaufbereitungsanlage zeigend. In keinem der Räume zuvor wurde so deutlich, dass es um nichts anderes als die Verwandlung eines Körpers geht.

Der Blick in die Aschekapsel löst nichts aus, er befriedigt lediglich die Neugier, wie menschliche Asche aussieht. Bei der Plakette und dem Deckel mit allen Daten dominiert der formale, rein bürokratische Zweck. Dem Verstorbenen, von dem diese Asche übrig geblieben ist, wünscht man indes, dass seine Seele längst entwichen ist – dahin, wo alles Irdische keine Rolle mehr spielt und ein wie auch immer gearteter Frieden zu finden ist, ganz so, wie es die eingangs ausgehändigte Broschüre verspricht.

Von Anke Schlicht