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Reportage „Entschleunigte“ Azubis sammeln Sozialkompetenz
Mehr Reportage „Entschleunigte“ Azubis sammeln Sozialkompetenz
09:46 11.09.2013
Auch im Rollstuhl kann man tanzen. Quelle: Gert Neumann
Celle Stadt

Die Bedenken im Vorfeld waren nicht zu leugnen. In der Tat war das Projekt zur Persönlichkeitsentwicklung der Sparkassen-Azubis ungewöhnlich, das sich Eckhard Mähling-Flügge von der Heimleitung des MS-Heimes und Sönke Brockmann von der Sparkassen-Personalentwicklung vereinbart hatten. Erfahrung sammeln im Umgang mit behinderten Menschen und mit ihnen gemeinsame Werte schaffen, das stand ganz oben auf der Agenda. Und dies natürlich ausschließlich auf freiwilliger Basis.

Keiner der Auszubildenden drückte sich. Und es war keiner unter ihnen, der seine Zusage im Nachhinein bereute. Im Gegenteil: Als die Zeit der Gemeinsamkeit vorbei war, standen manchem der jungen Männer und Frauen Tränen des Abschieds in den Augen. So fest gewachsen waren die emotionalen Bindungen. Wohl auch, weil in diesen wenigen Tagen für die Auszubildenden die Behinderung der MS-Patienten zur Normalität geworden war.

Erfahrungenim Rollstuhl

Vor allem die Rollstuhlerfahrungen hatten einen tiefen Eindruck bei den Jugendlichen hinterlassen. „Das ist schon eine komische Situation. Man sieht die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel. Und nichts kann man mehr alleine erledigen. Für alles braucht man Hilfe. Behindertengerecht sind nur wenige Geschäfte. Einige haben schwergängige Türen. Wenn niemand hilft, dann bleibt man draußen. Dort gibt es zwar eine behindertengerechte Toilette, doch wird diese zusätzlich zum Babywickeln genutzt, wodurch Platz zum Wenden des Fahrstuhls fehlt. Wie soll man da auf die Toilette kommen?“, fragte sich Ann-Katrin Sollgan.

Für manche Mitmenschen erschienen Behinderte eher ein störendes Hindernis zu sein, heißt es. Allerdings gebe es auch freundlichere Zeitgenossen, berichtet Heimbewohnerin Frederike, die mit 21 Jahren die Diagnose „Multiple Sklerose“ erhalten hat. „Die halten schon mal die Tür auf oder helfen beim Bezwingen von Schwellen“. Die heute 45-Jährige: „Zum Glück bin ich hier im Linerhaus, wo ich das Lachen wieder gelernt habe. Dass die Jugendlichen der Sparkasse hier im Haus sind, das ist fantastisch. Mit ihnen zusammen in Projektgruppen etwas gestalten zu können, das bereitet große Freude, auch wenn unsere Möglichkeiten des Mitwirkens je nach Behinderung nur begrenzt sein können.“

130.000 MS-Patienten in Deutschland

Etwa 130.000 Menschen in Deutschland sind an MS erkrankt. „Mich hat die Diagnose damals wie ein Schock getroffen“, sagt die 65-jährige Renate, die seit 25 Jahren im Linerhaus lebt und an den Rollstuhl gebunden ist. „Meine Lebensplanung wurde vollständig über den Haufen geworfen und Suizidgedanken quälten mich. Doch es ist gar nicht so einfach, freiwillig aus dem Leben zu scheiden“. Heute strotzt Renate vor Lebenswillen. Und demonstrierte gleich ihr fahrerisches Können im Rollstuhltanz mit einer Freundin aus dem Haus.

„Wir haben mit unseren Auszubildenden im zweiten Lehrjahr mit unseren Projekten fast immer Spielplätze unterstützt“, berichtet Sparkassen-Chef Axel Lohöfener. „Dass wir diesmal etwas im Rahmen der Sozialkompetenz für behinderte Menschen leisten konnten, erfüllt mich mit besonderem Stolz, zumal das Geschaffene außerordentlich ist“.

Aufgrund der Erkrankung von Multiple Sklerose-Patienten musste alles zunächst um mehrere Gänge heruntergefahren werden. „Entschleunigung“, nennt Mähling-Flügge dies. Seine Klientel könne nicht schneller. Wolle man gedeihlich miteinander arbeiten, müsse sich der Schnellere dem Langsameren anpassen. Das begann schon beim Anreichen des Kaffees oder des Mittagessens. Von Hektik keine Spur, vielmehr von Nähe. Zeit spielte nicht mehr die entscheidende Rolle. Es entwickelten sich ziemlich schnell Gefühle der Verantwortlichkeit innerhalb der Projektgruppen, die von Dienstag bis Freitag in den Arbeitsalltag eintauchten.

Die Azubis hatten sich schließlich einiges vorgenommen. Eine Gruppe baute Hochbeete, die von den Heimbewohnern in Schuss gehalten werden. Mit dem Rollstuhl können sie darunter fahren und ihre Blumen pflegen. Zwei dieser gut zwei Meter durchmessende Beete zieren nun die Innenhöfe der Gartenpavillons.

Eine andere Gruppe fühlte sich für den so genannten „Snoezelraum“ verantwortlich. Aus einem gut 20 Quadratmeter großen weiß getünchten quadratischen Raum entstand binnen kurzer Zeit eine wahre Wohlfühl-Oase. Ein großes Wasserbett, abgehängte Sternenhimmel, Bildprojektor, Farblichtprojektor und meditative Musik lassen Zeit und Raum vergessen. „Fühlen, hören, sehen und riechen“, wir wollen die Sinne in diesem Raum aktivieren und unseren Bewohnern zeigen, dass wir allen ihren Bedürfnissen Rechnung tragen wollen“, sagt Mähling-Flügge.

Und schließlich gab es noch die Projektionsgruppe, die ein großes Abschlussfest auf der Wiese mit Zeltüberdachungen, Musik, Bilderwänden und mehr aufgebaut hat. Auch dies wurde sehr professionell geleistet, wobei die Bewohner immer mit eingebunden waren.

„Wir fühlten uns nicht hilflos. Wir waren mittendrin. Ich bin glücklich, das erlebt zu haben, aber auch traurig, dass heute schon wieder alles vorbei sein soll“, so Bewohnerin Renate, die ihren Tränen freien Lauf ließ. „Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann einmal wieder“. Dabei gebe es hier im Hause immer etwas zu tun. „Kein Tag, auf den ich hier verzichten möchte. Es ist schon großartig, was hier alles für uns getan wird. Und dennoch: Die Arbeitsgemeinschaft mit den Azubis war für uns schon etwas ganz besonderes“, fügt Renate an.

Was ist Multiple Sklerose?

So viel steht fest: Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und die zweithäufigste Krankheit im frühen und mittleren Erwachsenenalters. Von wenigen Erstbeschwerden bis hin zu einer schweren Behinderung äußert sich MS bei jedem Betroffenen anders. Obgleich die Forschung große Fortschritte gemacht hat, sind die genauen Ursachen für den Ausbruch der Multiplen Sklerose bis heute nicht bekannt. Auffallend ist allerdings, dass Frauen doppelt so häufig an MS erkranken wie Männer. Alle Therapien zielen zurzeit darauf hin, den betroffenen Menschen das Leben so angenehm zu gestalten als eben möglich.

Dank des Linerhauses

Zum Abschied überreichte Linerhaus-Stiftungsleiter Gerd Ney Pralinen und eine Sonnenblume an alle Beteiligten. „Die Sonnenblume ist ein Teil des Logos des Linerhauses und steht für eine kleine Sonne, Licht und Leben sowie Fröhlichkeit, Spaß und menschliche Wärme“, klärte er auf. Und in Richtung an die Sparkassen-Azubis: „ Ziel des Projektes war es, ihre Persönlichkeiten reifen zu lassen, Handlungskompetenz und Sozialkompetenz zu stärken. Wir hatten uns lange gefragt, ob dies nicht eine Nummer zu groß für alle Beteiligten sei. Doch heute erlebe ich fröhliche, zugewandte und offene Azubis, Mitarbeiter und Bewohner und zusätzlich wunderbare fertiggestellte Projekte. Sie haben das großartig gemacht“. Gert Neumann

Von Gert Neumann