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Reportage Cellerin haucht Möbeln neues Leben ein
Mehr Reportage Cellerin haucht Möbeln neues Leben ein
14:57 21.10.2016
Celle Stadt

Stefanie Damster hat eine ganz besondere Fähigkeit. Sie kann alten Möbeln neues Leben einhauchen. Ihre Kunden geben eine durchgesessene Couch oder Stühle, die schon bessere Tage gesehen haben, bei ihr ab und bekommen ein Schmuckstück zurück, das wie neu ist und zugleich den Charme vergangener Zeiten bewahrt hat. Damster ist Polsterin und übt damit einen Beruf aus, den man heutzutage gar nicht mehr so leicht erlernen kann. „Es wird kaum noch ausgebildet“, sagt die 44-Jährige. „Für die Betriebe ist das zu schwierig geworden.“ Trotz guter Auftragslage. Was vor allem an den gestiegenen Personalkosten liegt. „Früher war das Material teurer als die Arbeitszeit, heute ist es umgekehrt. Die Cellerin selbst hat das Handwerk noch in Nienhagen von der Pike auf gelernt. Für sie ist der Beruf Berufung, denn in dieser Arbeit geht sie auf.

In einem hellen Raum hinter den Geschäftsräumen des Raumausstatters Dieter Zastrow in Wietzendorf befindet sich ihre Werkstatt. Ein Arbeitstisch, zwei Nähmaschinen, Regale voller Schnüre, Gurte, Nägel und anderer Materialien, außerdem die nötigen Werkzeuge: verschiedene Hammer aus Holz und Metall, Zangen, Schere, Nadeln in unterschiedlichen Formen und Größen, ein Tacker. Und dazwischen die Möbelstücke, die sie gerade in Arbeit hat. Zum Beispiel ein Cocktail-Sessel aus den Fünfziger Jahren. Hier muss Damster erst einmal den alten Bezug abmachen, mit Holzhammer und Nagelheber. Zwei Armlehnstühle hat sie bereits neu gepolstert und mit weißem Velours-Stoff bezogen. Der muss jetzt noch befestigt werden, was Damster zunächst mit Kammzwecken macht, bevor diese durch schmückende Ziernägel ersetzt werden. Dabei klopft sie immer wieder auf den Bezug. „Man muss darauf achten, dass er gleichmäßig angezogen ist.“ Das Schwierigste aber sei, die Ecken auszuschneiden, also den Stoff dort passgenau abzuschneiden, wo er zum Beispiel auf eine Armlehne trifft.

Stilechte Variantefür klassische Modelle

Was Damster jetzt gerade in Arbeit hat, ist nicht ganz so aufwendig. Anders ist das bei richtig alten Teilen mit handgeschnürtem Federkern. An einem aufgeschnittenen Stuhlposter zeigt Damster, was alles an Material und Arbeit in so etwas steckt. Ganz unten sind Gurte gezogen, auf die Sprungfedern aufgenäht sind. Mit speziellen Schnürfäden sind diese auf Spannung geschnürt. Darüber befinden sich mehrere Materialschichten: Leinen, Fasson aus Palmfasern, eine Auflage aus Rosshaar, eine aus Watte und schließlich der Bezug. „Das ist die stilechte Variante für klassische Modelle von vor 1900“, erläutert die versierte Polsterin. Immerhin ein Viertel ihrer Arbeit machen solche Aufträge aus, die sie besonders gern übernimmt.

Sessel, Sofas, Stühle, Bänke und Kissen, auch mal eine ganze Gastronomie-Einrichtung – all das wird von Damster neu ausstaffiert. Manchmal geht es ganz schnell: Stoff ab, neue Watte drauf, neuer Stoff drüber, festschrauben, fertig. An einem Sessel mit Chatosen und Kordeln kann sie aber auch schon mal 20 Stunden arbeiten.

Richtig glücklich ist sie dann, wenn sie auch mal einen etwas flotteren Bezug obendrauf machen kann. „Leider trauen sich die meisten das nicht.“ In einem Regal im Verkaufsbereich stehen allerlei Bücher mit Stoffmustern. Da gibt es beige, braune, graue, schwarze Stoffe – „normale Uni-Stoffe“, die sich zu Damsters Bedauern besonderer Beliebtheit bei ihren Kunden erfreuen. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute mutiger wären“, sagt Damster. „Wir haben so tolle Stoffe hier.“ Die Polsterin klappt ein anderes Musterbuch auf und zeigt, was sie damit meint: zum Beispiel mal ein farbenfrohes Paisleymuster mit vielen Schnörkeln.

Immerhin: für ihre eigene Wohnung konnte sie die Möbelstücke ganz so gestalten, wie es ihr gefällt. Da stehen eine alter Sessel in türkisfarbenem Damast mit Glitzerborte, eine Chaiselongue mit buntem Rankenmuster und weiße Stühle mit silbernem Kunstleder bezogen.

Nach der Schulzeiterst mal auf Reisen

Nach der Schule wusste Damster noch nicht, was sie werden wollte, und ging erst mal auf Reisen. Allerdings hatte sie schon als Kind Spaß am Restaurieren gehabt. „Mit neun Jahren habe ich eine Kommode abgebeizt und geschliffen.“ Schließlich begann sie eine Tischlerausbildung, merkte aber, dass es sie langweilte, nur mit Holz zu arbeiten. Ein Praktikum in einem Antikladen brachte sie auf den richtigen beruflichen Weg. Der Eigentümer machte einen Raumausstatterladen auf und Damster wurde seine erste Auszubildende. Neben dem Polstern lernte sie auch Fertigkeiten wie das Gardinennähen, Fußbodenbelegen oder Wandbespannen. „Aber innerlich war ich immer auf die Polsterei spezialisiert.“ Nach ihrer zweijährigen Ausbildung in Nienhagen machte sich Damster selbstständig und betrieb eine Werkstatt in Wienhausen, später in Freiburg im Breisgau, wohin es sie aus privaten Gründen verschlagen hatte. An Aufträgen mangelte es ihr nicht. „Ich war immer drei Monate im Voraus ausgebucht.“ Dennoch entschied sie sich nach ihrer Rückkehr ins Celler Land dafür, ihre Selbstständigkeit aufzugeben, und fand bei Zastrow in Wietzendorf eine passende Stelle. Auch hier wird es ihr nicht langweilig.

An ihrer Arbeit begeistert sie die Verbindung von Alt und Neu, der Vorher-Nachher-Effekt und die Individualität. „Ich kann Sachen vor dem Tod bewahren und den Charme vergangener Zeiten wiederbeleben. Da steckt Geschichte drin.“ Und bisweilen auch eine Menge Staub. „Odem der Jahrhunderte“ nennt Damster das. „Da brauche ich manchmal eine Staubmaske.“ Ansonsten genießt die Polsterin die Möglichkeit, selbst zu gestalten und optisch auch mal zu experimentieren. „Ich kann jedem Möbelstück meine persönliche Note geben.“

Sonja Richter

Von Sonja Richter