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Reportage Celler "Soko Wald" ermittelt weltweit
Mehr Reportage Celler "Soko Wald" ermittelt weltweit
17:39 14.06.2017
Von Audrey-Lynn Struck
Soko Wald 2017
Celle Stadt

"Die Schüler haben gleich einen persönlichen Bezug, sind selbst betroffen und können an diesem Beispiel besser den Wald kennen lernen", so Riedel. Bereits am frühen Morgen kam sie mit einem Koffer voller Produkte aus den Wäldern der ganzen Welt an das Ernestinum. Nachdem die Schüler mit einzelnen "Sinnstationen" eingestimmt wurden, ging es auf Fotosafari über das ganze Schulgelände. Die Fünftklässler machten von allem, was aus Holz hergestellt wurde, ein Bild und legten ihre Fundstücke auf eine große Weltkarte. Dabei fiel den Schülern zum ersten Mal auf, wie stark die Menschen auf den Wald angewiesen sind. "Wir sitzen auf Holzstühlen, an Holztischen und schreiben auf Holzpapier", erzählte Meike-Christine Böger.

Nach dem Vortrag machte Riedel mit den Ernestinern einen Ausflug in den Wald. "Das ist das Besondere am Fach Erdkunde. Es gibt viele Gründe, rauszugehen und aktiv zu werden, anstatt nur die trockene Theorie im Klassenraum durchzunehmen", freute sich die Erdkundelehrerin Meike Mirete Mumm. Durch den Ausflug könnten die Kinder das Thema Wald und Nachhaltigkeit ganz anders aufnehmen und behalten.

Im Wald angekommen, griff jeder der 26 Schüler in eine Plastiktüte und zog einen Zettel mit dem Namen eines Kontinents heraus. Die zufällige Gruppeneinteilung war ein heikles Thema unter den Kindern und des Öfteren fiel die Frage "Sind wir in einer Gruppe?", auf die entweder ein fröhliches Jauchzen oder aber auch ein enttäuschtes Stöhnen folgte. Jede Gruppe bekam eine Weltkarte und die Aufgabe, ihren Kontinent auf dem Waldboden nachzubauen. "Ihr müsst erst einmal die Fläche roden und könnt dann zum Beispiel mit Stöckchen die Umrisse eures Kontinentes auf den Boden malen", erläuterte Riedel den genauen Ablauf.

Sogleich ging es begeistert an die Arbeit. Wie ein Wirbelsturm fegten die Schüler durch den Wald, rissen Sträucher und Farne ab, suchten Rinde und Zapfen und sammelten Stöcke zusammen. Alles kam auf einen Materialhaufen, der stetig wuchs. Während einige so schnell mit der Begrenzung ihres Kontinents fertig waren, dass sie bereits an das Verschönern gehen konnten, suchten einige immer noch den Waldboden nach nützlichen Pflanzen ab oder diskutierten. "Wir haben es leichter, weil wir nur zu dritt sind", sagte Lea. Die Elfjährige hatte mit ihren beiden Freundinnen Afrika bekommen und schmiedete bereits Pläne für einen Kokosnuss-Laden. Australien hatte sogar nur ein Mädchen gezogen, die ebenfalls ihren Kontinent durch kleine Sträucher und Bäume dekorierte. Kontinente wie Amerika mit fünf oder Asien mit zwölf Gruppenmitgliedern hatten es da deutlich schwerer. "Die Gruppengröße ist an die tatsächliche Weltbevölkerung angelehnt", erklärte Riedel die unterschiedliche Aufteilung.

Nach einer Dreiviertelstunde war der Kontinent so weit fertig, dass die nächste Aufgabe kommen konnte: Die Schüler sollten eine gewisse Anzahl an Bäumen "pflanzen", die etwa dem Vorrat an nutzbarem Holz auf der Welt entsprechen sollte. Anschließend bekamen alle fünf Gruppen ein paar Schokotaler mit dem Hinweis, diese erst zu essen, wenn das Kommando dazu fiele. Die Aufteilung des Geldes fiel wie die Baumbepflanzung keineswegs gerecht aus. "Einige haben sich schon bei mir beschwert, dass sie weniger Geld als die anderen bekommen haben. Aber die Anzahl der Taler spiegelt nun mal den echten Reichtum wider", so Riedel. Die große Frage war nun: Wie bekommt man mehr Geld? "Handelsabkommen, Handelsabkommen", rief der Schüler Maxim – und hatte Recht. Nun sollte mit den Bäumen und anderen Pflanzen gehandelt werden.

Die Schüler waren sofort Feuer und Flamme. Alle schrien wie auf einem Basar wild durcheinander, versuchten den anderen Kontinenten ihre Ware aufzuschwatzen und feilschten um die Preise. Schon bald hatte Europa nur noch wenig Geld, weil es so viel von den anderen gekauft hatte. Der elfjährige Maxim hatte wieder eine Idee. "Können wir eigentlich auch Kredit aufnehmen?", fragte er Riedel. Ja, könnten sie. Aber Europa müsse das gar nicht. Denn die gekauften Baumstämme hätten sie weiterverarbeitet und damit neues Geld verdient. Deshalb bekamen alle Kontinente noch mehr neue Taler, mit Ausnahme von Afrika. Das fand Lea langsam ziemlich ungerecht. "Bene hat einfach so eine Kokosnuss von uns genommen, ohne zu bezahlen", beschwerte sie sich.

Als dann noch ein unerwarteter Sandsturm über Afrika hinwegrollte, war das Unglück perfekt. Die drei Mädchen waren sichtlich überfordert mit der Aufgabe, ihren Kontinent vor dem drohenden Hunger zu bewahren. Doch die anderen Kontinente halfen Afrika, indem sie ihnen von ihren Talern abgaben. Auch Asien wurde wegen eines Tsunamis geholfen. Am Ende durfte endlich jeder einen Taler essen, während er sich mit seinen Klassenkameraden über die Erlebnisse austauschte. "Dass Afrika so arm ist und wir nur einen Taler bekommen, hätte ich nicht gedacht. Das ist schon echt doof für das Land", sagt Hevi. Die anderen Länder sollten fairer handeln, damit Afrika mehr Taler bekomme. Riedel und Böger freuten sich nicht nur über die Kreativität und den Diskussionsdrang der Ernestiner, sondern auch darüber, dass sie den Schülern das Thema Welthandel und Nachhaltigkeit näherbringen konnten. Beide hoffen, dass sich nach den Ferien noch weitere Schulklassen für das Projekt anmelden.