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Reportage Hinter den Kulissen der Celler Hengstparade herrscht emsige Betriebsamkeit
Mehr Reportage Hinter den Kulissen der Celler Hengstparade herrscht emsige Betriebsamkeit
16:33 24.09.2017
Quelle: Anke Schlicht
Celle Stadt

Mit dem Mann im grünen Kittel über kurzer Hose hat der Fahrer von Europas schnellster Quadriga, dem gerade 2000 Menschen bei der zweiten Celler Hengstparade zujubeln und der zurückzuwinken scheint, gar nichts mehr zu tun. „Die Leut‘ siehst gar net“, erzählt der Bayer weitab vom Paradeplatz. Ein großer Misthaufen ist aufgeschichtet vor den Boxen für seine zehn Haflinger, die er für seine erste große Schaunummer vorbereitet. „Mit die Pferde kann alles passieren, da musst schneller denken als die, immer konzentriert sein, bevor die auf die Idee kommen, nen Blödsinn zu machen.“ Zweieinhalb bis drei Stunden benötigt er für die Vorbereitung seiner Edelblut-Haflinger in höchster Fahrkultur, wie sie im Programm bezeichnet werden. Für jedes Tier braucht er bei der Anspannung einen Mann. „Mit den Gestütern hier klappt das bestens, obwohl Fremdheit durchaus eine Rolle spielt, Ruhe ist immer wichtig, Trubel gibt’s schon viel genug“, erklärt der Mann im grünen Kittel, der diesen erst ablegt, sobald er auf den Wagen steigt.

MIT DEN DICKEN PROBIEREN

17 Schaunummern warten bei den drei vierstündigen Paraden des Jahres auf die Zuschauer. Sattelmeister Eirik Erlingsen hat den schwierigsten Part schon hinter sich, nun bereitet er Heinrich Heine für eine Lektion der schweren Klasse vor. Beim Dressurquartett ist Können des höchsten Levels gefragt. Noch hängt die königlich-hannoversche Uniform in rot-gold vor der Box, alle benötigten Utensilien liegen oder hängen griffbereit. Obwohl alles in enger Abfolge absolviert werden muss und nicht viel Zeit für die Vorbereitung bleibt, herrscht sowohl bei den Hauptdarstellern als auch ihren Reitern Ruhe und Gelassenheit. Von Anspannung – zumindest bei den Menschen – keine Spur.

„Doch ich bin nervös“, sagt Annika Laue, die gegenüber vom Sattelmeister Knöpfe an der Uniform poliert. „Ich bin doch das erste Mal dabei“, begründet die Auszubildende im zweiten Jahr ihre Aufregung. „Alles muss sauber und ordentlich sein, die Mähne eingeflochten, keine Knoten im Schweif, das nennt man verlesen und die Hufe muss ich auskratzen“, fährt das junge Mädchen fort, während sie die Kandarre wienert. „Satteln und Bandagieren – das mache ich ganz zum Schluss“, erzählt Annika Laue, die an einem der Höhepunkte – der Großen Dressurquadrille mit 24 Pferden - mit ihrem Hengst Gandhi teilnimmt. Gandhi macht derweil seinem Namen alle Ehre, er steht wie all die anderen Hengste völlig unaufgeregt in seiner Box und wartet, wie er Stück für Stück herausgeputzt wird. Heinrich Heine trägt bereits Sattel und Bandagen, Erlingsen könnte schon aufsteigen, um sich in der Reithalle gegenüber fünfzehn bis zwanzig Minuten abzureiten. Aber für Fragen zum traditionellen Programmpunkt, der „Ungarischen Post“, steht er gerne noch zur Verfügung.

Er macht hier keine Ausnahme von den übrigen Gestütern, die jederzeit ansprechbar sind, auch für Fragen aus den Reihen der Zuschauer. Alle Abläufe scheinen hundertprozentig eingespielt zu sein, es bleibt Raum für Gelassenheit. Es war in der vergangenen Woche beim Auftakt eine Premiere, dass die „Ungarische Post“, bei der der Reiter auf zwei Pferderücken gleichzeitig steht, mit Kaltblütern dargeboten wurde. „Ich krieg‘ sie noch nicht so schnell, aber wir wollten es einmal mit den Dicken ausprobieren“, berichtet Erlingsen, der die nach eigener Aussage „coole Nummer“ so gerne mag, weil er über zwei Rösser gleichzeitig die Kontrolle haben muss und „sich dann eine Harmonie zwischen mir und den beiden ausbreitet“. Das Lächeln, das zur guten Show, die der junge Mann unbedingt bieten möchte, gehört, auch wenn er innerlich angespannt ist, stellt sich von alleine ein, „denn mir macht das Riesenspaß.“ Dafür nimmt er selbst heftigen Muskelkater in Kauf, „ich spanne Muskelpartien an, die ich sonst nie brauche“, sagt er abschließend und verlässt auf Heinrich Heine den Stall in Richtung Reithalle.

HARMONIE ZWISCHEN PFERD UND MENSCH

Weder die Musik noch die Moderation des Landstallmeisters Axel Brockmann sind hier oder den Ställen zu vernehmen. „Wie der Mann sich gibt, so benehmen sich auch die Pferde“, kommentierte Gestüter Hubertus Meyerholz am Rand des Platzes stehend die Aufwärmphase von Claus Luber mit seinem Zehnspänner. Luber verrichtet alle Arbeiten mit einer Gelassenheit, die auf seine Umgebung nicht ohne Wirkung bleibt. Entsprechend ruhig ist es rund um den Römerwagen, der noch ohne Pferd und Fahrer, aber bereits mit Römerhelm und Rüstung im Inneren, verwaist am hinteren Ende des Gestütsgeländes steht und auf die Vorbereitung des spektakulären Abschlussschaubildes wartet. Moderation und Musik dringen herüber und untermalen die langsame Verwandlung des zwischen Pferdemist und Kutschenachsen arbeitenden Mannes in grünem Kittel in den gefeierten „römischen“ Helden der Arena.

Von Anke Schlicht