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Reportage Auf Pferderücken das Leben in den Griff kriegen
Mehr Reportage Auf Pferderücken das Leben in den Griff kriegen
15:42 24.11.2010
Die neue Halle, mit Turniermaßen 20 mal 40 Meter. Quelle: Margitta True
Wietzenbruch

„Probier es noch mal“, fordert Reitlehrerin Leslie Naguschewski die junge Amazone auf, die das „Schulterherein“ feiner mit „ihrem Partner“ Pferd abstimmen möchte. Gar nicht so einfach ohne Sattel, aber förderlich für die Balance und Körperkoordination. Die Übung gelingt, stolz lobt das Mädchen das Pferd.

„Die Kinder lernen über Erfolgserlebnisse“ sagt Naguschewski. „Die übertragen sich auf andere Bereiche.“ Und das kann der Beginn eines neuen Lebens sein, denn die 16 Kinder und Jugendlichen, die hier wohnen, kommen aus „unerträglichen Situationen“, wie der Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft für Reittherapie und Heilpädagogik (VRH), Andreas Mehls, berichtet. Es könne Erleichterung für alle Beteiligten bedeuten, das Zuhause zu verlassen, das eigentlich Schutz- und Trutzburg für Heranwachsende sein sollte. „Manche Kinder gewöhnen sich Verhaltensweisen an, mit denen Eltern nicht mehr umgehen können, zum Beispiel ein absolutes Nichtbefolgen von Regeln. Und dann wird der Erziehungsnotstand ausgerufen.“

„Kein Kind ist so

verstört geboren“

Mehls spricht auch von Luxusverwahrlosung, einer zunehmenden Erscheinung; „Kinder sitzen vor überquellenden Spielzeugregalen und werden emotional vernachlässigt.“ Schließlich komme es zur Krise, gemeinsam mit dem Jugendamt werde dann eine Lösung gefunden: Heimunterbringung, weil zuhause nichts mehr geht.

Kein Kind sei so verstört geboren worden, sagt Mehls mit Nachdruck, während er die Arbeit in der Halle über den Brillenrand hinweg beobachtet, „Kinder sind immer nur Symptomträger eines kaputten Systems“. Und dann kommen sie nach Wietzenbruch auf das ehemalige Gut derer von Hannover-Anderten. Um alte Wunden zu heilen, werden hier Pferde eingesetzt – eine Idee von Mehls Ehefrau Ulla, selbst Reiterin, die bereits in den 70 er Jahren Erfahrungen mit dem Heilpädagogischen Reiten gemacht hatte. Und den Impuls gab, dies als festen Baustein in das ganzheitliche Konzept der Einrichtung zu installieren und auszubauen.

Heilsam für Jugendliche wie Sophie. Sie war 14 Jahre alt – ein schwieriges Alter – als sie aufhörte zur Schule zu gehen, sich lieber herumtrieb, nicht wusste wohin, und durch die Stallgassen der Reitställe zu streifen begann. „Das ist besser, als in irgendwelchen Einkaufspassagen“, sagt Mehls, „wir wissen, dieses Kind können wir erreichen.“ Jetzt sitzt das Mädchen sonnabends in der Sattelkammer mit den anderen, um mit der Reitlehrerin die Arbeitsabfolgen für den Vormittag zu besprechen. Wer reitet Willi Westwind? Wird Garcia heute nur longiert? Wäre es nicht mal wieder Zeit, die Tröge zu säubern? Reitlehrerin Leslie Naguschewski lässt die muntere Truppe Vorschläge machen, teilt dann die Arbeit zu. Alle nicken und schwärmen aus, holen sich Putzkästen und Sattelzeug, um die Tiere für den Reitunterricht vorzubereiten.

Den Einstieg, überhaupt wieder einen ganz normalen Alltag anzupacken und zu strukturieren, erfahren die Kinder auf diese Weise im Pferdestall. „Bei uns kann sich niemand auf ein fertig gesatteltes Pferd setzen“, betont Naguschewski. Der Arbeitsplan muss eingehalten werden mit Stall- und Weidediensten, Füttern, Pflegen und Striegeln der Pferde. Jedes Kind darf ein Pflegepferd übernehmen und ist für das Wohl des Tieres mitverantwortlich.

Erfolgserlebnisse geben

Kindern Selbstvertrauen

Naguschewski ist Sozialpädagogin im gruppenpädagogischen Dienst, sie hat den A-Trainer Schein der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN erworben, zurzeit absolviert sie zudem eine Ausbildung des Deutschen Kuratoriums für therapeutisches Reiten zur Heilpädagogin Voltigieren und Reiten. Im Rahmen ihrer sozialpädagogischen Diplomarbeit hatte sie festgestellt, dass jene Kinder in Wietzenbruch, die regelmäßig am heilpädagogischen Reiten teilnahmen, tendenziell ihr Leben später besser in den Griff bekämen.

Doch was ist es, was den Umgang mit den Pferden so heilend und wohltuend wirken lässt? Da gäbe es zunächst die motorische Seite, sagt Naguschewski. „Die Kinder werden mitgenommen in einer dreidimensionalen Bewegung“.

Das Erfolgserlebnis, durch eindeutige Signale und in fein abgestimmter Verständigung mit dem Pferd über Körper und Stimme zu entscheiden, ob das Pferd rechts oder links herum geht, verleihe Selbstvertrauen. „Es ist die Erfahrung: Ich kann etwas bewegen. Selbst Kinder, die sonst nur herumwuseln, kommen auf dem Pferd zur Ruhe.“ Vertrauen sei das Stichwort, sagt Naguschewski. „Das Kind muss dem Pferd einen Vertrauensvorschuss geben und sein Verhalten wird vom Pferd immer wieder korrigiert, bis es rücksichtsvoll mit ihm umgeht.“

Welches Pferd passt

zu welchem Kind?

Fast alle der 14 Pferde der Einrichtung stammen aus eigener Zucht, sie sind gut ausgebildet und gewöhnt, sich auf die Kinder einzustellen. Entscheidend für den Erfolg der Therapie sei die richtige Wahl zu treffen, welches Pferd zu welchem Kind passt. Auch kleine Prüfungen finden auf der Anlage statt, dank der neuen Reithalle nun auch unabhängig von Jahreszeit und Witterung. Zu solchen Veranstaltungen würden auch die Eltern eingeladen, erzählt Leslie Naguschewski, „einige sind sehr stolz auf ihre Kinder und können kaum glauben, was sie hier leisten, andere habe ich so gut wie nie gesehen“.

Ein Aspekt, der dem Team der VRH besonders wichtig ist, ist die Integration – auch jener Kinder, die Förderschulen besuchen. Die gemeinsamen Stunden auf der Stallgasse, in der Sattelkammer mit jenen Kindern und Jugendlichen, die von außen zu Reitstunden kommen, verbinden. Es kommt zu Freundschaften und Geburtstagseinladungen – ganz normal. Naguschewski: „Man hat eben ein gemeinsames Interesse – das Hobby Reiten“. Wenn ein neuer Schützling die historische, in den 90er Jahren sanierte Gebäudeanlage auf dem fünf Hektar umfassenden Grundstück vorab besichtige, so Mehls, sei dies wie ein Aha-Erlebnis. „Und dann kommt regelmäßig der Satz: Am liebsten würde ich gleich hier bleiben.“

Neue Reithalle ist „enorme Erleichterung“:

Anlässlich des 35-jährigen Bestehens der VRH wurde jetzt die neue Reithalle auf der Anlage in Andertenhäusen eingeweiht. Der Bau symbolisiert einen Weg, der stationäre Jugendhilfe mit reitsportlichen Angeboten verband.

1975 war zunächst der Verein für Reittherapie und Heilpädagogik gegründet worden, heute weiter geführt als Reitsportverein VfR mit den Schwerpunkten therapeutisches und heilpädagogisches Reiten und die VGH, 1995 in eine gemeinnützige GmbH überführt. Ausgehend von Altencelle, hatte sich die Einrichtung so weit entwickelt, dass heute 54 Mitarbeiter, darunter 30 pädagogische Fachkräfte, 56 Kinder und Jugendliche an vier Standorten und in zwei Außenwohngruppen betreuen können. Ziel, betont Heilpädagogin Ulla Mehls, sei stets soweit möglich die Rückführung in die Familie.

Die Reithalle mit den Maßen 20 mal 40 Meter sei durchaus ein Meilenstein in der therapeutischen Arbeit mit dem Pferd, sagt Mehls. Für den Bau seien 185000 Euro aufgebracht worden, 23000 Euro hat der Landessportbund übernommen. Den Unterhalt bestreitet die Beutenmüller-Mehls-Stiftung. Neben den erweiterten Möglichkeiten für Therapie und Unterricht bietet die Halle nun auch die Option, andere Einrichtungen zu Veranstaltungen mit Pferden einzuladen.

Für die Planung von Lehrgängen, so Leslie Naguschewski, sei der Verein nun das ganze Jahr über witterungsunabhängig: „Wir waren vorher im Winter sehr stark im Unterrichtsbetrieb eingeschränkt. Die neue Reithalle ist eine ganz enorme Erleichterung für uns.“

Von Margitta True