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Reportage In diesem Kino wird scharf geschossen
Mehr Reportage In diesem Kino wird scharf geschossen
11:24 25.08.2010
Das Outdoor-Schießkino im Schießpark Celler Land ist das einzige in Norddeutschland mit Tageslichtverhältnissen. An Bildschirmen und auf der projektionswand werden die Treffer genau gekennzeichnet. Quelle: Lothar H. Bluhm
Scheuen

Helmut Dammann-Tamke hat sich die Ohrstöpsel in den äußeren Gehörgang gesteckt. In seiner grünen Trachtenjacke betritt er den vorderen Bereich des Schießkinos und sieht auf der 8,40 mal 2,50 Meter großen Projektionsfläche die Wildschweine über den imaginären Waldweg trollen. Vor dem Regenschauer ist Dammann-Tamke gut geschützt, der Niederschlag wirkt aber ganz realistisch in der Jagdszene. „Das ist in etwa die Entfernung, die auch bei Treibjagden vorhanden ist“, sagt der Schütze. Gerade hier in der Lüneburger Heide.

Der Präsident legt an, schaut durchs Zielfernrohr und drückt ab. Nichts passiert: Die Waffe ist gesichert. Hegeringleiter Rolf Majehrke legt kurz Hand an. „Du hast das Recht des ersten.“ Jetzt kann es losgehen.

Erneutes Zielen, erneute Spannung, erneutes Abdrücken. Schuss. Knall. Auf der 35 Meter entfernten Projektionswand ist ein Schwarzkittel mit einem roten Punkt markiert. Treffer.

Der erste Schuss des Präsidenten der Landesjägerschaft Niedersachsen traf genau das Ziel. Zwischen Teller und Licht habe er gezielt, also zwischen Ohr und Auge des Schwarzwildes. Das Tempo des Schwarzkittels hat er dabei berücksichtigt. Das Schießkino ist offiziell freigegeben.

Regelmäßiges Training

ist wichtig

Gerade die Simulation der Schwarzwildjagd sei für die Jäger wichtig. „Denn vor dem Hintergrund des drohenden volkswirtschaftlichen Schadens bei einem möglichen Ausbruch der klassischen Schweinepest werden wir das Schwarzwild weiterhin scharf bejagen“, betont Dammann-Tamke. Die stetig wachsenden Anbauflächen von Grünroggen, Raps, Getreide und Mais bieten dem Schwarzwild fast ganzjährig Nahrung und Deckung. „Die Schwarzkittel sind Gewinner des Klimawandels.“ Immer wieder seien auch viele junge und schwache Tiere durch die Winter gekommen. Die zeitgleich vermehrt auftretende Eichen- und Buchenmasten bildeten nicht nur ein mehr als ausreichendes Nahrungsangebot, sondern erschwerten auch die Bejagung. „Umso wichtiger sei das gute Training“, ergänzt Naturschutzobmann Wolfram Ehrhardt. Es gelte, die Tiere waidgerecht zu erlegen.

„Wer seiner Verantwortung als Jäger gerecht werden will, kommt gar nicht daran vorbei, den Umgang mit der Waffe immer wieder zu trainieren“, lädt der Vorsitzende der Jägerschaft Celle, Günter Ilper, Jäger zum Training in Scheuen ein. „Das Schießkino trägt dazu bei, dass tierschutzgerecht gejagt wird und Fehlschüsse vermieden werden.“ Dabei habe niemand gern einen Schießstand in seiner Nähe, „weil es knallt“, stellt Ilper die Lage außerhalb der geschlossenen Ortschaften heraus. Dennoch gebe es gelegentlich Reibungspunkte bei der Zusammenarbeit mit Behörden. Mitunter seien einfach Unkenntnis und Unsicherheit bei manchen Sachverhalten die Ursache, wenn es hake, meint Ilper.

So gebe es unterschiedliche Auffassungen bei der Bleibelastung des Geländes. Insgesamt würden zirka drei Tonnen Blei jährlich anfallen und entsorgt werden.

„Hier können nicht nur die Prüfungsdisziplinen Bock und Kipphase geschossen werden, sondern es wird auch Wert auf Tontaubendisziplinen und das Schießen des laufenden Keilers gelegt.“

Die Jägerschaft Celle hat insgesamt 70000 Kubikmeter Erdreich in Scheuen seit der Übernahme des zwölf Hektar großen früheren Militärgeländes von der Bundeswehr bewegt. Als Ausgleich für den Eingriff in die Natur haben die Jäger viele Ersatzmaßnahmen realisiert. „So entstanden auf dem Gelände unter anderem neue Heideflächen, eine Wiese mit heimischen Blumenarten und ein neuer Mischwald.“ In einem der 27 Bunker, die auf dem Areal vorhanden sind, ist in guter Kooperation mit dem Naturschutzbund Deutschland ein Fledermausquartier eingerichtet worden. „Auf unterer Ebene verstehen sich die Leute ganz gut“, bemerkt Ilper im Hinblick auf häufig unterschiedliche Auffassungen der beiden Naturschutzverbände. „Außerdem wurde ein 70 Quadratmeter großes Feuchtbiotop für Amphibien angelegt. „Das ist ein idealer Lebensraum für Kröten und Libellen.“

Auf den zwei Flachbildschirmen sind die etwa 30 Sekunden langen Filmsequenzen und Szenen genau zu sehen. Von hieraus kann das Tempo variiert werden. Hier werden auch andere Situationen eingespielt. „Wir haben rund hundert Filme im Angebot“, freut sich Rolf Majehrke, der den gesamten Schießpark von der Celler Jägerschaft gepachtet hat und betreibt. „Allein das Kino hat etwa 160000 Euro gekostet.“ Das Besondere an dieser High-Tech-Anlage ist, dass es nach Angaben der Landesjägerschaft wohl das einzige in Norddeutschland ist, in dem bei Tageslichtverhältnissen mit Jagdwaffen aller Kaliber geschossen werden kann. Von sieben Millimeter bis 9,3 und Schrotflinten mit Kaliber zwölf.

Erhebliche Investitionen

umgesetzt

Insgesamt wurden in den Schießpark Celler Land 1,5 Millionen Euro investiert. „Den größten Teil haben die 1700 Mitglieder selbst aufgebracht.“ Hinzu kamen Spenden und Zuweisungen aus der Jagdabgabe. Die Plakette der Europäischen Union zeigt, dass es auch Gelder aus Brüssel gab.

Majehrke will den Schießpark künftig auch für Schulen und Kindergärten öffnen, um die Nähe zur Natur zu vermitteln und um Kinder für das Leben in der Natur zu sensibilisieren. Immerhin stelle die Überpopulation das Schwarzwildes ein großes Problem dar, das durch den vergangenen starken Winter zwar etwas reduziert wurde, aber nach wie vor bestehe: „Die Schwarzkittel kann man nicht mit dem Salzstreuer fangen – da muss man schon schießen.“

Inzwischen bittet Präsident Dammann-Tamke darum, eine lebendigere Filmsequenz zu zeigen, die eine größere Herausforderung an den Schützen darstellt. „Besser?“, fragt Majehrke nach dem ersten Stück. „Besser“, antwortet Dammann-Tamke, zielt und drückt ab. Schuss. Knall. Auch der zweite Schuss wird offiziell vom Präsidenten der Landesjägerschaft Niedersachsen ins Ziel gebracht. Waidmanns Heil.

Von Lothar H. Bluhm