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Reportage Celler Auktionshaus: Geschichte unterm Hammer
Mehr Reportage Celler Auktionshaus: Geschichte unterm Hammer
17:37 01.08.2017
Inhaber und Auktionator Christian Neumann (vorne) ruft Objekte aus und nimmt die Gebote entgegen. Quelle: Jonas Peisker
Celle Stadt

Der Blick durch das Schaufenster von Neumanns Auktionen ist erstaunlich schon wegen der schieren Vielfalt der dort ausgestellten Objekte. Dicht an dicht stehen alte Einrichtungsgegenstände und jedes von ihnen ist einzigartig. Auf engstem Raum sind hier etwa eine Kommode aus dem 19. Jahrhundert, ein altes Fahrrad von Miele, und drei Design-Gartenlaternen aus den 1950er Jahren zu finden. Gemeinsam haben all diese zur Versteigerung angebotenen Objekte, dass sie einen sichtbaren Charakter und ihre eigene Geschichte mitbringen.

In den ehemaligen Räumen des Möbelhauses Goldberg hat Christian Neumann vor fünf Jahren ein Auktionshaus eröffnet. Für ihn ist es die Verwirklichung eines Traumes. „Für mich ist der Beruf Berufung. Ich bin dankbar das tun zu können“, sagt er. Neumann hat schon als Kind viel Zeit damit verbracht, auf Flohmärkten nach Besonderem zu suchen. Mit seinen Eltern ging er 1985 nach Shanghai, als diese dort eine deutsche Schule für VW aufbauen sollten. Er ergriff die Gelegenheit und verkaufte als Jugendlicher Antiquitäten an Bekannte vor Ort.

Kurz vor Beginn der nun 19. Auktion herrscht geschäftiges Treiben in den Ausstellungsräumen. Immer wieder sprechen Mitarbeiter und Kunden Neumann an. Die letzten Vorgebote werden abgegeben. Der Inhaber und Auktionator meint: „Es ist immer wieder spannend herauszufinden, was der Wert von Gegenständen tatsächlich ist.“ Schließlich geht über die großzügige Treppe des denkmalgeschützten Hauses in den zweiten Stock, wo sich der Auktionsraum befindet. Die hohen Wände im Aufgang dienen als Bildergalerie.

Den Räumlichkeiten sieht man, genau wie den angebotenen Objekten, ihre Vergangenheit an. An der Wand des Saales sind Szenen aus der Antike mit Goldrahmen zu sehen, von der Decke hängen Leuchter mit elektrischen Kerzen. Routiniert und in geschäftsmäßigem Ton verliest Neumann nun in Reihenfolge des Kataloges Nummer, eine kurze Beschreibung, und Mindestgebot. Im Katalog sind heute 550 Gegenstände aufgelistet. Das höchste Gebot erhält den Zuschlag: „Zum Ersten, zum Zwoten, zum“, Neumann lässt den Holzhammer auf das Pult knallen, „Dritten.“ Hin und wieder treten Telefonisten in den Raum und geben stellvertretend Gebote ab. In schneller Folge ziehen Bilder und Beschreibungen vorbei. Regelmäßig knallt der Hammer. Es ist wie eine Zeitreise.

„Jedes Stück hat eine eigene Geschichte. Die Geschichte und die Menschen, die hinter den Objekten stehen, sind oft noch spannender als die Gegenstände selbst“, findet Christian Neumann. Im Angebot ist zum Beispiel eine französische Art-Nouveau Anrichte aus Nancy, gefertigt um das Jahr 1900 aus hellem Nussbaumholz. Eingeschnitzt in die Vorderseite sind kunstvolle Dekorationen. Die Bronzeschläge sind original. Ein anderes Beispiel: Ein Biedermeier Sofa aus Süddeutschland hergestellt aus Kirschbaum um 1820. Es ließen sich Bücher füllen über die Geschichte dieser Gegenstände und darüber, wie sie nun ihren Weg ausgerechnet in dieses Celler Auktionshaus gefunden haben. Es ist kaum vorstellbar, wie viel Zeitgeschichte alleine die Besitzer dieser beiden Objekte miterlebt haben.

Es ist keine einfache Zeit für die Auktion von Antiquitäten, insbesondere Möbel. Auf dem Markt sind massenhaft billige und funktionale Möbel – Wegwerfartikel. Christian Neumann handelt trotzdem mit alten Tischen, Stühlen und Schränken. Auch auf dem Antiquitätenmarkt herrscht starke Konkurrenz. „Die Öffnung der DDR war ein einschneidendes Ereignis. Damals strömten große Mengen an Antiquitäten auf den Markt. Das hat die Preise in den Keller gedrückt“, weiß Neumann. Er kauft vor allem von Privatpersonen, oft aus Nachlässen. Seine Kunden sind Privatpersonen, Museen und Galerien aus ganz Europa.

Mittlerweile bietet ein Großteil von Neumanns Kunden auf elektronischem Wege, sei es per E-Mail, Telefon, oder Smartphone-Messenger. So erhalten auch zunehmend Kunden aus anderen Teilen Deutschlands oder Europa die Möglichkeit, teilzunehmen. Dennoch sind einige Leute persönlich gekommen. Frank Hacheney, Kunstsammler und -händler, ist extra aus Frankfurt angereist. Er sagt: „Ich schätze das Unerwartete an Auktionen. Jede einzelne ist anders. Außerdem sind die Leute, die man trifft, immer sehr interessant.“

Michaela Gerlach ist eine von rund zehn Mitarbeiterinnen von Neumann an diesem Tag. Sie haben alle Hände voll damit zu tun Kunden Objekte zu zeigen, zu telefonieren, und den Transport der Gegenstände zu organisieren. Ob sie sich auch privat für Antiquitäten interessiere? „Sonst würde ich es nicht machen“, sagt sie mit Überzeugung, „ich bin selbst so eingerichtet. Für mich ist es eine Frage der Ästhetik.“

Als sich ein Wettbewerb zwischen zwei Bietern im Raum entwickelt und sie sich ein ums andere Mal überbieten, schmunzelt Neumann, freut sich das Interesse an den Objekten besteht. Manchmal bricht er kurz aus seiner kaufmännischen Routine aus. Für ein paar alte Stühle aus Eichenholz mit neuem Bezug wird noch nicht einmal das Mindestgebot abgegeben. Er bemerkt etwas enttäuscht: „Dafür gibt es noch nicht mal das Leder.“ Dann geht es weiter. Katalognummer, Beschreibung, Mindestgebot. Karten heben sich. Peng.

Auf den Stühlen im Auktionsraum sitzen die verschiedensten Menschen. Da sitzt ein Mann um die 30 in einem Punkrock-T-Shirt neben einem älteren Herren mit Sakko und Einstecktuch. Obwohl man nicht unbedingt persönlich anwesend sein muss, um etwas zu ersteigern, ist eine Auktion auch immer gesellschaftliches Ereignis. Man kennt sich, freundschaftlicher Small Talk wird ausgetauscht. Wenn der erwartete Preis übertroffen wird, geht ein Geraune durch die Runde, wenn er verfehlt wird, ein geflüstertes „Das gibt es doch nicht.“

Es mag sein, dass nicht alle angebotenen Objekte zeitgemäß sind oder praktisch. Aber darum geht aus auch nicht. Es geht darum, die Geschichte in den Dingen zu entdecken und diese weiterzugeben. Umso spannender, wenn man diese nicht bloß kauft, sondern in einer Auktion ersteht. Denn wie sie genau verlaufen wird, weiß man vorher nie.

Von Jonas Peisker