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Reportage Ein besonderes Projekt: Hambührener Erstklässler lernen "Soziales" (mit Video)
Mehr Reportage Ein besonderes Projekt: Hambührener Erstklässler lernen "Soziales" (mit Video)
21:59 04.04.2018
Von Andreas Babel
Quelle: Andreas Babel
Ovelgönne

OVELGÖNNE. Elf Erstklässler, fünf Mädchen und sechs Jungen, sitzen zusammen mit Iris Nehrenberg und Kirsten Meyer in der Insel. Für diese Gruppe ist „Soziales Lernen“ angesagt. „Guten Morgen, Frau Nehrenberg“, schallt es fröhlich der Lehrerin entgegen. Iris Nehrenberg ist angekommen. Für sie hat sich ein Kreis geschlossen. Sie wurde am 1. August 1968 in der Grundschule Oldau in Ovelgönne eingeschult. Und genau 50 Jahre später begann die heute 57-Jährige an eben dieser Schule ihre Tätigkeit als Lehrerin.

Iris Nehrenberg ist nicht irgendeine Lehrerin, sondern eine ganz besondere. Als sie vor über 20 Jahren – es war in den Sommerferien – ihr Augenlicht verlor, wurde alles anders. Es brauchte ein ganzes Jahr, bis feststand, dass sie nicht mehr im „normalen“ Klassenverband unterrichten könne, aber sehr wohl noch einsatzfähig sei. „Meine Kollegen haben mir damals gesagt: ,Du hast doch nichts von dem verloren, was du kannst, außer, dass du nicht gucken kannst‘“, sagt sie heute. Damals legte sie ein erstes kleines Konzept vor, das vorsah, bei den Schülern ganz gezielt soziale Kompetenzen zu fördern. Nach vielen Aus- und Fortbildungen ist das „Soziale Lernen“ heute ein einzigartiges Angebot im Landkreis Celle, das die Kinder in der Gemeinde Hambühren genießen.

„Wir treffen uns in der Insel“ heißt es seit diesem Schuljahr ganz oft, denn Iris Nehrenberg ist auch Beratungslehrerin. Die Tür zu der Insel, in der früher der Lehrmittelraum und anschließend das Lehrerzimmer untergebracht waren, steht immer offen. Hier haben Iris Nehrenberg und Kirsten Meyer stets ein offenes Ohr für die Kinder. Kirsten Meyer ist seit fünfeinhalb Jahren die sogenannte „Arbeitsplatzassistentin“ der blinden Lehrerin. Beide arbeiten mit den Kindern, Kirsten Meyer ruft dabei die Kinder auf, die sich melden, und ermahnt manches Mal zur Aufmerksamkeit, wenn diese bei dem einen oder anderen schwindet.

„Wie heißen unsere Regeln beim Sozialen Lernen?“, fragt Iris Nehrenberg in die Runde, als die lebhaften Kinder wieder einmal etwas lauter werden. Ein Junge meldet sich und sagt: „Leise sein, zuhören und mitmachen.“ Iris Nehrenberg lobt ihn: „Das hast du sehr gut zusammengefasst. Ich möchte, dass ihr euch daran haltet.“

Los geht es mit der „Chamäleon-Runde“. Dazu gibt die Pädagogin ein kleines Gummi-Chamäleon in die Runde. Jedes Kind, das das Tierchen in die Hand gelegt bekommt, wird von seinem Vorgänger gefragt: „Wie geht es dir heute?“ Nahezu alle antworten mit einem „Gut“. Die nächste Frage lautet: „Hast du heute schon etwas Schönes erlebt?“ Und auch das bejahen die meisten Kinder. Und dann kommt die Frage: „Möchtest du uns davon erzählen?“ Einige sagen dazu klar „Nein“ und das ist auch okay so.

Viele erzählen aber von ihren schönen Erlebnissen. „Weil es geschneit hat und alles war so schön weiß“, sagt der Erste in der Runde und sein Sitznachbar erzählt aufgeregt davon, wie er beim Cerealien-Essen gemerkt hat, dass sein Wackelzahn noch mehr wackelt als vorher und wie er diesen dann so lockerte, dass er ihn entfernen konnte. „Soll ich euch mal meine Zahnlücke zeigen?“, fragt er. Aber das interessiert die anderen eher nicht. Ein Junge mit einer feschen Brille auf der Nase erntet ein „Wie süß“ eines anderen Jungen, als er verrät, dass er heute schon mit seinem Bruder gespielt habe. Ein Mädchen erzählt, dass ihr der Sportunterricht heute besonders gefallen hat und ein anderes Kind hat als schönes Erlebnis das Lieblingsmüsli zum Frühstück empfunden.

Als Letzte in der Reihe ist Iris Nehrenberg dran: „Ich fand es heute schön, dass es geschneit hat, aber dass ich in einem warmen Auto zusammen mit Frau Meyer zur Schule fahren konnte.“ Die Lehrerin wohnt nur wenige hundert Meter von der Schule entfernt und ihr Haus liegt auf dem Arbeitsweg ihrer Assistentin. Beide fühlen sich sehr wohl in der Grundschule Oldau. Zum Schuljahresbeginn zog das Duo von Klasse zu Klasse und stellte sich vor. Die Lehrerin instrumentalisierte dabei ihren Blindenstock und baute damit eine Verbindung zu den Kindern auf. Sie gab ihn den Schülern in die Hand, und zeigte ihnen, wie er funktioniert. So lernten die Kinder ihre neue Lehrerin mit ihrem Handicap schon sehr früh kennen.

Als Nächstes wird Ferdi aus seinem Schlafsack geholt. Ferdi ist ebenfalls ein Chamäleon, aber viel größer und flauschiger als das Gummiteil, das anfangs von Hand zu Hand ging. Ferdi fordert die Kinder zur „Chamäleonpause“ auf. „Drückt eure Füße fest auf den Boden, macht den Rücken gerade, legt die Hände flach auf den Bauchnabel und sucht euch mit den Augen einen Punkt auf dem Fußboden, den ihr anschauen könnt“, sagt Ferdi durch Iris Nehrenbergs Mund. Und dann atmen alle durch die Nase ein und den Mund aus, bis Kirsten Meyer die Klangschale erklingen lässt. Alle recken und strecken sich, klatschen mit den Händen auf die Beine und den Po und sind so gelockert und entspannt für den Hauptteil des heutigen „Sozialen Lernens“.

Heute sollen sich die Abc-Schützen mit Gefühlen auseinandersetzen. Für Iris Nehrenberg ist das ganz wichtig, denn darüber könne man in Mathe, Deutsch und im Sachunterricht nicht sprechen: „Die sozialen Fertigkeiten sind bei den Kindern einfach da. Kinder sind nur der Spiegel der Erwachsenen. Verliebtsein ist zum Beispiel ein positives Gefühl. Einige Kinder können das sehr schön beschreiben, auch für andere. Und wenn man sie fragt, wo man denn Traurigkeit spürt, dann sagen viele: am Herzen, und einige sagen auch: hier im Bauch.“

Iris Nehrenberg hat sechs Karten mitgebracht, auf denen Kinder abgebildet sind, an denen die Hambührener Schüler Gefühle ablesen sollen. Auf der ersten Karten ist ein vergnügtes Kind zu sehen. Einem Jungen fällt dazu ein: „Es freut sich wohl, zum Beispiel wenn eine Familie umziehen will, aber dann entscheiden sich die Eltern um und dann ist das Kind wieder fröhlich.“

Auf der nächsten Karte ist eher das Gegenteil abgebildet. „Das Kind ist traurig, weil vielleicht hat es keine Freunde mehr oder es hat sich wehgetan – traurig, es weint“, sagt eine der Erstklässlerinnen. Ähnlich sieht es ein anderes Mädchen: „Das Kind ist traurig, weil vielleicht ihre Mutter mit ihrer Schwester umzieht oder es ist richtig umgeknickt.“ Darauf reagiert ein Junge von der anderen Seite des Stuhlkreises sehr spontan: „Mit der Schwester umziehen? Das wird doch kein Mensch machen!“ Ein anderes Mädchen steht auf und beschreibt mit seinem Finger, indem es auf die Karte deutet, dass die Mundwinkel des abgebildeten Kindes nach unten hängen.

Bei der nächsten Karte stehen einige Jungen auf und ahmen das dargestellte Kind nach, indem sie ihre Arme so nach oben heben, als würden sie ihre Muskeln präsentieren. Sofort kommt bei zwei sonst eher ruhigen Jungen die Diskussion darüber auf, wer von ihnen denn stärker sei. Letztlich endet die Diskussion mit der jeweiligen Annahme, dass das Gegenüber auf keinen Fall so stark wie der eigene Bruder sei.

„Es fühlt sich wütend!“, entfährt es einem Mädchen bei der nächsten Karte. Ein anderes Mädchen meldet sich und wird drangenommen. „Ich erkenne, dass sie mit den Füßen stampft.“ Und ihre Nachbarin pflichtet ihr bei: „Sie springt so auf und stampft mit den Füßen auf, weil sie richtig sauer ist.“ Wie bei jeder Karte ordnet Iris Nehrenberg die Wortmeldungen und fasst zusammen: „Für diese Karte ist das Gefühl 'wütend sein'.“

Noch bevor die Lehrerin die vorletzte Karte hochhält, gähnen einige Kinder herzhaft. Und so ist es kein Wunder, dass eines von ihnen ruft, als sie das gezeichnete gähnende Mädchen sieht: „Haben wir eben gemacht!“ Eine andere Schülerin sagt: „Er möchte ins Bett, weil er richtig müde ist.“ Bevor sie die letzte Karte zeigt, will die Pädagogin ihre sprechende Uhr hören. Die sagt ihr auf Knopfdruck die Zeit und den Tag an.

Iris Nehrenberg betreut derzeit sechs Gruppen aus den drei ersten Klasse der Grundschule. Die Pädagogin hat aber eine „Vision“: Sie möchte das „Soziale Lernen“ in jeder Klasse so aufbauend anbieten, „dass man in der dritten und vierten Klasse mit Konflikttraining beginnen kann“. Wenn man nicht in der ersten Klasse gelernt habe, seine eigenen Gefühle und die der anderen Mitschüler zu erkennen und zu verstehen, dann sei es für die Kinder in der vierten Klasse schwierig, Konflikte zu lösen, sagt die erfahrene Lehrerin.

Mit einem lauten „Oh“ reagieren die meisten Kinder auf die letzte Karte. Als sich die Aufgeregtheit gelegt hat, sagt ein Mädchen: „Der ist verliebt.“ Mit denselben Worten schließt sich ein Junge an. Iris Nehrenberg möchte wissen, woran die Kinder dieses Gefühl erkannt haben und schließlich, wer denn schon einmal verliebt war. Viele antworten nun durcheinander und rufen hinein, dass diese in jenen und dieser in jene verliebt sei. „Das nächste Mal werden wir mit den Karten etwas anderes machen“, sagt die Lehrerin zum Abschluss: „Wir wünschen euch noch einen schönen Tag, eine gute Reise zur Klasse und bis nächste Woche in der Insel!“

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