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Reportage Aufbruch ins Ungewisse
Mehr Reportage Aufbruch ins Ungewisse
18:02 13.04.2016
Alltag im Camp: Gruppen von Frauen treffen sich mit oder ohne Kinder in der Aufenthaltshalle und tauschen sich aus: Im Vordergrund Fahima Hoseini aus Afghanistan: „Hier gibt es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern.“ Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Hier können die Frauen das Kopftuch dann auch einmal ablegen“, sagt der stellvertretende Leiter Nicolai Hollander bei einem Rundgang durch das Flüchtlings-Camp Scheuen und zeigt eine durch provisorische Stellwände vom Rest der großen Aufenthaltshalle abgetrennte Zone. Die Aussage und die Tatsache, dass es überhaupt einen eigenen Frauenbereich gibt, bleiben haften, weist beides doch auf die Rolle der größtenteils muslimischen Frauen in der Einrichtung und der Gesellschaft insgesamt hin.

VerlorenesLeben

Lamies Mohammed Aldakhiel ist gerade dabei, den mit Sitzgruppen, einem Spiegel und ein paar Utensilien ausgestatteten Raum wieder zu verlassen. Der Tisch, an dem sie mit ihren drei kleinen Töchtern saß und über sich erzählte, wird benötigt, die Nähmaschinen werden jetzt dort aufgebaut. Die Szene versinnbildlicht, was die 28-Jährige gerade berichtet hat: Mit Nähen hat sie nichts am Hut und mit all den anderen handwerklichen und dekorativen Beschäftigungen, denen die anderen hier nachgehen, auch nicht. Eigentlich ist sie so gut wie nie hier. Für die Nähmaschinen Platz zu machen, kam zum richtigen Zeitpunkt: Ein Gespräch wäre nicht mehr möglich gewesen.

Ein lebendig gewordenes „Geo“-Heft hält Einzug ins „Wohnzimmer“. Lange Ohrringe zu grellroten Lippen – von Kopfbedeckung keine Spur – sind ebenso vertreten wie von Tüchern umhüllte Gesichter, von denen sich Leben ablesen lassen, die ganz anders verlaufen sind als das, was man hierzulande kennt. Shijoi Khurshid entfaltet enorme Präsenz, indem sie einfach nur dasitzt. Im afghanischen Kunduz blieb ihre Persönlichkeit unter einer Burka mit Gesichtsschleier verborgen. Acht Kinder hat sie geboren, nicht alle sind noch am Leben. An ihren Händen lässt sich harte Arbeit ablesen. Fragen nach ihrer Rolle als Frau stoßen auf Unverständnis: „Ich habe mein Leben in Afghanistan verloren“, deckt als Antwort alles ab. Schon in der Halle des Camps war sie aufgefallen, wirkte ebenso fremd wie die anderen. Sobald man ins Gespräch gekommen ist, verliert sich das Gefühl von Distanz.

Selbstbestimmtes Leben

Sana Mahameds westlicher Stil ist vertraut. Im Irak arbeitete sie als Mathelehrerin, ihr Mann ist bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen. Sie ist geschminkt, verbirgt ihre Haare nicht, regelmäßig geht sie in die Gymnastikgruppe, die einmal pro Woche auf dem Programm steht. „Ich hätte gerne, dass noch mehr nur für Frauen angeboten wird“, sagt sie. Nazeeh Alsahuyuy und Mizgin Kizilyel verlassen bei diesem Satz ausnahmsweise die Rolle als Dolmetscher und erläutern, dass die mit der Campleitung beauftragten Malteser auf Gemeinsamkeit von Frauen und Männern setzen. Es sollen so wenig Schranken wie möglich aufgebaut werden, um keinen falschen Eindruck vom gesellschaftlichen Leben in Deutschland zu vermitteln. Sana hat als Sunnitin vor den politischen Veränderungen in ihrer Heimat ähnliche Bedingungen kennengelernt. „Ich lebe, wie ich will“, tritt sie selbstbewusst nicht seltenen Aussagen von Männern und auch Frauen aus dem Camp entgegen, die sie auffordern, ein Tuch zu tragen, oder fragen, weshalb sie sich schminke. Genauso eindeutig ist ihre Antwort auf die Frage, ob das Leben im Camp für Männer einfacher oder anders sei. „Nein, überhaupt nicht.“

Traditionelles Leben

Ganz anders nimmt es Lamies wahr. Ihr Mann kann es ihr nicht abnehmen, mit den Töchtern in die zentralen Waschräume zu gehen. Sie muss sich zu jeder Tages- und Nachtzeit vollständig ankleiden, um die Kinder zu begleiten. Lamies‘ Gesicht ist vollständig umhüllt von einem schwarzen Tuch aus dichtem Stoff. Niemals legt sie es ab außerhalb ihrer eigenen vier Wände. Sie bezeichnet sich als unabhängig, hat schon zu Hause in Syrien dafür gesorgt, dass sie ihren eigenen Bereich im Hause hatte. Dennoch macht die junge Frau die Regeln, die der muslimische Glaube den Frauen auferlegt, anschaulich. Der Mann vertritt die Familie nach außen. Die Ehe, das Haus sowie die Familie sind das der Frau zugeschriebene Wirkungsfeld und bieten ihr Anerkennung und sozialen Schutz. Lamies mag es nicht, wenn ihr Mann im Haus arbeitet, sie möchte ihm alles abnehmen. Gerne würde sie einmal mitgehen ins Theater – das Schlosstheater bietet Gelegenheiten – aber wegen der Kinder geht es nicht. Sie war eine Zeitlang berufstätig in Syrien, hat eine Ausbildung im Bereich Wirtschaft absolviert. Ihr größter Wunsch war es, Geschichte zu studieren. Hätte sie denn nicht warten können mit der Heirat? Diese Frage übersetzt Nazeeh nicht. Er ist selbst Syrer. „Nein, Heirat ist zentral“, erläutert er. Also muss man als Frau mit 30 verheiratet sein? „Das ist schon alt, da wird es bereits schwierig, einen Mann zu finden.“ Lamies hat die Regeln verinnerlicht. Bisweilen vermittelt sich ihr der Eindruck, dass sie hier gemieden werde, weil sie eine muslimische Frau sei.

„Ich will frei sein“

Fragen nach ihrer Kopfbedeckung empfindet sie als sehr persönlich. Und dennoch gibt sie sich wie alle anderen Gesprächspartnerinnen sehr offen. Bei jedem Interview bilden sich Trauben von Menschen, die zuhören und manchmal kommentieren. Das Thema „Frauenrolle“ ist für viele ungewohnt, schnell geht man über zu den Berichten über das Erlebte in den Heimatländern.

So unterschiedlich sich die Frauen auch präsentieren, so sehr stimmen sie in Sätzen, die die Zukunft betreffen, überein. Wenn Lamies Mohammed Aldakhiel, die gerne ein eigenes Geschäft eröffnen möchte, etwa einen Kosmetiksalon, sagt: „Ich bin sehr optimistisch bei allem, was jetzt kommt“, dann findet die Aussage bei Sana Mahamed, die beruflich an ihre Lehrerinnentätigkeit anknüpfen und Teil der deutschen Kultur werden möchte, ihre Entsprechung in: „Ich will von dem freien Klima hier profitieren“. Und auch Shijoi Khurshid gibt ihr Leben noch nicht ganz verloren: „Ich will frei sein“, zeigt auch sie sich zuversichtlich.

Aus welchem Land man stammt, spielt bei den Frauentreffen keine Rolle. „Wir sind alle Flüchtlinge“, sagen die Frauen lachend. Der Status als Asylsuchende eint sie mit Blick auf das, was hinter ihnen liegt. Und gleichzeitig ist es für alle der Ausgangspunkt für den Aufbruch in ein neues Leben. Anke Schlicht

Von Anke Schlicht