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Reportage Celler Ampel ohne Signal
Mehr Reportage Celler Ampel ohne Signal
17:40 16.06.2016
Celle

Die Lücke abpassen

Jana gehört zu den ersten Fahrradfahrern und Fußgängern, die mit dem nicht abreißenden Fluss von Autos und Lkw konfrontiert werden. Es gilt, die Lücke abzupassen. Ein Blick nach links, dann nach rechts – und rüber. Schnell muss der nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer sein. Elke Meyer ist genau das heute nicht. Sie kommt gerade vom Arzt, ihr Bein ist nicht voll funktionstüchtig. Sie muss zur Apotheke. „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die Ampel repariert wird“, sagt sie, nachdem sie den Ring überquert hat. „Es passierte nichts“, beschreibt sie den Moment, als sie wie gewohnt auf „die Erlaubnis zum Gehen“ wartete. Selbst wenn man um die Abschaltung wusste, dauert es einen Augenblick, die fehlende Funktion zu realisieren. Ein klares „Ja“ lässt Frau Meyer verlauten auf die Frage, ob sie sich die Polizei hier wünschte.

Mit einem Vorlauf von einer Woche hatte Dieter Riechmann diese über die notwendige Maßnahme der Stadt informiert. Die imposanten schwarzen Lederjacken mit Emblem und der blau-weiße große Wagen kontrastieren mit den jungen Gesichtern der beiden diensthabenden Streifenpolizisten, die vorfahren. „Zu den Schulschlusszeiten ist hier sehr viel los“, wendet der Bauleiter vorausschauend ein, als die beiden entscheiden, den Verkehr nicht in „Schutzmann-Manier“ zu regeln. „Ein Polizeiwagen auf der Sperrfläche würde sofort die Aufmerksamkeit erhöhen“, schlägt der Vertreter der Stadt vor. Vergebens. Die Vorgabe des Einsatz- und Streifendienstes für die beiden Beamten vor Ort lautet, sich der Gefahrenstelle im Rahmen der Streife anzunehmen. Eine klare Definition, wann der Verkehr per Handzeichen eines Schutzmannes geregelt wird, gibt es nicht. Es unterliegt dem Ermessen der diensthabenden Einsatzkräfte. Am Knotenpunkt Welfenallee/Wilhelm-Heinichen-Ring bestehe im Augenblick kein Bedarf. Die beiden jungen Leute entkommen dem Regen in ihrem blau-weißen Fahrzeug, zurück bleiben die Techniker, Tiefbauer und Passanten wie Mamadi Kaba, der lange wartet, bis der Verkehrsfaden einmal abreißt und er und sein Fahrrad die vier Spuren queren können. „Das war schwierig“, kommentiert er.

Schutzmann ohne Einsatz

„Bei vermehrtem Fußgängerverkehr würden wir eingreifen“, ist ein Satz, mit dem der Leiter des Einsatz- und Streifendienstes, Andreas Klüßmann, Bezug nimmt auf die beeinträchtigte Kreuzung in der Heese. Er bedient sich der üblichen nüchternen, durch und durch sachlichen Sprache, die man von Polizei und Feuerwehr kennt. Die Frequenz an nicht motorisierten Passanten ist bis zum Beginn der Mittagszeit um 11.30 Uhr relativ konstant, es ist eher die Ausnahme, wenn an keinem der vier Ausgangspunkte jemand steht oder auf dem Fahrrad sitzt.

Bei fast allen fährt der Arm aus zum „Signal-kommt-Knopf“. Auch eine junge Mutter mit ihrem schlafenden Sohn im Buggy kann sich diesem Reflex nicht entziehen. „Ich habe Angst, diese große Straße hier“, sagt sie, bevor sie den richtigen Moment abpasst und im Laufschritt entschwindet. Riechmanns Vorhersage bewahrheitet sich. Der Schulschluss - vor den Ferien und am Tag der Abi-Umzüge früher als sonst – macht sich bemerkbar. Ein kleiner Fahrradfahrer mit Rucksack ist mit der Situation, die ihn sichtlich überrascht, überfordert. Kurzerhand kehrt er um in die Richtung, aus der er gekommen ist. Eine Rollstuhlfahrerin muss auf der Fahrbahnmitte anhalten, sie ist nicht schnell genug und nun der Situation ausgeliefert, so lange bis sie auf die gebotene Rücksicht der Motorisierten trifft. Kopfschüttelnd fährt sie, unversehrt auf der anderen Straßenseite angekommen, davon.

Die Beamten hatten angekündigt, regelmäßig vorbeizuschauen, um die Lage zu bewerten. Doch der suchende Blick nach blau-weißen Autos geht ins Leere, stattdessen fällt er auf Justin. Der Sechsjährige überquert die vier Spuren an der Hand seiner Mutter im Laufschritt. „Ich gehe sonst nur bei Grün oder wenn ein Zebrastreifen da ist“, sagt er, als seine Mutter Katrin ihn darauf hinweist, dass dieses eine absolute Ausnahme sei. Katrin Schulze ist sehr erstaunt, dass die Polizei nicht vor Ort ist: „Mittags ist hier immer viel los, die Kinder gehen aus der Kita oder der Schule nach Hause. Sowas finde ich einfach nicht okay, die Ampel ist doch nicht umsonst hier.“

„Spätestens um 13 Uhr wollten sich die Uniformierten nochmal melden“, ist aus den Reihen der zahlreichen Arbeiter auf der Baustelle zu vernehmen. Zu spät! Siegfried Donasch und seine Kollegen haben sich selbst übertroffen: Aus den angekündigten acht Stunden ohne Ampelanlage wurden nicht einmal zweieinhalb. „Wir schalten ein“, sagt er um 12.19 Uhr, und ebenso leise und unspektakulär wie sie sich zurückgezogen hatten, melden sie sich nun wieder zurück – die roten, grünen und gelben Signale.

Von Anke Schlicht