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Reportage Englische Romantik in Celles Französischem Garten
Mehr Reportage Englische Romantik in Celles Französischem Garten
14:43 11.07.2018
Quelle: Anke Schlicht
Celle Stadt

Nicht mehr als eine Stunde sieht die von der Stadt angebotene Veranstaltungsreihe vor für die Führungen durch botanische Sehenswürdigkeiten – weniger als ein flüchtiger Moment angesichts der Dimension von Zeit, der die rund 80 interessierten Bürger begegnen an dem Ort, der heute auf der Agenda steht. Hundertfach durchqueren Celler und Bewohner der Dörfer des Landkreises das grüne Kleinod, um in die City zu gelangen, nehmen eine Auszeit vom Büro, joggen, meditieren oder picknicken – kaum eine andere Parkanlage ist so sehr ein Teil des Alltags in der Residenzstadt wie der Französische Garten, dessen Name ein klein wenig in die Irre führt.

„Das war nie Versailles“, sagt der Leiter der Exkursion und des Celler Grünflächenamtes Jens Hanssen. „So heißt er nur, weil hier französische Gärtner gewirkt haben“. Seit 1678, als Henry Perronet auf der zehn Hektar großen, mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Fläche seiner Kreativität der damaligen Mode entsprechend freien Lauf ließ, trägt er diese Bezeichnung. Regent zu jener Zeit war Celles letzter Herzog Georg Wilhelm (1624 bis 1705), stilangebend für Kunst, Architektur und Parkanlagen war der Barock. Barockgärten französischer Prägung, die die Natur in geometrisch exakte Formen zwangen, dominierten in Europa. Schnurgerade verlaufen die Wege der vierreihigen Lindenallee, deren Name an die Herzogin, Georg Wilhelms Ehefrau Eleonore d’Olbreuse, erinnert. Die Lebensart ihrer Heimat Frankreich wollte diese bis in die grünen Oasen ihres neuen Zuhauses hinein nicht missen, und so setzte sie in der kleinen Residenz an der Aller hier und da bis dahin nicht gekannte Akzente.

„Zusammenwachsen sollen die Baumkronen nicht“, weist Hanssen auf den Himmelsstrich genannten Baumschnitt hin, der die Wegachse gegen den Himmel nachzeichnet. „Wie das Wandern der Sonne, das Spiel von Schatten und Licht zu einem Erlebnis werden, das ist die Idee, die hinter einer doppelreihigen Allee steckt“, erläutert der Experte das einzig verbliebene barocke Gestaltungselement. Nach mehr als 300 Jahren ist das Grundkonzept der damaligen Planer noch erkennbar. Dieses ist für den städtischen Fachbereichsleiter eine bedeutende gartengestalterische Komponente. „Die planerische Idee darf nicht in Vergessenheit geraten, sie muss weiterentwickelt und mit Leben erfüllt werden“, hebt der Fachmann, der Geduld und viel Zeit für grundlegende Faktoren des Gärtnerns hält, hervor und ergänzt: „Man operiert mit Planungszeiträumen von 80 bis 140 Jahren.“

Werte, die die grünen Riesen der nächsten Station vor dem grundsanierten Spielplatz längst überschritten haben. „Eichen können bis zu eintausend Jahre alt werden; ganz so lange stehen die Stieleichen hier noch nicht, aber 250 bis 300 Jahre befinden sie sich bereits an diesem Ort“, erklärt Hanssen. Zeugen der von einem deutschen gestalteten Anfänge des Gartens im 17. Jahrhundert sind die Bäume damit immer noch nicht. Aber die Nutzung des Areals als Anbaufläche für Gemüse und Obst und die Timelacks, wie der Exkursionsleiter die immer wiederkehrenden Perioden der Vernachlässigung nennt, sowie die Umwandlung in einen englischen Landschaftspark – davon könnten die stummen Riesen erzählen.

Einen gravierenden Einschnitt in das gesamte Gefüge der Stadt bedeutete der Verlust des Status als Residenz im Jahr 1705. Mehrere Jahrzehnte verfiel der Garten in einen Dornröschenschlaf, bis nicht ein Prinz, sondern eine dänische Prinzessin mit traurigem Schicksal die Erlösung brachte. Die Verbannung Caroline Mathildes ins leerstehende Schloss im Jahr 1772 bescherte dem Park eine neue Blüte, die sich in dem 1784 für sie errichteten Denkmal bis heute manifestiert. „Die Planung zog sich lange hin, alles musste finanziert werden, als Sponsor wirkte die Ritterschaft“, verweist Hanssen auf die fünfjährige Planungs- und Bauzeit und knüpft damit wie häufig während der Führung an die Gegenwart an: „Potente Mittel und gutes Personal – darum ging es auch in jener Zeit.“

Und damals wie heute wechselten die Moden. Bereits ab 1750 wurde europaweit der Barockgarten durch den englischen Landschaftsgarten abgelöst. Dass der Experte ausdrücklich auf die Nachzeichnung eines geschwungenen Weges nach originalem Vorbild aufmerksam macht, wird deutlicher vor dem Hintergrund, dass mathematische Strenge, Regelmäßigkeit und Symmetrie in romantischen englischen Parks keinen Platz hatten. Das Prinzip war, sich bei der Gestaltung nach dem zu richten, was die Natur idealerweise an Ausblicken zu bieten hat. Eine natürliche Landschaft sollte sich ab 1826 auch im Französischen Garten abbilden, 30 Jahre lang verwandelte man das bisherige Erscheinungsbild. Beete spielten dabei eine untergeordnete Rolle, denn Blühpflanzen gehörten nicht zum englisch-romantischen Konzept, das zur Freude aller Rosenliebhaber nicht die gesamte grüne Oase durchzieht. Immer wieder gibt es Brüche.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Westen des Parks ein kleines Rosenareal angelegt. „Links und rechts der Bänke haben wir alte Rosensorten gepflanzt, nur diese bieten den Insekten noch etwas“, sagt Hanssen und streift damit noch einmal kurz die Historie, bevor er an der seit Jahrzehnten nahezu brachliegenden Freilicht-Tribüne neben dem Schlösschen die wie im Flug verstrichene „Zeit für Grün“ mit einem Ausblick in die Zukunft schließt: „Ein Konzert hören - an dieser Stelle, auf der Tribüne sitzend - das ist einer meiner Wünsche, von denen ich zahlreiche habe. Aber dieser wäre mir wichtig.“

Von Anke Schlicht