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Reportage Graffiti-Workshop in Celle bringt das Sprayen bei
Mehr Reportage Graffiti-Workshop in Celle bringt das Sprayen bei
21:00 21.09.2016
Celle Stadt

Frank Ehlert hat den richtigen Moment verpasst. Höchste Aufmerksamkeit ist Ungeduld gewichen. Ehlert sieht es nicht, er steht mit dem Rücken zur siebenköpfigen Schülergruppe, die es gar nicht mehr abwarten kann, die schneeweiße Wand auf dem Außengelände der CD-Kaserne bunt zu sprühen. Auf diesen Augenblick haben sie hingearbeitet. Jeder hat seinen Entwurf in der Hand. Ehlert erklärt und demonstriert mit Gelb und Orange und beginnt einen eigenen Schriftzug. Der Künstler in ihm hat die Oberhand gewonnen über den Pädagogen. Sechs Schritte hat er als Anleitung auf die Wand geschrieben – natürlich per Dose: „Bis Punkt vier, dem Hintergrund, ist es langweilig, erst mit den Outlines wird es spannend“, sagt er, und dann fällt der Startschuss.

Zum Teilnehmerkreis gehören noch zwei weitere Personen, von denen die eine sagt: „Ich kann nicht malen“, und dennoch ist sie Dreh- und Angelpunkt. Dietrun Otten von der Eberhard-Schlotter-Stiftung hatte die Idee zum Graffiti-Workshop. Gemeinsam mit dem freien Mitarbeiter, Karl Thun, hat sie ihn organisiert für Jugendliche ab 14. „Was ist das denn für eine Schmiererei? Solche Sätze kenne ich doch von meinen Bekannten“, erzählt Thun, „es ist eben wichtig, den Hintergrund zu kennen“. Mit dieser Aussage hat er eine wichtige Gruppe ins Spiel gebracht, all diejenigen, die sich – oft zu Recht – aufregen über farbige Hinterlassenschaften an Mauern oder anderen Flächen im öffentlichen Raum.

LieblingsfachKunst

Auch wenn Sprühen zur Kunstform geworden ist, und sich Werke des Genres zwischen Picasso und Beuys wiederfinden, gehören nächtliche illegale Malzüge nach wie vor zur Szene. Für den genannten Hintergrund steht mit Frank Ehlert der Richtige bereit. „Ich bin über Graffiti zur Kunst gekommen“, sagt der Celler, der mittlerweile in Hannover lebt und dort an einer Schule unterrichtet. Aber bevor er in die Rolle des Leiters schlüpft, reiht er sich zunächst einmal in die Teilnehmergruppe ein und lässt sich von der Kunsthistorikerin Otten einige Entwürfe des Programms „Kunst am Bau“ präsentieren, die die Stiftung aktuell als Teil der Ausstellung „Es beginnt die 50er Jahre“ zeigt. „Kunst am Bau“ wurde aufgelegt, um die rein funktionale Nachkriegsarchitektur nicht ganz so trist aussehen zu lassen. „Das Programm gibt es heute noch, aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist es doch so gut wie nicht vorhanden, während Graffiti, sozusagen die illegale Variante, in aller Munde ist“, erläutert Otten.

Sie sah die Parallele und wollte die Möglichkeit für museumspädagogische Arbeit nicht ungenutzt lassen. Die Chance, damit auf fruchtbaren Boden zu stoßen, scheint gut: „Es hat was, wenn man nicht ins Museum gehen muss“, „seit drei Jahren male ich“, oder „ich habe mich vorher nicht groß mit Graffiti befasst, ich zeichne anders“, sind Äußerungen, die die Kunstbegeisterung der Jugendlichen offenbaren. Kunst ist ihr Lieblingsfach. Nur einen kurzen Moment ist es im museumspädagogischen Raum des Bomann-Museums wie in der Schule: Ehlert hat ein Blatt mit Graffiti-Vokabeln mitgebracht und lässt reihum vorlesen. Workshops zur Kunst aus der Sprühdose sind keine Seltenheit mehr. Es gibt Fachmagazine und offizielle Aufträge von Stadtteilbürgermeistern, Banken und Sparkassen oder auch der SVO.

Ein kurzer, unspektakulärer Satz gilt als der Ursprung: „Ich war hier“, wollte der griechische Botenjunge den New Yorkern mitteilen, also hinterließ er seine Signatur TAKI183 überall dort, wo er auslieferte. Am 21. Juli 1971 berichtete die New York Times über den bis dahin geheimnisumwitterten Schreiber. „New York war arm“, erzählt Ehlert, während die Entwürfe für die große Wandmalerei am folgenden Tag Gestalt annehmen. „Es schien egal zu sein, ob man die U-Bahn-Waggons nun bemalte oder nicht“, erläutert Ehlert den nächsten Schritt der ersten New Yorker Sprüher, die anfingen, Buchstabenkombinationen auf Zügen zu hinterlassen, damit der Verbreitungsradius sich erweiterte. Dabei ging und geht es nicht um Botschaften – der weltbekannte Streetart-Künstler Banksy ist mit seinen gesellschaftskritischen Werken eher die Ausnahme.

„Graffiti ist für mich immer Schriftzug“, sagt Ehlert. Ob Bild oder Buchstaben – Auffallen ist wichtig, Zurückgenommenes eher selten. Komplexität, Farben, gewagte Gestaltung, Leuchtkraft, starke Kontraste - allesamt Instrumente, um Buchstaben Charakter zu geben und sich szeneintern einen Namen zu machen, also „Fame“ zu erlangen. Der Grad des Ruhmes spielt eine Rolle, ob „Tags“, wie die Signaturen unter Sprühern heißen, übermalt werden oder nicht. „Man guckt schon auf Tags“, sagt Ole. Er beschäftigt sich schon seit drei Jahren mit Graffiti und ist damit den anderen voraus. „Das sieht schön aus, wenn man es kann“, begründet Katy ihre Teilnahme. „Ich mag die Kritik an der Gesellschaft“, wirft ihre Freundin Vicky ein. Und Constantin findet die Idee, Buchstaben zu gestalten, einfach lustig.

Anders als überSprache ausdrücken

Nur wenige Minuten ist Dietrun Otten nervös. Sie ist ein Profi in museumspädagogischer Arbeit, lange hat die gebürtige Cellerin in Wien vorzugsweise mit Zwölf- bis Achtzehnjährigen gearbeitet. „Die Jugendlichen erhalten Gelegenheit, sich anders auszudrücken als über Sprache. Ich möchte die Hemmschwelle fürs Museum herabsetzen“, erläutert sie. Bei diesem Workshop ist sie sich jedoch ein wenig unsicher. Einerseits weil es in Celle für sie und die Stiftung eine Premiere, andererseits weil der Zugang zur Schlotter-Ausstellung nicht ganz einfach ist. „Das gibt mir viel Bestätigung“, freut sie sich sichtlich, als die Gruppe am zweiten Tag nicht nur komplett, sondern auch auf die Minute pünktlich um die Ecke biegt. „Viele sagen, ich sehe da nichts“, greift Ehlert die von Thun angeführte Kritik an Graffiti nochmal auf: „Man muss einen Blick dafür bekommen, mal ein Stück zurückgehen. Da steht immer irgendwas.“

So ist es auch am Ende dieses Workshops: Neun unterschiedliche Schriftzüge sind auf der mittlerweile komplett bunten Wand zu lesen. Das wichtigere Ergebnis ist jedoch noch unsichtbar. Eventuell wird es Gestalt annehmen als ein winziger Mosaikstein auf dem Weg der Jugendlichen zu persönlicher und künstlerischer Entfaltung.

Von Anke Schlicht