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Reportage Hörgeräteakustiker aus Celle begleiten Schwerhörige über Wochen
Mehr Reportage Hörgeräteakustiker aus Celle begleiten Schwerhörige über Wochen
16:55 28.12.2016
Celle Stadt

Es ist noch nicht lange her, da waren es auffällige und unpraktische Rohre, dann kamen die ersten klobigen Geräte auf, in ein Brillengestell integriert oder direkt ins Ohr gesetzt – heute sind Hörgeräte klein und kaum zu bemerken, aber voll mit Technik. „Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland sind schwerhörig und durch Disco, MP3-Player oder stressbedingte Hörstürze sind es längst nicht mehr nur die älteren Menschen, die ein Hörgerät benötigen“, sagt Andreas Krahl, Geschäftsleiter des HörCentrums in Celle. Als Hörgeräteakustiker-Meister hilft er seinen Kunden, das für sie passende Hörgerät zu finden und damit ein Stück verloren gegangener Lebensqualität zurückzugewinnen – denn wer nicht mehr gut hören kann, zieht sich oft aus seinem Umfeld zurück.

Hörgeräteakustiker stellen Hörgeräte akribisch genau ein, reinigen und warten sie, üben das Einsetzen und die Bedienung mit den Kunden und sorgen dafür, dass die Ohrpassstücke gut sitzen, da jedes Ohr unterschiedlich ist. Kunden kommen zur ersten Beratung und Anpassung, zu Kontrollterminen oder weil ihr Hörgerät beschädigt oder nicht wie gewünscht eingestellt ist in das HörCentrum.

Höreindrücke der Kunden klar deuten

Fünf bis acht etwa dreißigminütige Termine braucht es in der Regel, bis ein Kunde nach gründlichem Ausprobieren das passende Hörgerät gefunden hat, mit allen Einstellungen zufrieden und mit dem Gerät vertraut ist. Über mehrere Wochen werden mindestens zwei verschiedene Geräte getestet und Einstellungen immer wieder fein gestimmt. Bei jedem Termin besprechen Hörgeräteakustiker mit den Kunden, wie sie das Tragen empfunden und was sie dabei erlebt haben. „Es erfordert viel Erfahrung, um das, was die Kunden an Höreindrücken beschreiben, klar deuten zu können“, sagt Krahl.

Hörgeräteakustiker arbeiten viel mit dem Computer, denn heutige Hörgeräte sind technische Wunderwerke, die je nach Hersteller in ihren akustischen Grundeigenschaften variieren und sich über den Computer einstellen lassen. Jeder Hersteller hat eine eigene Software, die zahlreiche spezifische Programme ermöglicht und sich ständig weiterentwickelt. Regelmäßige Fortbildung und Schulungen gehören deshalb fest zum Berufsbild des Hörgeräteakustikers.

So kann Krahl am Computer sogar sehen, wie oft und in welchen Situationen ein Hörgerät getragen wurde – das hilft besonders, wenn Kunden von sich aus nicht so viel erzählen oder das Gerät zu selten verwenden. „Kunden sollten die Geräte so oft wie möglich tragen, damit sich das Gehirn daran gewöhnen kann“, erklärt Krahl. „Sonst fehlt oft die Routine, die Batterien sind leer oder das Einsetzen fällt schwer, weil es nicht geübt wurde.“

Meeresrauschengegen Tinnitus

Die modernen Geräte werden im besten Fall nur über Nacht und unter der Dusche herausgenommen. Sie geben Signaltöne von sich, beispielsweise wenn die Batterien bald leer sind oder die maximale Lautstärke erreicht ist, lassen sich über eine kleine Wippe lauter oder leiser stellen und über eine Fernbedienung oder App ist auf Wunsch das Wählen zwischen individuellen Programmen möglich.

Beispielsweise können Hörgeräteakustiker Gegengeräusche wie sanftes Meeresrauschen gegen einen Tinnitus einstellen oder Programme individualisieren, die für eine ruhige oder laute Umgebung, für einen Spaziergang, ein Telefonat oder das Hören von Musik geeignet sind. „Bei sehr hörentwöhnten Menschen können wir auch programmieren, dass sich die Lautstärke am Anfang alle paar Tage etwas lauter stellt, damit sie sich langsam daran gewöhnen können“, sagt Franziska Weiß, Hörgeräteakustiker-Auszubildende im dritten Jahr. „Deshalb lässt sich das alles auch nicht in einer Sitzung feststellen. Die Kunden müssen ausgiebig testen, was ihnen in ihrem Alltag gefällt und was nicht und das müssen wir nachregeln.“

Dabei können insbesondere Feinheiten verändert werden, die die Kunden noch stören: „Hörgeräte bleiben Mikrofone. Aber die Kunden können entscheiden, inwiefern sie Störgeräusche wie das Klappern von Geschirr oder das Knistern einer Zeitung hören wollen, um ein natürliches Klangbild zu bekommen“, erklärt Weiß. Einstellungen werden für die Kunden im Computer gespeichert und können reaktiviert werden, wenn diese im Vergleich zu neuen Einstellungen doch passender erscheinen.

Eine Kundin trägt ihr Probegerät schon länger, hat jedoch festgestellt, dass sie auf einer größeren Feier kaum verstehen konnte, was die Person rechts von ihr sagte. Krahl verbindet ihr Gerät über einen Sender mit dem Computer und passt verschiedene Pegel darüber entsprechend ihrer Beschreibungen noch einmal an.

Er testet die neuen Einstellungen, indem er Aufnahmen von Wörtern und Zahlen über die Lautsprecher abspielt, seine Kundin nachsprechen lässt, was sie hört und dies im Computer vermerkt. Dann prüft er ihr Gehör noch einmal ohne das Hörgerät. Schließlich simuliert er eine laute Feier über die Lautsprecher und unterhält sich dabei mit der Kundin. Krahl ist zufrieden mit dem Ergebnis: „Das Hörgerät hat auf alle Fälle etwas gebracht. Sie haben viel mehr verstanden und auch schneller geantwortet als ohne das Gerät.“ Die neuen Einstellungen soll die Kundin noch einmal zwei Wochen testen.

Technik ändertsich permanent

In der Ausbildung lernen Anwärter alles, was sie über Akustik, Verstärkung und Schall, die Wartung und Pflege der Hörgeräte, Zubehör und Gehörschutz, den Umgang mit den Kunden und die Anatomie des Ohres wissen müssen. „Auch danach bilden wir uns ständig weiter, denn die Technik ändert sich permanent. Mittlerweile kann man Hörgeräte beispielsweise sogar mit dem Smartphone verbinden und sie darüber als Freisprechanlage oder Kopfhörer verwenden“, sagt Weiß. „Aber auch das beste Hörgerät ist nur eine Hilfe und kann das Ohr nicht ersetzen“, fügt Krahl hinzu. „Dafür ist es zu fantastisch von der Natur aufgebaut.“

Anwärter profitieren von einer Affinität zu Physik und Mathematik. „Außerdem sollte man kommunikativ und technisch interessiert sein, Einfühlungsvermögen für Menschen mit einer Hörbehinderung mitbringen und auf ihre Erwartungen so gut wie möglich eingehen können“, weiß Krahl. „Das Schöne an diesem Beruf ist die abwechslungsreiche Arbeit mit Menschen. Jeder ist unterschiedlich und hat andere Erwartungen und in der intensiven Zusammenarbeit baut man gute Beziehungen zu den Kunden auf.“ Und Weiß ergänzt: „Man hilft Menschen und kann ihr Leben ein bisschen bereichern.“

Von Marlene Schlüter