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Reportage Der „Große Circus Belly“ gastiert in Celle
Mehr Reportage Der „Große Circus Belly“ gastiert in Celle
09:22 21.12.2011
Die Clowns (von links): Weifler Clown, Zippogalli und Angelo. Quelle: Gert Neumann
Celle Stadt

Seit über zweieinhalb Wochen herrscht reges Treiben am Celler Wangelinweg gegenüber der Lobetalstiftung am Alten Kanal, der Grenze zwischen den Stadtteilen Heese und Wietzenbruch. Denn dort, wo zur Winterszeit eher abgeschiedene Stille herrscht, wo Nachbar SC Wietzenbruch an wärmeren Tagen Fußball-Kreisligapunkten nachjagt und wo an vielen Wochenenden Flohmarktstände die Szene beherrschen, hat der „Große Circus Belly“ seine Zelte aufgeschlagen.

Die Proben laufen bereits auf Hochtouren. Nur die Artisten sind personell noch limitiert. „Einige unserer Artisten müssen zurzeit noch externen Verpflichtungen nachkommen. Sie werden aber pünktlich zur Show am 22. Dezember vor Ort sein“, verspricht Köhler. „Wie alle anderen Darsteller auch gönnen wir uns am 1. bis 3. Januar eine schöpferische Pause. Die muss auch sein, denn der Job ist knüppelhart und verlangt den ganzen Mann“, sagt Direktor Klaus Köhler.

Doch dann wechselt er schlagartig das Thema und berichtet von einem Vorfall, der ihn an die gute alte Zirkuszeit erinnert. Köhler: „Vor einigen Tagen wurde ich von einem älteren Herrn angesprochen, ein 78-jähriger Radfahrer, der interessiert dem Aufbau unseres großen Zeltes zugeschaut hat. Als Kind hat er bereits eine Vorstellung unseres Zirkus gesehen. Belly sei ihm ein fester Begriff. Was kein Wunder ist, denn den Namen Belly gibt es bereits seit 150 Jahren in der Zirkusszene und unsere Familientradition weist über 350 Jahre in die Vergangenheit. Aber mehr noch als die eigentliche Vorstellung war dem alten Herrn in Erinnerung, dass wir alle mit der Bahn transportierten Tiere vom Bahnhof durch die Stadt zum Festplatz führen durften. Kamele, Pferde, Bären, das war für die Celler Bevölkerung ein Riesenvergnügen und für uns natürlich eine tolle Werbung. Unsere Vorstellungen waren dem entsprechend immer ausverkauft. Heute müssen wir um jeden Platz mit immer neuen Attraktionen kämpfen“.

Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit. Sagt eine Binsenweisheit, die auch für ein Zirkusunternehmen gilt. „Wir müssen schon mit der Zeit gehen, doch unsere Tradition müssen wir wahren. „Wir tanzen zwischen den Welten und lassen Raum für eigene Fantasien. Aber niemals dürfen wir auf das verzichten, was den Zirkus schon immer mit einer Magnetwirkung ausgestattet hat.

„Tiernummern sind unverzichtbar. Ein Zirkus ohne Raubkatze ist kein Zirkus, ebenso sind Pferde mit ihrem klugen Verstand und ihrer Grazie nicht fortzudenken. Es muss immer etwas dabei sein, was entweder totale Entspannung oder das komplette Gegenteil verspricht“, weiß Köhler. Wenn er dennoch einer Pferdedressur die Vorstellung eröffnet, hat das auch etwas mit seiner Liebe zu den Vierbeinern zu tun. Sechs pechschwarze „Friesen“, feurige Hengste und ein schneeweißer Andalusier-Hengst sind eine Augenweide. Sie bringen den Duft im besten Sinne in die Manage. Die hochintelligenten Tiere reagieren auf die kleinste Weisung ihres Direktors, der dann einen tiefen Blick in sein Seelenleben gestattet: „Wenn eine unserer Zugmaschinen liegen bleibt, ist das kein Problem. Die wird repariert und weiter geht es. Wenn aber eines unserer Tiere leidet, dann leidet der ganze Zirkus mit. Tiere gehören zu jedem Zirkus. Sie suchen auch den Kontakt zum Menschen, egal, ob Pferd oder kleiner Hund. Deshalb beschließen wir unser Abendgebiet immer wie folgt: „Gott erhalte unseren Zirkus, uns und unsere Tiere“.“

Der Blick zurück ist erlaubt, aber nicht das Allheilmittel eines auf Besuch ausgerichteten Betriebes. Und ein Betrieb ist ein Zirkus allemal. Ein Betrieb mit hohen Kosten zudem. Acht große MAN-Trucks und über 40 Tieflader transportierten die Zirkusstadt nach Celle. Der Aufbau, die Anschlüsse an Strom, Wasser, Kanalisation, Sicherheitskontrollen des Ordnungsamtes, tierärztliche Überprüfungen und vieles mehr muss ein Zirkus über sich ergehen lassen. Das alles war früher viel einfacher, kostete weniger bei prall gefüllten Zelten und damit ausgebuchten Vorstellungen.

Das Gute bewahren, steht bei Belly obenan. Dennoch muss gespart werden, wo immer möglich. Früher hatte jeder Zirkus, der etwas auf sich hielt, sein eigenes Orchester. Heute kann sich das kaum noch jemand erlauben. „Ich arbeite viel lieber mit gut und auf den Punkt geschnittener Musik vom Band, als mit mittelmäßigen Musikern“, gibt Aron Köhler, einer der Söhne des Direktors zu.

„Ansonsten aber behindere der technische Fortschritt vieles im heranwachsenden Menschen“, meint Direktor Köhler. „Wie soll sich jemand geistig und körperlich entfalten, wenn er täglich stundenlang an einem PC sitzt. Die Kreativität, all das, was einen Menschen auszeichnet, verkümmert. Umso wichtiger ist es, dass ein Zirkus ein Familienprogramm präsentiert, das Jung und Alt gleichermaßen zu Gute kommt. Wir wollen ein Gemeinschaftserlebnis bieten, über das man gut spricht und das man gerne in der Erinnerung behält. Dem ist wohl auch der Elvis-Imitator geschuldet, der als „King of Rock’n’Roll“ den Welthit „Devil in Disguise“ präsentiert. Auch eine besondere Rhönradpräsentation und ein Bauchredner, der Zuschauer in sein „Entertainment“ mit einbezieht, gehören dazu.

Die Filmindustrie hat uns mit immer kreativeren Ideen Zuschauer gekostet. Nun drehen wir den Spieß um, nun holen wir die Kinostars in die Manage. Ein Projektor wirft Filmausschnitte auf eine Leinwand, dann reagieren die Artisten und lassen die Kinohelden live in der Manage auferstehen. Mit tollen Bühnenbildern, Spezialeffekten und Originalkostümen. Ob Captain Jack Sparrow aus dem „Fluch der Karibik“. Ob „Catwoman“ und „Indiana Jones“ oder „Avatan“, der Zuschauer findet sich inmitten des filmischen Geschehens wieder.

„Das Neue kommt an, das haben wir schon in einigen Orten erlebt. Das Bewährte allerdings bleibt. Dazu gehören Clowns, wie der weiße Clown, der vernünftige des Belly Trios sowie Zippolino und Angelo“, weiß Köhler. Angelo ist, was man getrost einen „dummen August“ nennen darf, ungeschickt bis tollpatschig, aber ungemein lieb. Zippolino ist der listige, der auf alles eine Antwort weiß und sich ein Loch in den Bauch freuen kann, wenn er dem weißen Clown, von Belly Sohn Aron gespielt, einen Schabernack spielen kann. Die drei sind natürlich die Stars des jungen Publikums.

Die Raubtier-Shows sind nichts für schwache Nerven. Denn nur zu oft werden Dompteure auch Opfer von Angriffen der Raubkatzen. Dem Publikum kann nichts passieren, denn Tiger, Pythons und Alligatoren zeigen ihr Können hinter sicheren Gittern. Aber auch Schimpanse „Robby“ und Kamele gehören zu den hierzulande weitgehend fremden Tieren.

Von großem Können sind auch die Leistungen der drei Akrobaten geprägt. Die Luftakrobaten zeigen ein wahrhaft meisterhaftes Programm. Aron Köhlers Ehefrau gehört zu ihnen. Angst hat die Mutter von zwei Kindern nicht. „Angst darf man auch nicht haben, nur Respekt, sonst ist man fehl am Platze“, heißt es.

1200 Besucher fasst das große Zelt. Natürlich hofft man bei Belly trotz des abseits liegenden Veranstaltungsortes und des zurzeit nicht gerade einladenden Wetters auf regen Zulauf, damit sich die Kosten mit den Einnahmen die Waage halten. „Wir sind immer froh, wenn wir eine ausgeglichene Bilanz haben oder sogar etwas darüber liegen. Doch das ist sehr schwer zu erreichen“, sagt Köhler.

„Aufgeben“ ist ein Wort, das es im Sprachschatz eines richtigen Zirkusmenschen nicht gibt. Zur Konkurrenzfähigkeit im Zirkusgeschäft gehört reicher Kindersegen, denn Kinder von Zirkusleuten erben die Gene ihrer Vorgänger-Generation. Klaus Köhler ist Vater von sechs Kindern und neun Enkeln. Alle Nachfahren sind irgendwie in den Zirkusbetrieb mit eingebunden. „Das war schon immer so, sonst hätten wir uns als Zirkusleute nicht 350 Jahre behaupten können“, sagt der Chef des Unternehmens. Köhlers Vorfahren sind nach dem zweiten Weltkrieg aus dem heutigen Polen in den Westen geflohen. Er selber habe in Groß Hehlen und Garßen die Volksschule besucht, wurde aber auch extern in der Zirkusschule unterrichtet. In einem Zirkus kann man mehr fürs Leben lernen, als in sonst einer Schule, ist sich Köhler sicher. Das Selbstbewusstsein, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit sind Grundvoraussetzungen.

Gerne hätte Köhler mit seinem Zirkus auf dem Celler Schützenplatz gastiert, zumal dort ein größerer Auslauf für die Tiere gewesen wäre und die Anbindung an die Innenstadt dichter gewesen wäre. „Das hat leider nicht geklappt. Ich mache der Stadt keinen Vorwurf. Im Gegenteil: Es gab ein ausgesprochen angenehmes Miteinander in allen Absprachen und Verpflichtungen.

Von Gert Neumann