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Reportage Gelebte Integration in Hermannsburg
Mehr Reportage Gelebte Integration in Hermannsburg
18:08 19.10.2016
Hermannsburg

Im Bewegungsraum herrscht munteres Treiben. Kinder drehen sich auf der Nestschaukel im Kreis, klettern, laufen oder rutschen. Es ist ein Dienstagmorgen in der Evangelischen Kindertagesstätte Pusteblume in Hermannsburg. Ein Mädchen sitzt noch ein paar Minuten auf dem Schoß seiner Mutter, gesellt sich dann aber zu den anderen Kindern: Leana. Hellblonde Haare, blaue Augen. Heute trägt sie ein schwarzes T-Shirt, auf dem mit roten Druckbuchstaben ihr Name steht, eine rosafarbene Hose und gestreifte Socken.

Halb neun: Sabine Liebau ruft alle Kinder der Marienkäfer-Gruppe zur Guten-Morgen-Runde. Leana nimmt ihren Platz neben der Erzieherin ein, die ihr gleich einen Auftrag erteilt: mit ihr zusammen alle „Marienkäfer“ durchzählen. Liebau begleitet sie durch den Kreis und hilft ein wenig bei den Zahlen. 13 sind es heute, einer fehlt. Nach etwas Frühsport mit Klatschen, Beugen, Strecken zaubert die Erzieherin einen „Kastanienschatz“ hervor. „Jeder darf sich fünf Kastanien herausnehmen.“ Alle Kinder stürzen sich auf die Schüssel, auch Leana. Sie nimmt vier Stück, hält sie in der rechten Hand, legt sie vor sich auf den Boden, nimmt sie wieder auf, legt sie wieder hin. Liebau ermuntert sie, noch eine fünfte Kastanie zu holen. Dann erzählt sie die Geschichte von den Kastanien, die von Marienkäfern mit nach Hause genommen wurden. Noch ein Herbstlied zur Gitarre und das Tagesgebet, dann entlässt Liebau die Kinder in den Tag. In Nullkommanichts haben sie sich wieder verteilt, Leana ist mit zwei Jungs auf die Schaukel geklettert und lässt sich mit ihnen ganz entspannt von einem dritten Jungen herumwirbeln.

Gruppen bestehen nur auf dem Papier

Anfang 2014 hat die Kita erstmals eine Integrationsgruppe eingerichtet und vier Mädchen mit Down-Syndrom aufgenommen. Eins davon ist Leana, die ich heute durch den Vormittag in der „Pusteblume“ begleite. Integrationsgruppe, erläutert Leiterin Britta von der Ohe, das sind drei Mitarbeiter, darunter eine heilpädagogische Fachkraft, auf 18 Kinder mit und ohne Behinderung. Ansonsten gibt es noch eine Kleingruppe mit zehn Kindern und einer Erzieherin und eine Regelgruppe mit 25 Kindern und zwei Erzieherinnen. Diese „Gruppen“ bestehen jedoch nur auf dem Papier. Von der Ohe nennt sie „Kopfgruppen“. Tatsächlich sind die Kinder in vier „Herzgruppen“ eingeteilt, die „Feuerkäfer“, „Marienkäfer“, „Elefanten“ und „Luftballons“, die von je einer Erzieherin geleitet werden. „Hier geht es um Bindung und Beziehung.“ Da die Kita insgesamt mit einem „offenen Konzept“ arbeitet, sind die Kinder die meiste Zeit des Tages aber ohnehin nicht in ihren Gruppen zusammen, sondern jedes Kind kann sich dort aufhalten, wo es gerade möchte, im Bewegungsraum oder im Garten toben, im Bauraum Baggerfahrer spielen, sich im Mal- und Werkraum kreativ betätigen oder im Traumzimmer entspannen. Das gilt auch für die Integrationskinder, denen eine größtmögliche Teilhabe am normalen Leben ermöglicht werden soll.

Nachdem sie sich ausgetobt hat, sitzt Leana mit sechs anderen Kindern und mir an einem Tisch im „Restaurant“ und isst Cornflakes. Während der Junge neben mir mich gleich anspricht, widmet sich Leana ganz ihrem Frühstück. Auf Fragen antwortet sie zögerlich. Diese Zurückhaltung entspreche ihrem Charakter, erklärt mir später die Leiterin, und sei nicht unbedingt typisch für Down-Syndrom-Kinder. Die können durchaus kommunikationsfreudig sein. „Sie sollten mal Chayenne erleben.“ Die, ebenfalls ein Down-Syndrom-Kind, gehe sehr forsch auf andere zu.

Miteinander reden ist ganz wichtig

Den Blick aufs einzelne Kind gewinnen, das ist auch für Dorothee Meyer zentral in ihrer Arbeit. Meyer, die bereits bei der Lebenshilfe Celle mit behinderten Kindern gearbeitet hatte, wurde als zusätzliche Erzieherin für die Integrationskinder eingestellt und ist gerade dabei, ihre Weiterbildung zur heilpädagogischen Fachkraft abzuschließen. Gemeinsam ist den Down-Syndrom-Kindern aber, dass sie Entwicklungsverzögerungen haben, beim Sprechen, bei den motorischen Fähigkeiten, beim Begreifen neuer Dinge. Meyer: „Sie verstehen langsamer und man braucht viel Zeit und Geduld.“ Zusätzlich erhalten die vier Mädchen in der „Pusteblume“ von externen Fachkräften Sprach-, Physio- und Ergotherapie, und einmal im Monat kommt ein Heilpädagoge, der die Entwicklung der Kinder verfolgt.

Inklusiv sein bedeutet aber auch, dass alle Erzieherinnen für alle Kinder Verantwortung tragen. Jede Erzieherin kümmert sich um behinderte wie nicht behinderte Kinder, auch Dorothee Meyer. Sie ist keiner festen Gruppe zugeteilt, sondern unterstützt bei Bedarf und überlegt, was da und dort verbessert werden kann. Wichtig ist auch der Austausch untereinander. Meyer: „Wir sprechen ganz viel miteinander, wenn es Fragen gibt oder jemandem etwas aufgefallen ist.“ Zwei Jahre hatte die Kita Zeit, sich auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Und auch die Eltern der anderen Kinder mit ins Boot zu holen. Das sei aber kein Problem gewesen. Von der Ohe: „Wir hatten mit kritischen Stimmen gerechnet, aber die gab es gar nicht.“

Die Entwicklung der Integrationskinder wird besonders sorgfältig dokumentiert. Nicht nur die Eltern werden darüber auf dem Laufenden gehalten, sondern auch die Ämter. Da alle vier Integrationskinder dieses Jahr sechs werden, dreht sich viel um die Frage, auf welche Schule sie nächstes Jahr gehen sollen. Leana möchte und soll auf die inklusive Grundschule in ihrem Wohnort Hermannsburg gehen. Bei manchen Kindern könne es aber sinnvoll sein, sie in spezielle heilpädagogische Schulen zu schicken, um ihnen die bestmögliche Förderung zu geben, erläutert von der Ohe.

Kurz nach zehn: Leana lernt Englisch. Andra Wrogemann, die die Sprache spielerisch vermittelt, legt gelbe Karten vor sich auf den Boden: ein Knie, ein Mund, ein Augenpaar. „What is this?“ „Knee“ - „mouth“ - „eyes“. Während die meisten Kinder aufmerksam mitmachen, dreht Leana sich irgendwann auf den Bauch und wendet sich vom Geschehen ab. Wrogemann gelingt es, sie wieder einzubeziehen. Allerdings nur auf Deutsch. Dann zieht Leana sich wieder ein Stück zurück, wirft eine Karte in die Luft oder kaut auch mal an ihrem Zeh. Der Englischunterricht ist für sie noch recht neu, und sie braucht eben etwas mehr Zeit als die anderen, um sich einzufügen. Am wichtigsten ist erst einmal, dass Leana bei allem dabei ist, denn – wie von der Ohe erklärt – „Down-Syndrom-Kinder lernen viel durch Abschauen und Nachahmen.“

In der Marienkäfer-Gruppe bei Sabine Liebau hat Leana sich längst akklimatisiert. „Am Anfang hat Leana sich viel mit sich selbst beschäftigt, jetzt ist sie voll dabei, macht alles mit und ist ein ‚Marienkäfer‘ wie jeder andere“, erzählt die Erzieherin. Das zeigt sich auch in der Akzeptanz bei den anderen Kindern, für die die Down-Syndrom-Kinder ganz selbstverständlich dazugehören. Dorothee Meyer: „Manchmal werden die Integrationskinder etwas rücksichtsvoller behandelt, aber wie andere Kinder auch kriegen sie auch mal einen Wutanfall ab“. Und weil zum Beispiel Leana ein sonniges Gemüt hat, sei sie von Anfang an sehr beliebt gewesen. Als sie das erste Mal von einem nicht behinderten Kind zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wurde, habe ihre Mutter vor Freude geweint. Das hatte sie nicht für möglich gehalten.

Richtig heiß auf Kindergarten

Nach dem Englisch-Unterricht sitzt Leana im „Schuli-Raum“ für die Vorschulkinder und malt und schnippelt gemeinsam mit Lienna, einem nicht behinderten Mädchen. Das Handhaben von Stift und Schere fällt ihr noch schwerer als Lienna, aber sie hat wieder eine Gelegenheit, durch Abgucken zu lernen. Als sie schließlich gegen halb zwei von ihrer Mutter abgeholt wird, hat Leana es überhaupt nicht eilig, nach Hause zu kommen. Sie möchte mit Mama singen: „Der Mond ist aufgegangen“, „Häschen in der Grube“ und, und, und. Mama fügt sich und streikt erst bei den Weihnachtsliedern. Für heute ist Leanas Kindergartentag zu Ende, aber morgen wird sie sicher wieder genauso munter dabei sein. Ihre Mutter: „Morgens nach dem Frühstück will sie immer schnell los, um auf keinen Fall zu spät zur Guten-Morgen-Runde zu kommen.“

Von Sonja Richter