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Reportage Flattermänner
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11:38 08.09.2016
Meißendorf

Irina Würtele ist erfolgreich: Die Biologin und Fledermaus-Regionalbetreuerin hat gemeinsam mit den künftigen Fledermausbotschaftern in einigen der auf dem ehemaligen Teichgut Sunder aufgehängten Kästen vier Fledermäuse entdeckt.

Sie steht mitten im Wald, hält einen Großen Abendsegler vorsichtig in ihrer Hand und zeigt ihn den umstehenden Teilnehmern des Seminarmoduls „Praktische Artbestimmung von Fledermäusen“. „Ganz typisch sind die langen Ohren und die große Spannweite“, sagt sie und beginnt, das Tier zu vermessen. Gewicht: 31,1 Gramm, Unterarmlänge: 54,9 Millimeter. „Die Hoden und Nebenhoden sind gut gefüllt: Das Tier ist paarungsaktiv“, fasst die Expertin einige Merkmale zusammen. Durch Balzrufe versuche das Tier nun, Weibchen anzulocken, denn Fledermäuse bilden Harems, weiß Würtele. „Und der riecht typisch nach großem Abendsegler“, kommt sie dem Tier mit ihrer Nase ganz nahe.

Wichtig: „Eine Fledermaus sollte man - so wie alle Wildtiere - niemals mit bloßen Händen anfassen, um sich vor Bissen zu schützen: Denn Fledermäuse können auch beißen. Es sind aber keine Vampire. Bei uns gibt es keine Fledermäuse, die sich von Blut ernähren.“

Die meisten stehen auf der Roten Liste

Mit Beginn des Jahres startete der Nabu sein neues Projekt, das von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung gefördert wird. Interessierte in ganz Niedersachsen können sich während dieses Projektes zu „Fledermausbotschaftern“ ausbilden lassen. „Die Botschafter werden eine wichtige vermittelnde Funktion zwischen bereits aktiven Fledermausfachleuten und Bürgern übernehmen, um den Fledermausschutz in allen Regionen Niedersachsens weiter zu stärken“, sagt der Nabu-Landesvorsitzende, Holger Buschmann. „Die Akzeptanz für diese für viele Menschen immer noch unheimliche Tiergruppe ist eine der wichtigsten Voraussetzungen zu deren Schutz.“ Grundsätzlich seien Fledermäuse recht selten geworden, die meisten Arten stehen auf der Roten Liste. Darum sei es nötig, dass sich Menschen darum kümmern.

Fast in jedem Landkreis gibt es schon Fledermausexperten, die hervorragende Arbeit leisten. „Aber die haben zu viel Arbeit und können kaum das bewältigen, was an Fragen aus der Bevölkerung kommt.“

In dem auf drei Jahre konzipierten Nabu-Projekt geht es darum, Fragen aus der Bevölkerung zum richtigen Umgang mit Fledermäusen adäquat zu beantworten, Anfragen zu Exkursionen und Vorträgen entgegen zu nehmen und auszuführen, vorhandene Quartiere zu betreuen und Kartierungen vorzunehmen. „Die Ausbildung zum Fledermausbotschafter findet daher in acht unterschiedlichen Regionen Niedersachsens statt“, beschreibt Ralf Berkhan das Projekt, für das er beim Nabu verantwortlich ist. Etwa 80 Fledermausbotschafter sollen dann ihre Arbeit aufnehmen können.

Über mehrere Monate verteilt werden fünf Module mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten. Dabei geht es um Themen wie Biologie und Ökologie der Fledermäuse, praktische Artbestimmung, Artenschutzmaßnahmen, rechtliche Grundlagen und Kommunikationstraining sowie um Öffentlichkeitsarbeit.

„Ich finde die Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema ganz wichtig“, sagt Sabine Bär aus Uetze. Sie habe kürzlich in ihrem Umfeld mit einer Wochenstube mit 99 Breitflügelfledermäusen zu tun gehabt und konnte den Eigentümer des Gebäudes, in dem sich die Tiere niedergelassen hatten, davon überzeugen, dass Fledermäuse keinen Schaden anrichten. „Ich möchte gern die Fledermausbetreuer bei ihrer Arbeit unterstützen“, verdeutlicht Bär, die seit 30 Jahren Nabu-Mitglied ist, ihr Motiv. „Wir Menschen machen uns immer mehr breit, zersiedeln die Landschaft und rauben so den Fledermäusen wichtige Lebensräume. Ich hoffe, dass ich die Menschen in meiner Ortschaft für das Thema sensibilisieren kann.“ Vielleicht steige so auch die Bereitschaft, Quartiere für Fledermäuse zur Verfügung zu stellen. Jetzt hält sie zwei Fledermäuse in kleinen Beuteln in ihren Händen, um die Tiere zu bestimmen und zu dokumentieren.

Viel zu wenige Experten im Land

Die Anzahl der vorhandenen Fledermausfachleute in einem Flächenland wie Niedersachsen sei viel zu gering, um den Erfordernissen gerecht werden zu können, findet Nabu-Chef Buschmann. „Die Betreuung von vorhandenen Quartieren, Kartierungen und nicht zuletzt auch die Frage von Fledermausfreunden, wie Fledermäusen auch auf dem eigenen Grundstück geholfen werden kann, führen zu einer breiten Fülle an Aufgaben.“ Bevor die neuen Fledermausbotschafter dann eigenständig loslegen können, werden sie Fledermausfachleute bei deren Arbeiten begleiten. „So haben sie die Möglichkeit erste praktische Erfahrungen zu sammeln.“

Bernd Hermening macht schon in der Biber-AG in Laatzen mit: „Es macht mir unheimlich viel Spaß, auf Veranstaltungen Menschen Tiere näher zu bringen oder auch Führungen anzubieten, bei denen ich Tiere vorstellen kann.“ In der Regel seien die Leute sehr daran interessiert. „Gerade bei gefährdeten Arten, die auch in der Stadt leben, ist das so eine Sache, den Menschen überhaupt zu zeigen, dass die Tiere da sind.“ Fledermäuse richten ja keinen Schaden an. „Für mich persönlich ist es so, dass man mit ganz anderen Augen durch die Stadt oder Natur läuft.“ Areale wie Eilenriede und Maschsee stehen bei ihm ganz oben an.

Seit 25 Jahren eine Erfolgsgeschichte

Erst vor 25 Jahren begannen Naturschützer in Niedersachsen in größerem Umfang mit aktiven Schutzmaßnahmen für Fledermäuse. So startete eine Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. Nicht nur die Bestände einiger Fledermausarten erholten sich langsam, auch das Ansehen aller Fledermausarten verkehrte sich nach Meinung des Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz ins Gegenteil: Heute haben Fledermäuse eine stetig wachsende Fan-Gemeinde. Auf der Liste der heimischen Fledermäuse stehen 18 Arten – von A wie Abendsegler über M wie Mückenfledermaus bis Z wie Zwergfledermaus.

Inzwischen hat Irina Würtele wieder ein Exemplar in ihrer Hand: „Das ist eine Fransenfledermaus. Achtet bitte auf die typischen Ohren. Die sind tütenförmig.“

Von Lothar H. Bluhm