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Reportage Barbie lötet besser als Ken
Mehr Reportage Barbie lötet besser als Ken
15:32 15.03.2017
Celle Stadt

Konzentriert hämmert Emilia Reißzwecken in das Holzbrett vor ihr. „Laura“ steht in geschwungen Buchstaben darauf. Mit einem dicken Bleistift hat sie den Namen ihrer Freundin auf das Holz geschrieben. Es soll ein Geschenk werden – ein Türschild oder eine Schreibtischdekoration. Mit präzisen Hammerschlägen wird eine Reißzwecke nach der anderen an ihre Position gehämmert. Jetzt nimmt Emilia Lötzinn und den Lötkolben. „Das Lötzinn ist matter und biegsamer als der Silberdraht“, erklärt die 13-jährige Emily den Unterschied zwischen den beiden Drähten.

Die heiße Spitze des Kolbens erhitzt das Zinn. Fein dosiert verteilt Emilia das Zinn auf den Reißzwecken, sodass sich eine silbrige Schicht auf ihnen bildet. „Am Anfang war der Umgang mit dem Lötkolben schwierig, aber irgendwann hat man das einfach raus“, erzählt die Elfjährige.

Dafür dass sie erst zwei Stunden im Workshop „Barbie lernt löten“ sitzt, benutzt Emilia die Werkzeuge schon sehr professionell. Im Keller des Bomann-Museums sitzen sieben Mädchen, die sich freuen, löten zu lernen. Ulrich Rode von der Stiftung Niedersachsen Metall hat das Projekt organisiert und betreut die Mädchen zusammen mit Referent Atif Öztürk, der sein Wissen an die Mädchen weitergibt und ihnen die wichtigsten Grundlagen des Lötens beibringt. In Kooperation mit dem Bomann-Museum findet der Löt-Workshop parallel zur Ausstellung „Busy Girl – Barbie macht Karriere“ statt. Die Kult-Puppe steht nämlich nicht nur für traditionelle Mädchenrollen, sondern geht mit der Zeit und wird moderner. Sie soll ein Vorbild sein für die rasante berufliche Entwicklung der Frauen. Barbie als Astronautin, als Chirurgin oder als Fußballprofi – die Blondine hatte schon einige Berufe inne, die nicht dem typischen Frauenklischee entsprechen.

Mädchen schon früh für Technik begeistern

„Wir wollen den Nachwuchs in den MINT-Bereichen fördern“, erklärt Rode. Gerade Mädchen müssten in jungen Jahren für technische Berufe begeistert werden. „Man kann nicht früh genug damit anfangen, Mädchen für Technik zu begeistern“, so Rode. Der Bildungsreferent ist begeistert von der Konzentration und dem Geschick der Mädchen. „Wir sind jetzt zwei Stunden dabei und die Mädchen gehen mit den Werkzeugen um wie richtige Profis.“ Er freut sich, dass die Mädchen sich freiwillig zu dem Workshop angemeldet haben und ein Wochenende in ihrer Schulzeit mit löten verbringen. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt er.

Nachdem das Lötzinn getrocknet ist, schneidet Emilia einen Silberdraht auf die passende Länge für den ersten Buchstaben, das „L“. Mit einer Zange biegt sie den Draht so, dass der Buchstabe dieselbe Form hat, wie ihr vorgeschriebenes Schreibschrift-L. Dann nimmt sie den Lötkolben, erhitzt die Zinnschicht damit wieder und positioniert den Buchstaben an der richtigen Stelle auf dem Brett. Das ist gar nicht so einfach. Mit der einen Hand muss der Kolben gehalten werden, mit der anderen der Buchstabe auf seinem Platz. „Ich finde es cool etwas zu machen, was sonst nur Jungs machen“, sagt die Elfjährige. Wenn sie einmal Hilfe braucht, stehen ihr nicht nur die Betreuer und Lehrer zur Seite sondern auch die anderen Mädchen. Denn was die Eine nicht so gut kann, kann die Andere umso besser.

Bevor die Mädels einen heißen Lötkolben in die Hand bekommen haben, hieß es erst einmal: Sicherheitsregeln lernen. Der Lötdampf darf nicht eingeatmet, lange Haare müssen zu einem Zopf gebunden werden und es wird eine feuerfeste Unterlage benötigt. Außerdem wurden die Löt-Werkzeuge vorgestellt. Lötkolben, Lötzinn, Spitzzange und Litze sind nur einige der Geräte und Materialien, mit denen sich die Mädchen an den zwei Workshop-Tagen beschäftigen.

Finja hat ihr Namensschild schon fertig. Sie baut jetzt ein Männchen aus Silberdraht. Auf dem drahtigen Körper des Männchens sitzt eine grüne LED-Leuchte, der Kopf. Mit Hilfe von Öztürk wird die Lampe so an eine Batterie angebunden, dass sie leuchtet. „Ich habe in der Schule schon gelötet und es hat mir sehr viel Spaß gemacht“, erzählt Finja, die sich über ihr leuchtendes Männchen freut.

„Pizza ist da“, rufen die Betreuer. Anstatt hungrig aufzuspringen und die Werkzeuge fallen zu lassen, hebt niemand einen Blick von der Arbeit. Alle wollen nur noch einen Buchstaben befestigen, nur noch einen Arm am Drahtmännchen befestigen. Nur durch mahnende Worte der Betreuer und Lehrer und den doch verlockenden Duft des Mittagessens legen die Technikerinnen widerwillig die Lötkolben aus der Hand.

Nach dem Essen und der kleinen Pause geht es direkt wieder an den Tisch. Jede möchte weiter an ihrem Werk arbeiten. Aber jetzt soll es erstmal mit einer Theorieeinheit weitergehen. „Legt bitte alle Werkzeuge auf den Tisch und schaut zur Tafel“, bittet Öztürk die Mädchen. An der Tafel erklärt er ihnen den Aufbau und die Bestandteile eines Schaltkreises. Oder besser gesagt: Die Mädchen erklären es ihm. In der Schule haben sie das schon gelernt. Eine Batterie, eine Lampe, ein Schalter und Kabel werden benötigt. Auf die Theorie folgt die Praxis. Ein Schaltkreis soll auf einem Brett gebaut werden, sodass die Lampe am Ende auch wirklich leuchtet. Klappt das nicht auf Anhieb, probieren die Mädchen andere Möglichkeiten aus, bis der Stromkreis funktioniert. Jede will den Erfolg sehen. Leoni wurde von ihrem Physiklehrer über den Workshop informiert. „Mir gefällt es richtig gut. Es macht total Spaß hier“, sagt sie. Ihr Vater hat eine Lötmaschine, weshalb sie schon einmal einen Lötkolben in der Hand gehalten hat.

„Mädchen denkenvorher nach“

„Ich kann ganz deutlich die Arbeiten von Mädchen von denen von Jungen unterscheiden“, erzählt Atif Öztürk. Der studierte Elektrotechniker und Lehrer erklärt warum: „Mädchen arbeiten filigraner und denken vor dem Löten nach. Jungen denken „Ich kann das“ und legen direkt los. Irgendwie klappt dann ihre Arbeit auch, aber die der Mädchen ist ordentlicher.“ Öztürk macht die Arbeit mit Kindern viel Spaß. Er bewundert das Talent von jungen Mädchen in technischen Bereichen. „Mädchen haben da sehr viel Potenzial.“ Er bedauert, dass sich mit fortschreitendem Alter wenig Mädchen für eine Ausbildung in einem technischen Beruf entscheiden. Deshalb möchte er kompetente Menschen fördern und sie für die MINT-Berufe begeistern. „Auch wenn die Mädchen es hier nicht direkt merken, vermitteln wir ihnen spielerisch Fachwissen“, so Öztürk.

Von Marie Schiller