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Reportage Die Helfer in der Nacht
Mehr Reportage Die Helfer in der Nacht
17:26 18.12.2013
Von Carsten Richter
Draußen dunkel, innen hell erleuchtet: die Antares-Apotheke Sägemühlenstraße/Hannoversche Straße hat Notdienst. Quelle: Carsten Richter
Celle Stadt

Hannoversche Straße, kurz vor halb sieben am Abend, mitten in der Woche: Dichter Verkehr in beiden Richtungen, die Menschen sind auf dem Weg nach Hause – Feierabend! In den Wohnhäusern entlang der Straße sind die Lichter an. Es ist Advent, da macht man es sich gerne auf dem heimischen Sofa gemütlich. Noch haben die meisten Geschäfte geöffnet, doch langsam wird es ruhiger. Die Arbeit ist für die meisten Menschen beendet.

13 Stunden, 30 Minuten Dienst

Auch in der Antares-Apotheke an der Ecke Sägemühlenstraße sieht es nach Feierabend aus. 18.28 Uhr: Die Räume sind hell erleuchtet – noch herrscht hier Normalbetrieb, Kunden kommen aber nur noch vereinzelt. Auch zwei Minuten später ändert sich nichts, die Lichter bleiben weiter an. Um 18.33 Uhr verlässt eine Mitarbeiterin die Apotheke, ihr Mann holt sie ab. Der Tag ist zu Ende – doch es bleibt weiter hell. Hinter dem Tresen steht Camilo Christian Blum Flores, für ihn geht der Tag jetzt erst so richtig los: Die Antares-Apotheke hat Notdienst, vor dem 40-jährigen Apotheker liegen 13 Stunden und 30 Minuten. Bis ihn am nächsten Morgen um acht Uhr die reguläre Tagesschicht ablöst.Blum Flores kennt das schon – aus Erfahrung erwartet er fünf oder sechs Kunden, mehr nicht: „Bei meinem Notdienst vor zwei Wochen kam der letzte Kunde um 23.30 Uhr, dann war Schluss“, erzählt der gebürtige Argentinier, der erst seit sechs Monaten in Celle arbeitet. Er gibt aber zu: „Man kann natürlich nie wissen, was kommt.“

Und tatsächlich: Es bleibt zunächst ruhig. Um 18.42 Uhr klingelt das Telefon: Jemand fragt nach einem bestimmten Medikament – es ist nicht vorhanden, müsste bestellt werden. War aber offenbar nicht so dringend, das Gespräch ist schnell beendet. „Wir haben vielleicht ein Prozent aller Medikamente vorrätig, die es auf dem Markt gibt“, sagt Blum Flores. Was unwahrscheinlich wenig klingt, zeigt aber vor allem eines: die enorme Fülle des pharmazeutischen Angebotes. Die Regale sind schließlich gut gefüllt und im Lager ist ja auch noch Vorrat. Ein anderes Medikament herausgeben darf der Apotheker aber nur nach Rücksprache mit dem Arzt. „Manchmal kommen 15 Kunden und wollen dasselbe Mittel. Da kann es schon mal Lieferprobleme geben.“

Ein einziger Anruf – in der ersten halben Stunde nach Beginn des Notdienstes ist wie erwartet nicht viel los. Langeweile kommt trotzdem nicht auf, Blum Flores weiß sich zu beschäftigen: die Kasse zählen, Rezepte überprüfen, den Bestand an Betäubungsmitteln protokollieren. Um Medikamentenmissbrauch vorzubeugen, ist die Apotheke dazu verpflichtet. Schreibtischarbeiten kann der Apotheker in den hinteren Räumen erledigen: Hier stehen Telefon, Computer, Drucker – ein kleines Büro.

„Kaffee ist der beste Freund“

Der Apotheker kann der Nachtschicht durchaus etwas abgewinnen: „Dann kann man alles in Ruhe machen, was sonst am Tage erledigt werden müsste. Das bedeutet tagsüber weniger Stress.“ Und wenn er doch mal müde wird? „Kaffee ist der beste Freund des Notdienstes“, meint Blum Flores und lacht sein herzerfrischendes Lachen. Und auch sonst ist für den Nachtdienst gut vorgesorgt – der Besprechungsraum ist zu einer Teeküche umfunktioniert: Der Kühlschrank ist gut gefüllt und ein Sofa ist auch vorhanden. Der Notdienst muss also nicht die ganze Nacht am Tresen verbringen. „Ich warte immer bis halb eins oder eins, dann lege ich mich schlafen.“ Mit dem Gedanken: die Klingel an der Tür könnte ihn jederzeit wecken.

Auch nachts Bedienung am Tresen

Bis dahin müssen aber noch ein paar Stunden vergehen – und gegen 19.30 Uhr kommen auch die ersten Kunden dieses Abends: Eine Frau, Mitte 30, braucht für sich ein Schlafmittel und für ihren Mann etwas gegen Halsschmerzen. Er habe am nächsten Tag ein wichtiges Gespräch, sagt sie, da wolle er fit sein. Ab nun verlangt Flores Blum die Notdienstgebühr von 2,50 Euro – manche Kunden sind verwundert, aber alle zahlen bereitwillig.

Dann geht es Schlag auf Schlag – doch nicht alle Medikamente sind sofort verabreicht: Eine Mutter kommt in die Apotheke. Der Arzt hat ihrem Kind Tabletten verschrieben, sie sind aber zu groß, es kann sie nicht schlucken. Blum Flores schafft Abhilfe: Er gibt der Mutter Saft mit. Das ist erlaubt, die Dosierung ist gleich. Noch schnell für die Krankenkasse die Änderung des Medikaments auf dem Rezept begründen – und fertig! Schwieriger ist der Fall eines Mannes um die 30: Auch ihn quälen seit Tagen heftige Halsschmerzen. Er erzählt dem Apotheker, dass er die verschriebenen Tabletten falsch konsumiert und dann abgesetzt habe. Ob sie ihm zu groß oder zu teuer waren, bleibt unklar. Nun wollte er ein anderes Mittel. „Das ist Missbrauch, wenn man nicht die Natur des Medikaments versteht“, erklärt Blum Flores anschließend. Wie am Tage, so werden auch nachts alle Kunden direkt am Tresen bedient, nicht durch die Tür oder das Fenster hindurch, wie man es zuweilen kennt. „Das ist einfach kundenfreundlicher.“

Wenn auch der große Ansturm in dieser Nacht ausbleibt, so kommen doch noch einige Kunden: Da ist die Mutter, die eine Kanüle braucht – ihr einjähriger Sohn hat einen Splitter im Finger. Sie ist Ärztin und weiß, wie sie mit der Spritze umgehen muss, um den Splitter herauszuziehen. Da ist eine Frau, die beinahe die halbe Apotheke leerkauft. „Gut, dass es den Notdienst gibt“, sagt ein Kunde. „Sonst wären wir ganz schön aufgeschmissen.“ Zahnschmerzen, Ohrenschmerzen, Durchfall, eine Entzündung im Intimbereich – Blum Flores bekommt es an diesem Abend noch mit vielen Krankheitsbildern zu tun. „Hier kommen wirklich nur Notfälle“, erzählt er. In Spanien sei das anders: „Da kommen die Leute und kaufen morgens um vier Uhr Bonbons – oder Kondome“, sagt er lachend.

Das Fazit des Apothekers am nächsten Morgen: „Es war nicht hektisch, aber auch schon mal ruhiger.“ Er behält recht – man weiß nie, was kommt. Nur eines steht fest: Der nächste Notdienst kommt bestimmt. Und wieder wird es Menschen geben, die über dieses Angebot froh sind.

Carsten Richter