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Reportage Celler Modell Zuverdienst: Arbeiten ohne Zeit- und Leistungsdruck
Mehr Reportage Celler Modell Zuverdienst: Arbeiten ohne Zeit- und Leistungsdruck
14:37 05.10.2016
Celle Stadt

Es rattert: Alireza Momeni (47) sitzt an der elektrischen Maschine und näht bereits zugeschnittene Stoffteile zusammen. Alireza Momeni ist gelernter Industrieschneider und alleinstehend. Er ist iranischer Flüchtling. Für sechs Wochen absolviert er ein Praktikum im Zuverdienstbetrieb "Momo" in der Bergstraße 41. Er kam vor vier Jahren über die Türkei und Ungarn aus Teheran nach Deutschland und nimmt momentan an einer Maßnahme der gemeinnützigen Stiftung Grone-Schule teil, zu deren sozialpolitischen Aufgaben die berufliche Aus- und Weiterbildung sozial benachteiligter Menschen gehört.

„Ich weiß nicht genau, wie es weitergeht“, sagt Momeni in gebrochenem Deutsch. Sein Blick verrät etwas Unsicherheit. Wie er sagt, ist er der Meinung, dass Arbeiten besser sei als Schlafen und hier bei der Arbeit in der Schneiderei könne er gut Deutsch lernen. „Alle sind nett hier“, lobt er seine Kolleginnen und betont, dass er gern herkomme. „Die Arbeit ist gut“, sagt er und näht wieder zwei Stoffbahnen zusammen, so dass die Maschine rattert.

Hier in dem denkmalgeschützten Haus Bergstraße 41 beschäftigt der Verein zur Förderung Körperbehinderter Celle Menschen mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen oder Lernschwäche. Dabei ist der Name „Momo“ Programm, denn nach dem 1973 erschienenen gleichnamigen Roman von Michael Ende spielt Zeit eine wichtige Rolle im täglichen Leben. Projektleiterin Monika von Moller: „Hier geht es ruhig zu, und die beteiligten Menschen dürfen sich Zeit lassen: Die Kunden beim Aussuchen und Anprobieren der Modelle und die Mitarbeiterinnen beim Schneidern und Verarbeiten der wertvollen Stoffe.“

Seit mehr als einem Jahr ist der Zuverdienstbetrieb aktiv. Er liegt vom Niveau her zwischen einer Werkstatt für behinderte Menschen und dem ersten Arbeitsmarkt. „Unser Zuverdienstbetrieb ist kein eigenständiger Wirtschaftsbetrieb, sondern ein niedrigschwelliges Angebot des Vereins zur Teilhabe am Arbeitsleben“, sagt von Moller. „Es ist eine unterstützende Arbeit, denn die Menschen mit Behinderung stehen nicht unter Zeit- und Leistungsdruck, sondern stellen ihren Fähigkeiten entsprechend einfache Kleidung her: Schals, Umhänge, kleine Jacken, einfache Röcke und Oberteile.“

Mit dem Kostenträger wurde ein Betreuungsschlüssel von 1:6 ausgehandelt, weil jede Beschäftigte an einem anderen Kleidungstück arbeitet und das mit individueller Arbeits-geschwindigkeit. Der Betreuungsschlüssel von 1:6 ist erreicht, wenn jeweils vormittags und nachmittags sechs Beschäftigte für vier Stunden in der Werkstatt arbeiten. Die Bedingung des Finanzamtes zur Anerkennung als Zweckbetrieb ist, dass Frauen mit und ohne Behinderung die Kleidungsstücke gemeinsam nähen.

Die Herstellung der einzelnen Modelle wurde dazu in einzelne Arbeitsschritte untergliedert, die gerade auch von Menschen mit Einschränkungen ausgeführt werden können. So sieht sich jeder als Teil des Produktionsprozesses und kann in einer ruhigen Atmosphäre lernen und arbeiten. Von Moller: „Zuverdienstbetrieb“ heißt, dass die Teilnehmer nur maximal 15 Stunden pro Woche beschäftigt werden. So werden Arbeitsplätze für behinderte Menschen geschaffen, die nur einige Stunden am Tag arbeiten können.“

Es seien Personen, die für die Strukturen einer Werkstatt für behinderte Menschen nicht geeignet sind oder die die Tätigkeit dort nicht wünschen. „Unser Ziel ist, Menschen mit Beeinträchtigungen in einer Tätigkeit so anzulernen, dass sie nach angemessener Zeit in ihrem Teilbereich selbstständig arbeiten können.“ Das führe zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz und zur Stärkung des Selbstbewusstseins, sagt die Pädagogin Monika von Moller. Darum habe die „Aktion Mensch“ den Betrieb in ihren Förderkatalog aufgenommen.

Sechs Frauen arbeiten zurzeit hier. Zwölf könnten es insgesamt sein. Sie stellen Mode für jede Figur her. Individuell und bezahlbar. Optimierte Schnitte für edle Stoffe, ist die Devise des Celler Modelabels.

„Wir sind ein inklusives und internationales Team“, betont Werkstattleiterin Tatjana Dudnic. „Bei einer Besprechung ist uns kürzlich bewusst geworden, wie bunt wir eigentlich sind: Wir kommen aus Deutschland, Polen und Moldawien, aus der Türkei und aus dem Iran.“

Mit Waren und Dienstleistungen nimmt Momo am Wirtschaftsleben in Celle teil und bei Modenschauen werden Schnitte, Muster und Stoffe präsentiert. „Eine Modenschau auszurichten, erfordert ziemlichen Aufwand“, beschreibt von Moller die Werbemaßnahme. Es sei aber schon wichtig, langfristig an die Kasse und Wirtschaftlichkeit des Projektes zu denken, sagt Dudnic. „Aus so einer Modenschau hat sich dann die Idee entwickelt, unsere Leistungen in einem Film zu präsentieren.“

Gemeinsam mit der Sängerin Sabine Roth wurde darüber nachgedacht, wie sich die Ideen umsetzen lassen könnten. Wenig später rückten Nick Langer und sein Film-Produktionsteam aus Hannover in der Schneiderei an, um Aufnahmen zu machen. Kundengespräche wurden aufgenommen, einzelne Beratungsszenen eingefangen, Arbeitsschritte in der Bekleidungsproduktion beobachtet.

Gisela Lindmüller, die im Rollstuhl sitzt, zeigt gemeinsam mit ihrer Tochter Ute Kisser Mode, wie sie gerade für Rollstuhlfahrer kreiert wurde und Carine Dannenberg und Eva-Maria Goerke wirken in Kundengesprächen mit, die für den Film aufgezeichnet werden. Ulrike Kraatz probiert als Stammkundin bei Momo mehrere Modelle an und Gisela Hörnig lässt sich eine Hose abstecken.

Gut zwei Tage war das Filmteam in Celle, anschließend folgte die Produktion im Studio. 14 Minuten und 40 Sekunden dauert der professionell gemachte Film, in dem Sabine Roth als Sprecherin mitwirkt und der nunmehr in Heimen gezeigt werden soll. Er verdeutlicht die Spannbreite des Wirkens des Celler Zuverdienstbetriebes und unterstreicht den Ansatz von Momo, mit einfachen Schnitten und edlen Stoffen, schicke, tragbare Damenmode herzustellen.

Elegante und praktische Kleidung wird auch für Rollstuhlfahrerinnen entworfen und genäht. Das fördert die Selbständigkeit und gutes Aussehen stärkt das Selbstbewusstsein. Monika von Moller: „Am 27. September um 15.30 Uhr zeigen wir unseren Film erstmalig im Pflegeheim Marquardt in Beedenbostel.“ Eine zweiminütige Kurzfassung des Films ist auf der Internetseite „momo-celle.de“ verfügbar.

Für Ann-Kathrin Jenisch ist präzise Arbeit selbstverständlich, denn sie heftet leise mit Nadel und Faden zwei Stoffe zusammen, bevor die von ihrer Kollegin miteinander vernäht werden. Oder von Alireza Momeni.

Von Lothar H. Bluhm