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Reportage Bei der Herrengymnastik in Eschede kommen Alt und Jung ins Schwitzen
Mehr Reportage Bei der Herrengymnastik in Eschede kommen Alt und Jung ins Schwitzen
16:24 14.09.2017
Eschede

So anstrengend hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt, als ich mich entschied, die Abteilung Herrengymnastik des TuS Eschede vorzustellen. „Die meisten denken dabei an komisches Rumgehüpfe mit Flatterbändern, aber wenn die dann zum ersten mal da waren, sind sie platt“, erklärt Kassenwart Manfred Bölke. Das bekomme auch ich nun zu spüren, als es zur nächsten Übung geht: Sitzend gilt es, die Beine so weit wie möglich auseinander zu spreizen. Dann sollen wir langsam versuchen, die Zehen zu berühren. Mit viel Mühe komme ich mit meinen Händen bis knapp hinter die Knie, während die anderen links und rechts neben mir – viele gehören zur Generation 50+ - kein Problem damit haben. „In fünf Jahren hab ich dich auch soweit“, ruft Lange mir mit einem Lächeln zu, als ich mich weiter abmühe.

Schnell merke ich, dass es mit meiner Beweglichkeit nicht weit her ist. Doch das ist kein Problem, wie mir der Übungsleiter erklärt. „Die meisten Männer haben Kraft. Deswegen versuche ich den Fokus, mehr auf Beweglichkeit zu legen.“ Alles weitere sei Übungssache. Wer ein paar Mal regelmäßig bei der Herrngymnastik teilnehme, die jeden Dienstag von 19.30 bis 20.15 Uhr stattfindet, der habe schon bald keine Schwierigkeiten mehr mit den unterschiedlichen Übungen.

Und auch gegen Rückenprobleme sei die Herrengymnastik ein probates Mittel. „Seit ich damit angefangen habe, sind meine Rückenschmerzen viel weniger geworden“, sagt Rolf Heinich, der seit etwa zehn Jahren dabei ist.

Neben Dehnungen stehen auch kurze Laufeinheiten und verschiedene Übungen zur Beweglichkeit und Muskelstärkung auf dem Programm. Alle Stunden gestalten sich dabei unterschiedlich. „Es kommt immer darauf an, wie viele kommen. An Tagen, an denen wir mehr als 25 sind, trainieren wir zum Beispiel ohne Geräte“, sagt Lange. Ansonsten kämen unter anderem auch Medizinbälle, Therabänder und Schwingstäbe zum Einsatz.

Ich komme in den Genuss einer „Standard-Einheit“ und bin bereits nach den Laufrunden zum Aufwärmen außer Atem. Das ist meine eigene Schuld, wie ich mir eingestehen muss. Denn noch bevor es losging, hatte mich Lange gewarnt: „Ich sage Neuen immer, sie sollen am Anfang nur 50 Prozent geben.“

Denn der Clou der Herrengymnastik: Jeder kann sich aus den Übungsstunden das herausnehmen, was er braucht. „Wenn jemand sich nicht in der Lage zu einer Übung fühlt oder es etwas langsamer angehen lässt, dann ist das kein Problem. Es gibt kein Muss“, sagt Lange. So ist es auch kein Problem, dass fitte junge Männer wie der 23-jährige Michel Prengemann neben älteren, aber ebenfalls fitten Herren wie dem 87-jährigen Ewald Schulze trainieren.

„Ich kriege euch alle irgendwann, sage ich immer. Denn irgendwann seid ihr zu alt für einen anderen Sport“, erklärt mir Lange mit einem Augenzwinkern. Er selbst sei seit 1997 Teil der 50-jährigen Geschichte der Herrengymnastik in Eschede. Davor hatte der 54-Jährige Fußball und Handball beim TuS gespielt. Seit 2002 ist er Übungsleiter, doch wie lange er diesen Posten noch ausfüllt, wisse er noch nicht. Denn seit einer Verletzung an beiden Sprunggelenken könne er nicht mehr richtig mittrainieren. Doch von einem Rücktritt wollen die anderen Vereinsmitglieder nichts wissen.

Außerdem habe er noch eine Abmachung mit Ewald Schulze. „Solange er noch weiter macht, bleibe ich auch“, erklärt Lange schmunzelnd. Damit dürften ihm noch einige Jahre als Übungsleiter bevorstehen, denn das älteste Mitglied der Herrengymnastik-Abteilung denkt noch lange nicht ans Aufhören. Selbst nach einem Schlaganfall und einem Herzinfarkt zieht es den Rentner regelmäßig dienstags in die Sporthalle.

Warum das so ist, wird einem schnell klar, wenn man einmal dabei war. Denn neben dem sportlichen Aspekt steht bei der Herrengymnastik das Soziale im Vordergrund. Die Stimmung ist locker. Neulinge werden geduzt und fühlen sich vom ersten Moment an dazugehörig. Nach dem Sport sitzt man gerne noch gesellig zusammen. Und da es nicht um Punkte oder Siege geht, herrscht auch kein Druck, wie in anderen Sportarten.

Nur am Ende wird es dann noch einmal leicht kompetitiv. Nachdem die letzte Übung beendet ist, wird es hektisch in der Halle. Ein Netz wird aufgebaut und die Gymnasten treten in zwei Teams an zum Volleyball. Während ich noch schwer atmend am Rand stehe, tobt bereits das Spiel. Bei den anderen ist von Müdigkeit keine Spur. „Wenn wir fertig sind, spielen wir meist noch Volleyball oder eine andere Ballsportart“, erklärt Lange. Auch hier gilt, wer will, kann mitmachen – muss aber nicht. Ein Angebot, das ich dankend annehme. Denn mit ein bisschen Rumhüpfen und Flatterbänder-Wedeln hat die Herrengymnastik nichts zu tun, wie mir mein Muskelkater am nächsten Morgen noch einmal bestätigt.