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Reportage Blockflöten swingen im Bigband-Sound
Mehr Reportage Blockflöten swingen im Bigband-Sound
19:26 17.11.2010
Voller Schwung und Motivation versucht Nadja Schubert den perfekten Klang aus den Flötisten und ihren Instrumenten herauszukitzeln. Quelle: Doris Hennies
Celle Stadt

„Wo geht’s nun lang“? Bärbel Leick steht fröstelnd im Nieselregen auf dem verwaisten Parkplatz der Kreisverwaltung – und sie ist nicht allein. Gleich mehrere ebenso ratlose Herrschaften mit Köfferchen und Notenständer unterm Arm suchen den Weg zum Blockflötenseminar. Schließlich erlöst eine ältere Dame die „Neulinge“, sie hat bereits im Frühjahr bei „Blockflötenmusik und barockem Tanz“ mitgemacht und kennt den Weg.

Schon im Vorraum zum Kreistagssaal sorgt eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft für munteres Stimmengewirr. Man kommt schnell ins Gespräch, wenn man die gleiche Leidenschaft teilt. Musik verbindet, und hier ist der Beweis: Alt neben Jung, viele Frauen und „doch mehr Herren, als erwartet“ (wie später Catrin Anne Wiechern, Leiterin der Kreismusikschule in Celle, erfreut feststellen wird). Die einen kamen allein, die anderen mit Lebenspartner, Freunden oder Mitgliedern ihrer Ensembles. Einige haben einen ziemlich weiten Weg auf sich genommen, um dieses Blockflötenseminar mitzumachen.

Bärbel Leick ist extra dafür aus Bad Wörishofen angereist. „Man hat selten die Möglichkeit, gemeinsam mit so vielen Blockflöten zu spielen. Auch das Thema hat mich interessiert – ich bin gespannt, wie wir das mit dem Bigbandswing hinbekommen werden. Das Ganze ist eine neue Herausforderung an die Meisten, die eher im klassischen Bereich flöten oder unterrichten.“ Zuhause im Allgäu gibt sie elementaren Instrumentalunterricht, führt die Jüngsten hin zur Musik, unterrichtet behinderte Kinder, schreibt an einem eigenen Buch mit Liedern und Noten für ihre Schüler „weil es das, was ich brauche, einfach nicht gibt“ – und spielt selbst in ihrer Freizeit zum Vergnügen Blockflöte.

Der Saal hat sich langsam gefüllt, die Teilnehmer suchen sich einen Platz und schauen erwartungsvoll den Gastgeberinnen des Seminars entgegen, die jetzt zur offiziellen Begrüßung ansetzen. Neben Catrin Anne Wiechern steht Sabine Haase-Moeck. Die Blockflöten-Firma Moeck veranstaltet in Celle seit fünf Jahren in eigener Regie und auf eigene Kosten überregionale Workshops und Musiziertage für Blockflötenspieler. Anfangs von der Kreismusikschule räumlich und durch praktische Hilfen unterstützt, findet heuer erstmals eine personale Kooperation zwischen dem Unternehmen Moeck und der Kreismusikschule statt.

„Die Leiterin der Volkshochschule übernimmt auch heute die Aufgabe einer der Dozentinnen“, erklärt Sabine Haase-Moeck. „Sie unterstützt damit unsere Gastdozentin, die Kölner Jazz-Blockflötistin Nadja Schubert, die uns die Möglichkeit eröffnet hat, diese Instrumentenfamilie einmal auf eher unbekannte Weise zum Einsatz zu bringen. Wir sind letztlich selbst gespannt, was sich daraus entwickelt.“

Realistische und doch

gewöhnungsbedürftige Töne

Gesagt, getan: Zum Aufwärmen gibt’s „Subway“ von Allan Rosenheck – ein Stück, das neben unterlegtem Swing auch einen großen Anteil lautmalerischer Klangvariationen bietet. Während die Bassflöten das stoische Rattern der Bahnschwellen übernehmen, simulieren die Sopranflöten das Quietschen der Bremsen im U-Bahntunnel – sehr realistisch und damit doch gewöhnungsbedürftig. „Da kann man mal sehen, was so eine Blockflöte doch für Töne hergibt“, kommentiert Bärbel Leick lachend. Die Schwellenangst jedenfalls ist gebrochen, die Lust, jetzt richtig ans Werk zu gehen, fühlbar – „in the mood“ eben.

Die Flötisten werden umverteilt und zusammengestellt. Die „einfache“ typische Sopranflöte, die jedem Unversierten als „Blockflöte“ gleich in den Sinn kommt, sieht man nur selten. Viele hier haben eine ganze Reihe von unterschiedlichen Blockflöten dabei. Auch zwei Subbass-Flöten (fast zwei Meter hoch) sind im Einsatz – zur Verfügung gestellt für diese Veranstaltung von der Herstellerfirma. Auch für das Notenmaterial sorgt Moeck. Die Basisnoten wurden jedem angemeldeten Teilnehmer schon im Vorfeld zugeschickt – zum Üben. Auf diesen „Grundstock“ bauen Catrin Anne Wiechert und vor allem Nadja Schubert jetzt auf. Der Veranstalter verpflichtet stets nur international renommierte Dozenten, die entweder an europäischen Hochschulen lehren oder sich als ausübende Künstler einen Namen gemacht haben.

„Wir möchten unsere Seminare auf einem gewissen Niveau ausrichten“, so Sabine Haase-Moeck. Die Teilnehmer sollen hier nicht nur Spaß am Musizieren mit anderen haben, sondern auch etwas lernen, Erfahrungen machen, die sie mit nach Hause nehmen, die sie auf ihrem musikalischen Weg weiter bringen.“ Deshalb richtet sich der Workshop auch nicht an Laien oder die, die bestenfalls in der Grundschule ein paar Jahre geflötet haben. „Ein bisschen mehr an Können muss schon vorhanden sein. Viele der Teilnehmer unterrichten und genießen es, einfach wieder einmal selbst, für sich und vor allem etwas anderes zu spielen. Andere schätzen die Gemeinschaft, weil sie ihr Instrument sonst nur alleine einsetzen. Auch Gruppen und Ensembles, die ihren Horizont erweitern, einmal in andere Bereiche reinschnuppern möchten, nutzen das Angebot.“ Auf Unterschiede in Kenntnisstand und Spielpraxis wird dennoch Rücksicht genommen. In der Regel werden zwei Gruppen gebildet und unterrichtet, und erst zum Schluss zusammengeführt. Diesmal allerdings wird auf Bigband-Bereiche – den Part der Trompeten, Posaunen und der Saxophone – abgestellt, letztere Gruppe übernimmt Catrin Anne Wiechern.

Leidenschaft am und für

das Instrument verbindet

Der Einfachheit halber wird sich hier geduzt. Aber die verbale Vertraulichkeit ist kaum ausschlaggebend für die zahlreichen angeregten Gespräche in kleineren und größeren Gruppen, die sich während der beiden Kaffeepausen und der mittäglichen Unterbrechung ergeben. Vielmehr verbindet die Leidenschaft am und für das Instrument. Hier entstehen Freundschaften, knüpfen sich Seilschaften, vernetzen sich Kontakte und Beziehungen. Wie sich zeigt, sind nur eine Hand voll Blockflötenbegeisterter aus dem Raum Celle. Die meisten Teilnehmer kommen aus dem norddeutschen Raum – Marion und ihre beiden Mitstreiterinnen von Baltrum haben fast schon eine kleine Odyssee, durch Sturm und Stau, hinter sich gebracht, um hierher zu kommen. Den Sommer über spielen sie auf der Insel für die Touristen.

Bärbel Leick aus Bad Wörishofen ist eine der Weitangereisten. „Eine Freundin von mir ist vor einigen Jahren hier her gezogen. Meine Besuche nütze ich regelmäßig, um bei Moeck vorbei zu schauen, mich mit Anschauungsmaterial und Flöten für den Unterricht zu versorgen. Dabei habe ich von der Seminarreihe gehört und mich angemeldet. Jetzt verbinde ich den Seminartag mit der Gelegenheit, meine Freundin wiederzusehen.“ Zu den jüngsten Teilnehmerinnen gehören ein paar „Mädel“, die extra wegen Catrin Anne Wiechern, ihrer ehemaligen Blockflötenlehrerin, dazu gekommen sind. Andere haben durch die Website von der Veranstaltung erfahren, wie der ältere Herr aus Detmold. Er ist mit seiner Frau und einem weiteren Mitglied seines Ensembles angereist. „Wir sind eigentlich zu viert, aber einer konnte nicht mit. Für uns ist das hier reines Wochenendvergnügen.“

Auch die siebenköpfige „Fraktion“ aus und um Wolfenbüttel ist gemeinsam angereist – „aus Spaß am gemeinsamen Musizieren.“ Einige der Frauen hatten bereits an vorangegangenen Workshops teilgenommen und die anderen motiviert. „Das ist jedes Mal toll. Man bekommt einen richtigen Kick, sich noch eingehender mit der Blockflöte zu beschäftigen, sich mal an etwas Neues, Außergewöhnliches ranzutrauen.“

Das große Finale wird schließlich gegen 16 Uhr in Angriff genommen. Nadja Schubert formiert alle Teilnehmer gemeinsam zu einer großen Bigband und passt die einzelnen Gruppe in ein Gesamtklangbild ein. Was in der ersten gemeinsamen Runde noch etwas schräg und wacklig klingt, bekommt in der Wiederholung schon einen verblüffenden Bigband-Sound. Ein paar Feinheiten und Korrekturen noch – und dann kann sich das Ganze wirklich hören lassen.

„Echt Schade nur, dass keiner Aufnahmen gemacht hat, damit auch Andere das zu hören bekommen,“ bedauert Bärbel Leick und packt – für diesmal – zusammen. „Ich versuche auf jeden Fall, beim nächsten Mal wieder mitmachen zu können.“

●Termin: Der nächste Workshop für Blockflöten findet am 19. März in Celle statt. Thema ist „Folk Around the World“ mit der Gastdozentin Susanne Hochscheidt vom Ensemble „Flautando Köln“ und Catrin Anne Wiechern, Leiterin der Kreismusikschule Celle.

www.moeck.com

www.projektblockfloete.de

Von Doris Hennies