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Reportage Heide entkusseln: Härter als jedes Workout
Mehr Reportage Heide entkusseln: Härter als jedes Workout
17:01 14.11.2018
Von Carsten Richter
In der Gemeinschaft etwas für die Natur tun: die freiwilligen Helfer vom Wietzer Berg. Quelle: Kimberly Wojahn
Müden (Örtze)

Es knarzt gewaltig, als sich der Spaten ins Erdreich bohrt und auf eine Baumwurzel trifft. Wieder ein Stück geschafft. Aber immer noch sitzt der junge Birkenkeimling fest in der Erde. Kein einfaches Unterfangen. Doch aufgeben gilt nicht. „Zusammen schaffen wir das“, sage ich zu Malte Borges. Der Zwölfjährige ist mit Arbeitshandschuhen und Knieschützern optimal ausgerüstet. Er fasst den Spaten am Griff an und drückt ihn mit beiden Armen kräftig nach unten, ich trete gleichzeitig mit einem Fuß fest auf das Spatenblatt – wieder löst sich ein Stück des gewaltigen Wurzelwerks.

Zum Arbeiten in der Heide: Eine Premiere

Arme, Beine, Rücken: Rund um den Wietzer Berg bei Müden werden an diesem Samstagvormittag etliche Körperteile in Anspruch genommen. Mit 25 Helfern bin ich in der Heidefläche unterwegs. Schon oft war ich mit Freunden oder der Familie hier – zum Spazierengehen oder Picknicken. An diesem Tag aber packen alle ordentlich an. Es ist mal wieder Zeit zum Entkusseln. Der Begriff stammt aus der Landschaftspflege – und genau darum geht es. Um die Heideflächen von jungen Gehölzen, sogenannten Kusseln, zu befreien, haben sich die freiwilligen Helfer zusammengefunden.

Wo keine Schnucken sind, greift der Mensch ein

Das ist notwendig, damit die jungen Bäume – überwiegend Kiefern und Birken – nicht größer werden und aus der Heidelandschaft kein Wald wird. „Die Heide würde nicht nachwachsen und kaputt gehen, da ihr durch die Bäume das Licht fehlen würde“, erklärt Volker Nickel vom Müdener Vereinsstammtisch, der die Aktion zum zehnten Mal gestartet hat. Zwei Jahre liegt das letzte Entkusseln zurück. „In diesem Gebiet gibt es keine Heidschnucken, die die jungen Triebe abfressen“, so der Müdener Ortsvorsteher – deshalb muss der Mensch eingreifen, um das idyllische Landschaftsbild mit den weiten Heideflächen zu erhalten. „Wir sind heute sozusagen Heidschnucken auf zwei Beinen“, sagt Nickel und schmunzelt.

Der Wietzer Berg mit dem Löns-Gedenkstein ist bei Einheimischen, aber auch bei Gästen beliebt. „Müden ist ein Touristenort. Es ist für uns eine Verpflichtung und ein Bedürfnis, die Heide zu erhalten“, betont Nickel. Alle zwei Jahre genügt es, die Landschaft in Ordnung zu halten. „Wir nehmen uns immer eine andere Fläche vor.“

Kleine Gruppen erleichtern das Arbeiten

Es ist 9.30 Uhr auf dem Wanderparkplatz an der Landesstraße zwischen Willighausen und Müden. Zunächst werden die Gruppen eingeteilt, dann geht es los. Ausgestattet mit Gummistiefeln, Spaten, Gartenschere oder Astschere, setzen sich die kleinen und großen Landschaftspfleger in Bewegung. Auf den heidetypischen Sandböden geht es querfeldein in Richtung Lönsstein. Hier verteilen sich die Gruppen. Schnell stellt sich heraus, dass es einfacher ist, zu zweit oder zu dritt zu arbeiten. Das erleichtert die Arbeitseinteilung. Der eine greift zur Motorsense, der andere vertraut lieber auf die eigene Muskelkraft. Jeder so wie er kann und möchte.

Birken mit der Wurzel ziehen

Kirsten Blümcke ist mit ihrer Familie – Ehemann Rudolf (53), Sohn Samuel (15) und Tochter Hannah (12) – schon zum vierten Mal dabei. Den Birkenkeimling, der rund 30 Zentimeter aus der Erde ragt, aber bereits kräftige Wurzeln hat, lässt die 51-Jährige stehen. Sie versucht sich an kleineren Sträuchern, die leichter aus der Erde zu ziehen sind. „Birken müssen mit der Wurzel gezogen werden, sonst treiben sie aus“, erklärt Volker Nickel. Bei den kleinen Kiefern hingegen genügt es, sie so tief wie möglich abzuschneiden. „Die Arbeit geht ganz schön in den Rücken“, sagt Blümcke. Dennoch strahlt sie, als sie sieht, was sie geschafft hat. „Es ist ein schönes Gefühl, in der Natur zu arbeiten und dabei noch etwas für unser Dorf zu tun“, erzählt die Müdenerin zufrieden.

Müden bereitet sich auf's Jubiläum vor

Auch ich fühle mich wohl an der frischen Luft – allerdings liegt mein Einsatz ja auch erst noch vor mir. Bevor mir Volker Nickel Spaten und Schere in die Hand drückt, geht es in die Ortsmitte Müdens. Denn auch hier wird etwas für die Verschönerung getan. Obwohl ja das Heidedorf schon an sich eine echte Perle ist. Aber die Zeit bleibt eben nicht stehen – Stichwort: Müden 2022. Dann steht die große Jubiläumsfeier zum 1000-jährigen Bestehen des Ortes an. Erste Ideen dazu wurden vor gut zwei Jahren im Rahmen eines Workshops gesammelt – dazu zählt auch die Aufwertung des alten Dorfkerns. Unter anderem soll das Verbindungsstück zwischen dem Heuweg und dem Wilhelm-Martens-Weg reaktiviert werden. Soll heißen: Dieser Abschnitt wird wieder begehbar gemacht, und zwar so, dass auch Menschen mit Rollatoren oder Kinderwagen ihn bequem nutzen können. Dazu haben sich am Samstag weitere 15 Freiwillige gefunden.

"In der Gemeinschaft etwas zu tun, macht Spaß"

Während Matthias Springhorn mit dem Bagger immer wieder neues Mineralgemisch anliefert, verteilen es die anderen Helfer auf dem Boden und streichen es mit der Harke glatt. Weich und geschmeidig fühlt sich das Material beim Betreten an. Aber noch ist er nicht für alle passierbar. „In einem halben Jahr ist der Boden verdichtet“, sagt Peter Abitz, der Vorsitzende der Kyffhäuserkameradschaft Müden – einer der drei Vereine, die sich bei der Aufbesserung des Weges engagieren. Als gebürtigem Müdener ist es ihm wichtig, sich für sein Dorf einzubringen. „In der Gemeinschaft etwas zu tun, macht Spaß“, sagt er.

Auch der Angelsportverein Müden/Faßberg und die Angelsportgemeinschaft Müden packen fleißig mit an. „Für die Gemeinde ist die Umgestaltung eine freiwillige Leistung“, erklärt Karsten Springhorn, dem der Weg gehört – daher sind die ehrenamtlichen Helfer gefragt. Er hat auch schon genaue Vorstellungen, wie das neue alte Verbindungsstück heißen soll: „Das wird einmal der Müllern-Herrn-Weg“, sagt er. Hermann Müller war Springhorns Urgroßvater. Jahrzehntelang war Müller, der 1935 gestorben ist, Gemeindevorsteher. Er gehörte dem Kirchen- und Schulvorstand an und engagierte sich darüber hinaus in verschiedenen Ausschüssen.

Mit dem Lader werden Abfälle eingesammelt

Zurück zum Wietzer Berg. Kirsten Blümcke erklärt mir, dass die auf Haufen liegenden abgeschnittenen Pflanzen möglichst eine Reihe bilden sollen. So wird Frank Tewes die Arbeit erleichtert. Er ist der Eigentümer der 18 Hektar großen Fläche, auf der an diesem Vormittag entkusselt wird. Während die Helfer weiterziehen, sammelt Tewes mit seinem Lader das Moos, die Äste und Zweige auf. Ein lautes Knirschen ertönt, sobald die riesige rote Walze darüber fährt und die natürlichen Abfälle „verschluckt“. Oft muss der Landwirt aus Willighausen rangieren – doch nach und nach arbeitet er sich voran.

Es knirscht, wenn die Wurzel bricht

Derweil sind Malte und ich noch immer damit beschäftigt, die junge Birke aus der Erde zu holen. Der Zwölfjährige zieht mit aller Kraft an den Zweigen, während ich mit dem Spaten nachhelfe. „Es fehlt nur noch ein kleines Stück“, ermuntere ich uns. Noch einmal ramme ich das Gerät fest in die Erde, knirschend zerbricht eine weitere Wurzel. Und siehe da: Malte hält stolz den Keimling mit all seinen Wurzeln und der feuchten Erde in den Händen – es ist vollbracht.

Nicht nur bei ihm, sondern bei allen Helfern meldet sich nach etwa drei Stunden anstrengendem Einsatz der Magen. Da kommt eine Tasse heiße Suppe mit Brötchen, die Kai Kresse zubereitet hat, gerade recht. Ein gutes Gefühl, etwas für die Erhaltung der Heidelandschaft getan zu haben. Da ist der Muskelkater in den Armen und Oberschenkeln am nächsten Morgen schnell wieder vergessen.

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