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Reportage Celler Clownereien
Mehr Reportage Celler Clownereien
13:32 17.03.2015
Dorothea (links) und Anke bei einer "Provokations"-Übung. Beim provozierenden Grimassenspiel geht es darum, mit urkomischer Mimik, aber ohne zu lachen, sein Gegenüber aus der Reserve zu locken.  Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Celle Stadt

Die im In- und Ausland aus- und weitergebildete Clownin, Improvisations- und Maskenspielerin, Pantomimin und Schauspielerin Katharina Witerzens, die weit über Celle hinaus auch als beliebte Krankenhaus-Clownin von sich reden macht, stellte die Spielfreude voll und ganz in den Mittelpunkt ihres Workshops und machte sie auch zur eigenen Prämisse: „Ich kann nur den Spaß transportieren, den ich selber dabei habe“, führte sie aus. Und man erlebte von Beginn an, dass das keine leeren Worte waren. Schritt für Schritt vermittelte sie Kreativität, Fantasie, Ideenreichtum, Spontanität und Begeisterung als Voraussetzung für Begeisterungsfähigkeit. Und auch die für einen Clown nicht unwesentliche Frage, wie man das Publikum „knacken“ kann, hatte dabei einen hohen Stellenwert.

Ungeahnte Freiheiten

Mit einfachen Körperbewegungen und Tanzschritten eröffnete Witerzens die dynamische Phase des Workshops, ließ die Teilnehmer mal ihren eigenen Rhythmus aufbauen und mal den Rhythmus des jeweiligen Gegenübers aufnehmen, ließ sie mittels Augenkontakt und Körpersprache aufeinander reagieren und quasi zum „nachäffenden“ Spiegelbild werden und brachte sie bei Improvisations- und Bewegungsspielen schließlich wie von selbst dazu, mit Fantasiewortgebilden von „hui“ bis „jappa wappa doing“ eine akustische „La-Ola-Welle“ zu inszenieren. Und als dann jeder auch noch eine rote Nase („die kleinste Maske der Welt“) aufgesetzt bekam, war auch optisch nicht mehr zu übersehen, wohin die Reise ging: „In die Rolle des Clowns zu schlüpfen, eröffnet ungeahnte Freiheiten“, machte Witerzens deutlich. Auf spielerische Art und – im positiven Sinne – zunehmend hemmungslos gingen die Teilnehmer dazu über, Grenzen zu überwinden, die sie sich vielleicht im Laufe ihres Lebens auferlegt hatten, und öffneten ihren Blick auf Neues, indem sie gewohnte Perspektiven erweiterten und sich im Zusammenspiel ihren eigenen Freiraum schafften.

Voller Neugier in die neue Welt

Etwa beim Rollenspiel „complicité“, der typischen clownesken Komplizenschaft. Oder beim provozierenden Grimassenspiel, bei dem es darum geht, mit urkomischer Mimik, aber ohne zu lachen, sein Gegenüber aus der Reserve zu locken. Natürlich gab es dabei trotzdem – oder gerade deshalb – viel zu lachen. „Es geht nicht darum, zu gewinnen“, stellte Witerzens klar, sondern darum, Spaß zu haben und diesen Spaß auf das Publikum zu übertragen. Schritt für Schritt kitzelte sie mit Methoden des Spiels und der Improvisation bei jedem der Teilnehmer dessen komische Seite hervor. Und die Teilnehmer wiederum versetzten sich selbst und ihre Mitspieler mehr und mehr ins Staunen darüber, wie unkonventionell es ihnen gelang, im spielerischen Umgang mit sich selbst Leichtigkeit und Gelassenheit zu gewinnen und sich voller Neugier in die Welt der Clowns zu begeben. Dazu gehörte im weiteren Verlauf auch die Bereitschaft, die eigenen Schwächen zu akzeptieren und wohlwollend damit umzugehen.

„Bleib du und mach dich nicht zur Comicfigur“, riet Witerzens einer Teilnehmerin, die in einer ausgewählten Szene allzu gekünstelt den „Dummen August“ spielen wollte. Clowns seien mehr als nur bunt angezogene Personen mit übergroßen Schuhen, wasserspritzenden Blumen, bunten Perücken und zuviel Schminke, oder der Luftballons aufblasende Clown auf den Jahrmärkten. Und auf vergnüglich-unterhaltsame Art stellte sie den seriös arbeitenden Theaterclown und den therapeutisch agierenden Krankenhaus-Clown dem aus der Zirkusmanege bekannten „Rotnasenclown“ und seinem Kontrahenten, dem penetrant autoritären „Weißclown“ gegenüber. Zielstrebig und gekonnt veranschaulichte sie dabei den Unterschied zwischen komisch und albern: „Albert nicht herum wie der Klischee-Clown beim Kindergeburtstag“, empfahl sie und richtete am Beispiel der zahlreichen Facetten zwischen hilflosem Grinsen und „bedröppeltem Gucken“ den Focus auf seriöse zwischenmenschliche Komik.

Ein Clown sei jemand, der nicht krampfhaft versucht, lustig zu sein, sondern in der von ihm dargestellten Rolle ernsthaft etwas erreichen will und dabei – wie es vor allem im Zirkus immer wieder inszeniert wird – unter dem schadenfrohen Gelächter des Publikums zumeist scheitere. Für den Clown gebe es 1000 Dimensionen, in denen er arbeiten und sich austoben könne, aber im Mittelpunkt stehe immer der Mensch, verdeutlichte Witerzens. Und während sie den Clown in seinen unterschiedlichen Wirkungen vorführte, begannen die Teilnehmer zu begreifen, was sie meinte: Sich nicht in großen Bewegungen verlieren, nicht alles lustig finden, sondern auch die zarten Seiten des Clowns zeigen, also den zartbesaiteten Menschen, den er ja auch reflektiert. Das seien die spannenden Momente des Clowns: Er sucht eine Lösung und findet stattdessen nur neue Probleme. Was den Clown für das Publikum dabei so wertvoll macht und es zum Nachdenken anregt, ist der Spiegel, den er quasi darstellt, beispielsweise im Kampf mit sich selbst.

Körper, Mimik und Fantasie als "Waffen"

Seine „Waffen“ sind Körper, Mimik und Fantasie sowie das individuelle Repertoire an Emotionen und Ideen. Entsprechend richtete Witerzens den Schwerpunkt des Workshops von Beginn an darauf, diese „Waffen“ in möglichst vielen, vornehmlich überraschenden Nuancen einzusetzen. Die Kunst der Clownerie sei dabei immer auch die Kunst der Improvisation, der Spontanität und der Authentizität, beschrieb sie und ließ es die Teilnehmer bei gezielten Übungen selbst herausfinden: Töne, Sprache, Gänge, Mimik und Gesten müssen koordiniert werden und ein in sich stimmiges Ganzes ergeben.

Nacheinander probierten sich die Teilnehmer solistisch bei einem entsprechend improvisierten Auftritt aus, während die anderen die Darbietungen aufmerksam und gespannt verfolgten. Und immer wieder inspirierte Witerzens die Akteure, munterte sie auf („Nur keine Angst vor der eigenen Courage!“) und bot ihnen quasi als Souffleuse für Mimik und Körpersprache zusätzliche oder auch trefflichere Ausdrucksvarianten an.

Spaß wichtiger als Perfektion

In einer weiteren Übung – nun nicht mehr solistisch, sondern willkürlich zu zweit – wurden die Teilnehmer in die Situation versetzt, die Welt wieder mit den Augen eines Kindes zu sehen. Konfrontiert mit herumliegenden Alltagsobjekten wie Schachteln, zerknüllte Folien, ineinandergestapelte Pappbecher oder eine Baskenmütze mussten sie so tun, als würden sie diese Gegenstände völlig neu entdecken. Und angestachelt von der Frage „Was kann man damit machen?“ begannen sie wie Kinder zu experimentieren, wobei jedes kleine Erfolgserlebnis übermütig beklatscht und bejubelt wurde. Geschickt und kontinuierlich lotste Witerzens ihre Teilnehmer damit auf den Pfad des individuellen konstruktiven Humors. Als eine Teilnehmerin ihr Streben nach Perfektion anklingen ließ, winkte Witerzens allerdings ab: Es sei „wichtiger, selbst Spaß zu haben, als ‚nur‘ der beste Spaßmacher zu sein“, gab sie zu bedenken, „wenn es zu perfekt ist, fehlt die Komik.“

Der nächste Clowns-Workshop mit Katharina Witerzens findet am Sonntag, 26. April statt. Infos unter www.theatersolo.de.

Von Rolf-Dieter Diehl