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Reportage Balance in Bewegung
Mehr Reportage Balance in Bewegung
14:32 16.07.2014
Beim Reiten als Gesundheitssport braucht man Dreier-Teams (von links): Schulpferd "Richie", André Gruhle (oben), Ingrid Dettmann, Schulpferd "Rafa", Gisela Scholz (oben), Stefanie Franke, Schulfpferd "Ali", Susanne Dawid (oben) und Petra Studte. Quelle: Anne Friesenborg
Celle Stadt

Gemächlich trottet Schwarzwälder-Mix „Richie“ durch die Reithalle des Reit- und Fahrvereines (RuF) Herzogstadt Celle. Vom Treiben auf seinem Rücken zeigt er sich unbeeindruckt: Dort wirft seine Reiterin einen kleinen Fußball von einer Hand in die andere. Gerade findet die sechste Unterrichtseinheit des Kurses „Reiten als Gesundheitssport“ unter der Leitung von Reitlehrerin Leopoldine Landsrath statt. „In der Regel haben wir acht Teilnehmer und vier Schulpferde, die in diesem Kurs zum Einsatz kommen“, erzählt Landsrath. „Einer führt das Pferd, der andere macht oben die Übungen.“

Da eine Kursteilnehmerin kurzfristig abgesagt hat, komme ich spontan selbst in den Genuss, bei der Reitstunde der besonderen Art mitzumachen. Zuvor haben sich alle Gruppenmitglieder im Stall ein wenig mit entsprechenden Übungen aufgewärmt. Meine Partnerin für heute ist Gisela Scholz, sie führt bereits Schulpferd „Rafa“ in die Halle. Ich bin als erstes mit dem Führen des Pferdes dran und so reihe ich mich mit „Rafa“ am Führstrick hinter Vollblutaraber „Ali“ und seinen beiden „Turnerinnen“ ein.

Dann warten alle auf weitere Instruktionen von Landsrath: „An der langen Seite lasst ihr eure Arme kreisen. Beginnt mit kleinen Kreisen und werdet dann größer.“ Die drei Teilnehmer, die sich auf dem Pferderücken befinden, strecken die Arme links und rechts aus und fangen an zu kreisen. An der kurzen Seiten der Reithalle wird pausiert und nur entspannt auf dem Pferd gesessen. „Das Reiten als Gesundheitssport ist für alle Altersgruppen geeignet,“ berichtet Landsrath. Sie hat eine spezielle Ausbildung absolviert, um neben ihrer Tätigkeit als Reitlehrerin auch Reiten als Präventionssport unterrichten zu können.

Das Konzept des Kurses wurde innerhalb der Deutschen Reiterlichen Vereinigung entwickelt und wird vom Deutschen Olympischen Sportbund unterstützt und gefördert. Ziel ist es, das Muskel-und Skelettsystem zu stärken, um Haltungsschäden zu korrigieren und diese zu vermeiden. Eine besondere Rolle spielt die Balance: Da ein Großteil der Übungen im Schritt auf dem Pferderücken ausgeführt wird, müssen die Reiter sich ständig der Bewegung des Pferdes anpassen. In Kombination mit den Übungen auf dem Pferd wird der Gleichgewichtssinn und das gesamte Wahrnehmungsvermögen angesprochen. Die Kursteilnehmer nehmen dabei das Pferd als Partner und in gewisser Weise auch als Trainer wahr.

Die Gruppe im RuF Herzogstadt Celle ist bunt gemischt: Einige haben bereits Reiterfahrung, andere sitzen in diesem Kurs zum ersten Mal auf einem Pferd. „Als nächstes begrüßt ihr euer Pferd,“ kündigt Landsrath die nächste Übung an. „Die Pferdeführer achten darauf, dass das Pferd den Kopf etwas weiter oben trägt, damit der Reiter ein sicheres Gefühl bekommt.“ Ich überzeuge also „Rafa“ davon, die Nase etwas weiter nach oben zu nehmen und beobachte, was als nächstes passiert: Alle Reiter lehnen sich im Sattel nach vorne und umarmen ihre vierbeinigen Partner von oben. Dabei kommen sie auf dem Hals des Pferdes zum liegen, das Gesäß wird ein wenig aus dem Sattel gehoben.

Das Kursangebot spricht besonders Personen mit einer schwächeren Rücken-und Bauchmuskulatur sowie starker oder einseitiger Belastung des Bewegungsapparates an. Durch die verbesserte Körperwahrnehmung sowie den Umgang mit den anderen Teilnehmern und dem Pferd wird Stress abgebaut. Auch Bewegungsmuffel werden motiviert, etwas für ihren Körper und ihre Beweglichkeit zu tun. Das Pferd ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes: Die Bindung an die Gruppe und den Sport im Allgemeinen soll durch das Tier verstärkt werden. Teile der Kurskosten können sogar von Krankenkassen übernommen werden.

Nach etwa einer halben Stunde bin dann ich an der Reihe. Meine Partnerin Gisela übernimmt „Rafas“ Strick und ich schwinge mich in den Sattel - da ich in meiner Freizeit selbst Westernreiterin bin, ist das für mich nicht allzu befremdlich. Auch wir beginnen mit dem Kreisen der Arme. Für alle Nicht-Reiter ist es mit Sicherheit ein ungewohntes Gefühl, sich auf einen Pferderücken zu schwingen und sich, ohne sich zwischendurch mal am Sattel festzuhalten, durch die Bahn tragen zu lassen.

Die nächste Übung ist etwas knifflig: „Zieht das Knie zum Körper und reicht den Ball darunter durch,“ erklärt Landsrath. Was einfach klingt, ist in der Praxis zunächst einmal gar nicht so einfach, da man das Gleichgewicht auf die eine Seite verlagern muss, während man auf der anderen das Knie soweit hochzieht, dass man den Ball darunter durch reichen kann. Sofort habe ich die Stimme meiner Trainerin im Kopf, die mir in jeder Reitstunde das gleiche sagen muss: „Hinten sitzen bleiben, ausatmen und nicht nach vorne kippen.“ Wie recht sie hat, stelle ich auch bei dieser Übung fest, denn mit dem richtigen Sitz ist auch das Ball-unter-dem-Knie-durchreichen kein Problem.

Etwas später tauschen wir unsere Bälle gegen ein elastisches Thera-Band. Schulpferd „Ali“ ist davon zunächst mal gar nicht so begeistert und beäugt skeptisch das Band. Kurze Zeit später lässt er sich aber davon überzeugen, dass nicht er, sondern seine Reiterin die Übungen mit dem Band machen soll. „Achtet darauf, das Band bei den Übungen nicht schnalzen zu lassen,“ rät Reitlehrerin Landsrath. Abgesehen davon, dass „Ali“ von den komischen Geräuschen auf seinem Rücken vermutlich nicht so begeistert wäre, trägt dieser Rat auch zur Effektivität der Übungen bei. Dort wo das Band beim Lockern der Spannung schnalzt, hat man diese nicht lange genug aufrechterhalten.

Insgesamt tut man so einiges für die Beweglichkeit des Körpers. Die einen tun das im Fitnessstudio, aber wer genug von den prüfenden Blicken seiner Mitsportler oder dem Muskelmann auf dem Stepper hat, während man selbst auf dem Laufband schwitzt, sollte einmal das Reiten als Gesundheitssport versuchen. Die Atmosphäre ist locker und entspannt, und das Pferd wird einen auch niemals abschätzig anschauen, wenn mal eine Übung weniger elegant ausgeführt wird.

Stefanie Franke

Von Stefanie Franke