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Reportage Junge Celler gemeinsam klangstark
Mehr Reportage Junge Celler gemeinsam klangstark
15:33 14.05.2014
Im Musikkeller der Pestalozzischule sitzen alle im Kreis und hören auf die anderen. Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Ganz behutsam und gefühlvoll bringt Marcel die vielen kleinen Kügelchen in der runden Ocean-Drum ins Rollen. Augen zu: Wie Meeresrauschen, erst leise und dann immer stärker werdend türmen sich die Wellen hoch, bevor sie in der Brandung brechen.

Ein paar Mal lässt Marcel die Kugeln in der großen runden Trommel laufen, bevor Musiklehrer Christian Schellhorn bis vier zählend den Rhythmus aufbaut und Keyboards, Bass und Gitarren nacheinander einbindet: Das Drunken Sailor-Intro startet: „D – nichts – nichts – nichts – C“, gibt Catrin Anne Wiechern dazu. „Drunken Sailor“ ist eines der beiden Lieder, die die 13 Mitglieder der Band AG der Pestalozzischule im Musikkeller in der Bredenstraße proben. „Drunken Sailor“ und „Üsküdara“, ein Lied vom Balkan.

Gestern noch mussten die älteren Schüler ihre Klausuren schreiben, bereits heute stehen sie locker an den Instrumenten und Mikrofonen. Zum Beispiel Tim-Manuel: „Gestern konnte ich nicht, da hatte ich Prüfung“, sagt der Neuntklässler. Zu Hause würde er bereits alle möglichen Lieder singen, mit Handy-Unterstützung. „Applaus, Applaus für deine Worte. Mein Herz geht auf, wenn du lachst!“, singt er wie die Sportfreunde Stiller. Jetzt sei er froh, dass er in der Band-AG mitmachen kann.

Im Frühjahr durchliefen alle Bewerber ein Casting und versuchten sich an Bass- und E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. „Etwa 30 Kinder machten mit. Eigentlich sollten nur sechs in die Band, aber jetzt sind es 13 aus den Klassen vier bis neun“, sagt Förderschulrektorin Kerstin Carstensen von der Pestalozzischule. „Es ist einfach toll, wie die Schüler sich auf die wöchentliche AG-Stunde freuen.“ Auch ohne Notenkenntnisse kommen sie klar und haben Erfolg in der Gruppe. „Das erfordert sehr viel Rücksichtnahme und Geduld. Sie müssen warten, bis sie ihren Einsatz haben“, beschreibt Carstensen das oft ungewohnte Arbeiten. Alle seien aber hochkonzentriert. Und sie alle hätten sehr großes Interesse an der AG und kämen auch mal nachmittags zum üben.

Zum Beispiel zur Generalprobe bei der Kreismusikschule, wenn die drei Gruppen gemeinsam spielen: Paul-Klee-Schule, Pestalozzischule und Kreismusikschule. Schließlich sei am 24. Mai Tag der offenen Tür in der Kreismusikschule, und am 6. Juni habe die Pestalozzischule Schuljubiläum.

Franziska aus der fünften Klasse spielt hier Akustikgitarre. Sie hat ein eigenes Instrument zu Hause und kann zwischendurch die Songs immer wieder üben. Ebenso wie Görkem. Er begann mit Schlagzeug, spielt nun Gitarre und singt.

„Musik ist für jedermann und spricht tief in die Seele“, sagt Catrin Anne Wiechern, Leiterin der Kreismusikschule Celle. Sie hatte die Projektidee von einem Musikschulkongress in Berlin mitgebracht. „Da gab es die Just-Fun-Band und das war die tollste Musik, die ich je gehört habe“, schwärmt Wiechern noch immer. Gemeinsam mit den Projektpartnern, der Paul-Klee-Schule, dem Schulverein der Paul-Klee-Schule und der Pestalozzischule wurde dann das Projekt ausformuliert: „Die Idee unseres Projektes ist es, zum einen jugendlichen Menschen mit Behinderung einen Zugang zur Normalität, zu einer eigenen Identität und zur Peergroup durch eigenes Musizieren im Rock-Pop Bereich zu ermöglichen. Zweitens wird eine viel stärkere Vernetzung zwischen Jugendlichen mit und ohne Behinderung hier in Celle im Sinne der Inklusion angestrebt.“

Behinderte haben – wie nichtbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene – ein Recht auf Förderung und Bildung. Sie haben wie nichtbehinderte Menschen Freude am Musizieren. Die Beschäftigung mit Musik nimmt in ihrer Freizeit vielfach einen großen Raum ein. Sie sind – in individuell unterschiedlicher Ausprägung – fähig, Musik zu erleben, zu hören und selbst auszuüben. Musikschulen seien daher aufgefordert, Angebote für behinderte Menschen einzurichten, unterstreicht Wiechern. Aufgrund der unterschiedlichen Art und Schwere der Behinderungen liegt es in der Natur der Sache, dass der Unterricht sich an den individuellen Möglichkeiten des Schülers orientiert. „Ziel ist das gemeinsame sowie das individuelle Musizieren.“

Der Verband deutscher Musikschulen ist seit 2013 Programmpartner des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ und berechtigt, Fördergelder an Bildungsbündnisse weiterzuleiten. Die Kreismusikschule Celle besteht seit 1968 und ist Mitglied im Verband deutscher Musikschulen. Sie bietet ein umfassendes musikalisches Angebot für alle Altersstufen, von der Elementarerziehung bis zur studienvorbereitenden Ausbildung. Zurzeit werden rund 1500 Schülern von 40 Lehrkräften unterrichtet.

Hier im Musikkeller der Pestalozzischule sitzen alle im Kreis und hören auf die anderen. Schlagzeug, Keyboard, Gitarre, Bass, Gesang. Um den Inklusionsgedanken umzusetzen, gibt es eine Gruppe von Schülern der Kreismusikschule, die parallel dieselben Stücke auf einem anderen Stand und mit anderen Instrumenten vorbereitet. Streicher, Bläser und auch einzelne Solisten. Schulleiterin Wiechern: „So können alle drei Gruppen zu einer leistungs- und vor allem klangstarken Band zusammengefasst werden und diese Ergebnisse im öffentlichen Rahmen präsentieren.“

Schellhorn von der Kreismusikschule ist überrascht, wie gut alles klingt. „Alle haben viel Spaß dabei und wollen alles geben.“ Nach einer der Proben sei er selbst überwältigt gewesen: „Da bin ich nach Hause geschwebt!“ Für Saina ist es heute die sechste Probe: „Keyboard ist nicht schwer“, sagt sie und weiß genau, dass die farbigen Aufkleber auf den Tasten das Spielen erleichtern. „Das war geil“, sprudelt es aus Marcel heraus. Er habe schon wieder was Neues gelernt, denn noch nie zuvor habe er Wellen gemacht. Mit der Ocean-Drum. – „Applaus, Applaus“…

Von Lothar H. Bluhm