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Reportage Der Kampf gegen dieweiße Pracht
Mehr Reportage Der Kampf gegen dieweiße Pracht
21:33 02.02.2010
Winterdienst in Celle Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Es ist 7.56 h in Celle. Als blutroter, leuchtender Ball steigt die Sonne in den Himmel. Michael Skiba hat keinen Blick dafür. Der 44-Jährige, seit 1986 beim Grün- und Straßenbetrieb der Stadt Celle im Winterdienst tätig, steht die Sorge um seinen Schmalspurwagen ins Gesicht geschrieben. Es gibt Probleme mit dem Turbolader. Die fehlende Drehzahl macht sich durch eine rucklige Fahrweise bemerkbar. Die ohnehin enge Fahrerkabine mutiert zum Flugsimulator. „Fahren tut er ja“, murmelt Skiba, bevor er seine Tour mit den Stationen Windmühlenstraße, Hafenstraße, Hannoversche Straße, Busdepot und Dasselsbrucher Straße fortsetzt.

Drei Stunden zuvor bei Dienstbeginn koordiniert Einsatzleiter Friedrich Aumann die Aktionen seiner 60 Mitarbeiter. Weitere 65 Einsatzkräfte sind in Rufbereitschaft. Am Abend zuvor gab es Neuschnee. Nun ist es spiegelglatt auf den Straßen. Aumann kontrolliert das Beladen des Streufahrzeuges von Fahrer Dieter Wiechmann. Ein kleiner, wendiger Radlader schießt zwischen Salzlager und Streufahrzeug hin und her. Er füllt dessen Speicher mit einem Gemenge von Salz Sand und Salzwasser. „Fahr mal dichter ran!“, ruft Wiechmann dem Radlader-Fahrer zu.

Körperliche Belastung beim

Streudienst sehr hoch

Wiechmanns Ungetüm schiebt sich mit gut gefülltem Salz-Bauch schwerfällig vom Gelände des Bauhofes an der Neuenhäuser Straße 5. Im Inneren des überdimensionalen Salzstreuers ist die Kraft von 230 Pferdestärken förmlich zu spüren. Eine gelbe Rundumleuchte warnt die Umwelt vor dem Herannahen des 15-Tonners. Vorne am Schneepflug flattert ein rot-weißer Wimpel als Warnung. Wiechmann weiß: „Wir werden manchmal von Verkehrsteilnehmern trotzdem ,übersehen’.“

In der Tat: Um kurz vor 7 Uhr trifft im Dienstwagen von Einsatzleiter Aumann per Funk eine Unfallmeldung ein. „Mir ist an der Ecke Himmelsberg/Mummenhofstraße einer reingefahren“, meldet Streuwagenfahrer Peter Brode. Kaum hat Aumann einen seiner Mitarbeiter beauftragt, den Kollegen an der Unfallstelle zu unterstützen, klingelt erneut sein Diensthandy. Ein Celler Bürger ist an der Nienburger Straße gestürzt. Aumann verspricht ihm, dass die Stelle in Kürze geräumt wird.

Skiba ist auf der Welfenallee mit seinem Schmalspurwagen unterwegs. Geschickt weicht er mit seinem wendigen Gefährt Straßenlaternen und Fußgängern aus. Mit dem „Schild“ genannten Schneepflug und einem automatisch an die Fahrtgeschwindigkeit angepassten Streuer befreit er die Rad- und Überwege vom Schnee. Er begreift sein Einsatzfahrzeug mit fünf Tonnen Kampfgewicht als einen „etwas härter gefederten Personenkraftwagen.“

Bernd Hanser und Günther Klinger sind bei ihrer Arbeit dagegen auf Handarbeit angewiesen. An der Kreuzung Hannoversche Heerstraße und Dasselsbrucher Straße streuen sie die Gehwege und Ampelübergänge. In ihrer orangenen Arbeitskluft sind sie weithin erkennbar. Streuwagenfahrer Wiechmann fährt über die Kreuzung und winkt ihnen freundlich zu. Während des Sommers werden beide für die Grünflächenpflege eingesetzt. Da im Winter eine andere Farbe dominiert, verlagert sich ihr Arbeitsfeld im Wechsel der Jahreszeiten. Die körperliche Belastung im Winterdienst bei der sogenannten „Hand-Kolonne“ sind – besonders bei nassem Schnee – für beide enorm. Unter der Woche müssen sie von 5 bis 19 Uhr und am Wochenende von 6 bis 19 Uhr abrufbereit sein.

Fahrt im Schneepflug

ist „kein Kaffeekranz“

Wiechmann erreicht auf seiner Route die Station Busdepot an der Nienburger Straße. Er möchte erreichen, dass die Busse das Gelände unfallfrei verlassen können. Kurze Zeit später wird er durch das Radio erfahren, dass der öffentliche Personennahverkehr an diesem Tag zum Erliegen kommt. Er bedient einige Knöpfe auf einer kleinen Tastatur und erhöht so die Breite des Streu-Radius seines Fahrzeuges auf fünf Meter. Im Extremfall kann sein Mercedes Artego eine sechs Meter breite Schneise mit 40 Gramm Salz pro Quadrameter bestreuen. Wiechmann dreht eine Runde um die Stellplätze der geparkten Busse. 20 Minuten später hat das Salz den gefrorenen Boden so weit aufgetaut, dass der dunkle Untergrund zum Vorschein kommt.

Einsatzleiter Aumann begeht die Speicherhallen auf dem Gelände des Bauhofs, um die Vorräte an Salz und Sand zu prüfen. In der Salzhalle sind nur noch zwei Ecken dürftig bedeckt. Aumann greift in den einen Haufen und lässt es prüfend durch die Finger rieseln. Hierbei handelt es sich um qualitativ hochwertiges Salz. 550 Tonnen hat er planungsgemäß davon im Sommer 2009 eingekauft. Aumann seufzt bei diesem Anblick auf. Seit Weihnachten ist der Vorrat nahezu aufgebraucht. Der eigentliche Bedarf ist um 300 Tonnen unterschritten.

Aumann geht zur anderen Ecke hinüber. Dort lagert eine qualitativ schlechtere Salzsorte. Sie ist feinkörniger, nasser und besitzt keine Anti-Haft-Funktion. Daher verteilt sie sich nicht so gut und braucht länger, um Schnee und Eis aufzutauen. Der 60-jährige Einsatzleiter flucht: „Dieses Salz ist Scheibenkleister.“ Er pfeffert das Häuflein Salz in seiner Hand zurück in die Ecke. Dass er noch am selben Tag eine weitere Lieferung von 50 Tonnen des minderwertigen Salzes bekommen wird, vermag ihn in diesem Augenblick nicht zu trösten. „Trotz frühzeitiger Nachbestellung ist kein Nachschub mehr zu bekommen“, jammert er. Polen und Tschechien bieten Salz für das Vierfache des üblichen Preises an. Die Lieferzeit beträgt acht bis 14 Tage.

In der Halle nebenan hellt sich sein Gesicht etwas auf. 2000 Tonnen braunen Sandes lagern dort ein. „Unsere Sandwüste“, gluckst Aumann. Der Sand wird mit dem Salz vermengt und dann auf die Celler Straßen und Wege verteilt.

Wiechmann, der seit über 20 Jahren bei der Stadt arbeitet, ärgert sich mit dem Funkgerät herum. „Ist das Ding schon wieder kaputt?“, grummelt er. Im digitalen Zeitalter stellt diese Situation die Mitarbeiter der Stadtbetriebe allerdings vor keine Probleme mehr. Sekunden später klingelt Wiechmanns Diensthandy. Nach dem kurzen Gespräch schüttelt er unwillig seinen Kopf. Einer der Kollegen hinkt im Zeitplan hinterher. „Wir sind auf der Arbeit und nicht beim Kaffeekranz“, sagt Wiechmann. Er gelangt auf der Dasselsbrucher Straße an die Stadtgrenze. Hier heißt es für ihn umkehren. Das Salz reicht nicht, um über die Grenzen hinaus zu streuen. Außerdem hat er noch ein Stück seiner Route zu erledigen.

„Der Radweg auf der Fuhrberger Straße ist einer der schlimmsten in der Stadt“, stöhnt Skiba im Schmalspurwagen. Die Tour über die Welfenallee sieht er im Vergleich als Spazierfahrt an. Zwei Damen mit Schneeschieber machen ihm erleichtert Platz, als er an ihnen vorüberzieht und ihnen mit seinem „Schild“ etwas Arbeit abnimmt. Skiba räumt auch die Radwege frei, für die eigentlich die Anlieger zuständig sind. „Die Radfahrer machen da ja keinen Unterschied“, meint er. Die meisten Bürger sind froh, wenn Skiba mit seinem von 86 Pferdestärken angetriebenem Gefährt auftaucht. Er hat aber auch schon andere Erfahrungen gemacht. Fluchende Radfahrer, die aber keinen Platz für Räumfahrzeuge machen, sorgen bei ihm für Stirnrunzeln. Noch weniger Verständnis bringt Skiba für die „Gruppe der Provokateure“ auf. Manche Leute gehen ihm absichtlich nicht aus dem Weg.

Skiba lässt sich von solchen Provokationen nicht ablenken. Sein Blick wandert auf einen Monitor, der ihm die Rücksicht hinter das eigene Fahrzeug ermöglicht. So hat er Schulkinder im Blick, die zu dicht auffahren oder ihm das Rangieren auf engen Gehwegen erleichtern. Um zu vermeiden, dass er Außenspiegel von parkenden Autos abfährt, lässt er Teilstücke seiner Strecke aus. Sind die Wege zu eng, wird die Straßenlaterne schon einmal außen umfahren.

Kaffee beim Chef nach

Beendigung des Tagewerks

Das Ende jeder Tour führt die Einsatzkräfte des Streudienstes in das Büro von Leiter Aumann. Wiechmann überreicht seinem Chef den „Streuzettel“. Auf diesem sind das Datum und die Route der Tour, die Kilometerzahl sowie der Salzverbrauch vermerkt. Aumann dokumentiert diese Daten für das Archiv. Gleichzeitig dient er Aumann aber auch als Nachweis, falls Versicherungen oder Krankenkassen die Straßenbetriebe für Unfälle in Verbindung mit Schnee oder Eis nehmen wollen. Aumann kocht seinem Fahrer einen Kaffee. „Das ist das Entscheidende: Ich kann mich auf meine Mitarbeiter an jedem Tag im Jahr verlassen.“

Von Paul Gerlach