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Reportage Land der Fuchs-Feuer
Mehr Reportage Land der Fuchs-Feuer
12:36 25.02.2014
Von Michael Ende
Lappland: Unterwegs im Troll-Wald Quelle: Thomas Krämer
Burgwedel

Es war einmal ein Junge, der hieß Sampo. Er liebte den großen Wald über alles, und so spielte er dort jeden Tag mit seinen Freunden, den Tieren. Eines Abends im Winter war Sampo wie immer im Wald – nur dieses Mal lief er so tief hinein, dass er nicht mehr wusste, wo er war. Es wurde dunkel. Da bekam der Junge Angst. Er irrte immer weiter umher, bis er seinen Freund Kettu, den Fuchs, traf. Der sagte, er wolle ihm helfen. Er lief vor dem Jungen her, und sein Schwanz peitschte den Schnee auf, so dass die Kristalle hoch zum Himmel stoben und leuchteten. Immer schneller und schneller raste der Fuchs umher. Immer höher stiegen die Kristalle zum Himmel auf, wo sie ein zauberhaftes Licht verbreiteten. Das war grün wie der Wald im Sommer. Das Licht strahlte so hell, dass der Junge tatsächlich nach Hause fand. Dort stand schon seit langem sein Vater vor dem Haus und staunte über das Schauspiel hoch oben am Himmel. „Sampo! Da bist Du ja endlich!“, rief der Vater. „Hast Du gesehen, was oben am Himmel los ist? Weißt Du, was das ist?“ Sampo schüttelte den Kopf und ging ins Haus.

Revontulet – Fuchs-Feuer - nennt man in Finnisch-Lappland diese Himmelserscheinung. Einer, der wie Sampo vom ewigen Wald angezogen und vom magischen Leuchten des Himmels fasziniert ist, ist Gareth Hutton. Den passionierten Naturfotografen haben nicht nur die Fuchs-Feuer in die weite Wildnis ums finnische Dörfchen Hetta fast 300 Kilometer nördlich des Polarkreises gezogen. Das hat eine Kraft größer als die der für die Polarlichter verantwortlichen Sonnenstürme geschafft: die Liebe. Die Natur hat der Neuseeländer schon immer geliebt. Seitdem er ein Junge war, klettert und wandert er, sucht Freiheit. So landete er schließlich im Weiler Leppäjärvi, wo er seine Frau Elina kennenlernte. Mit 0,2 Einwohnern pro Quadratkilometer (Celle: 390) gehört die Gegend zu den am dünnsten besiedelten Europas. Hier, wo sich Polarfuchs, Lemming und Schneehuhn gute Nacht sagen, strahlt das Nordlicht so oft wie nirgendwo sonst in Finnland. Das trifft sich gut, denn Gareth ist nicht nur Naturbursche, sondern auch polarlichtsüchtig.

Da liegt es nahe, dass er auch Fotograf ist – und sogar ein ziemlich guter. Aber davon kann man nicht leben – selbst hier nicht, wo einem die Natur grandiose Motive frei Haus liefert. Gareth weiß, dass die Gegend hier besondere Menschen anzieht. Menschen, die das Besondere suchen, bietet Gareth, der als Allrounder auch schon mal beim örtlichen Bäcker arbeitet, um über die Runden zu kommen, Touren an. Diesseits und jenseits der Baumgrenze ist er mit seinen Kunden unterwegs. Auf Schuhen, Skiern, Schlitten, Schneeschuhen. Bei Tag und bei Nacht. Gareth hebt den Blick zu den Sternen empor. Hier oben auf der Kuppe eines Berges sind die Bäume so mit Schnee beladen, dass sie unter der frostigen Last wie Trolle im Moriskentanz wirken. Über ihnen wirbeln die Lichter. Hellgrün wehend wie Schleier im Wind. Unbegreiflich. Wer diese Fuchs-Feuer selbst bannen möchte, dem zeigt Gareth, wie man sie fotografiert. „So schwer ist es gar nicht“, sagt er: „Man muss nur das Glück haben, sie zu sehen. Und dann den Blitz aus lassen.“

Nordlichter mögen wissenschaftlich erklärbar sein. Sie sind ein elektrisches Phänomen, eine irdische Manifestation des Sonnenwindes. Doch begreifbar sind sie nicht. Kinder wundern sich, dass es nicht donnert, wenn sie über den Himmel wehen. Schließlich knallt es nach jedem noch so kleinen Blitz. In Relation dazu müssten Fuchs-Feuer schier ohrenbetäubend sein. Doch sie sind lautlos. Das Geräusch, das am besten zu ihnen passt, ist ein Joik, ein traditioneller Gesang der Sami, der Ureinwohner dieses weiten Landes.

Hier, wo zwei Drittel des Jahres Winter ist, ist der Motorschlitten das Gefährt der Wahl - jedenfalls, wenn man schnell und laut sein will. Wer es gediegener mag, für den ist eine Schlitten-Tour mit den Hetta-Huskies genau das Richtige: Ein knappes Dutzend zieh-verrückter Hunde hechelt sich die Seele aus dem Leib, während Kufen über Pulverschnee zischen und der Musher eins wird mit dem eisigen Land. Die Hunde kläffen und heulen zwar - aber es gibt hier nur eins, das wirklich beißt: die Kälte. Der Atem gefriert in jedem Haar: Hetta, minus 30 Grad - die Frisur hält.

Tiina Vuontisjärvi kennt es nicht anders: Ihre Vorfahren sind Sami. Und in deren Tradition der unbedingten und fast grenzenlosen Gastfreundschaft betreibt sie ein Hotel, das seit nunmehr 90 Jahren einer der wenigen gastlichen Anlaufpunkte in der Gegend von Enontekiö ist. Früher kamen nur Forscher hier her - heute Touristen, die das Besondere suchen. „Für uns ist das Hotel nicht so sehr ein Geschäft, sondern viel mehr eine Art zu leben“, sagt Tiina und gießt neuen Teig in die Pfanne, mit der sie über einen Birkenholzfeuer Pfannkuchen backt. Ob es eine Jahreszeit gibt, die ihr nicht so gefällt? „Eigentlich mag ich hier jede Zeit im Jahr“, sagt sie. „Bis vielleicht auf eine: Die Matsch-Periode nach der Schneeschmelze im Mai. Die ist wirklich nicht schön.“

Der Matsch ist noch fern. Noch knirscht Schnee kristallhart unter den Stiefeln. Auf dem Hof von Rentierzüchterin Minna Kankaanpää ist er rosa gesprenkelt. Blut. Hier wird gerade geschlachtet - eine Arbeit, die Sami bei ihren eigenen Rentieren nicht selbst übers Herz bringen. Die „rote Arbeit“ machen fremde Männer für Geld. „Im Winter schlachten wir ungefähr 450 Tiere“, sagt Minna, die eigentlich aus Südfinnland stammt und hier ihren Mann IIsko getroffen hat. Zusammen mit anderen Familien haben sie eine Herde von rund 5000 Rentieren, die übers Jahr verstreut draußen im Hochland der Fells leben. Nur einmal, bei der Rentierscheidung, werden sie zusammengetrieben, gezählt, mit Messerschnitten im Ohr markiert und diejenigen, die geschlachtet werden, ausgesondert. „Wer davon leben will, braucht mindestens 300 Rentiere - aber dann muss er auch noch etwas Anderes arbeiten“, sagt Minna, die auch noch etwas Anderes arbeitet: Sie bringt Fremden die Welt der Rentierzüchter näher. Währenddessen beliefert Iisko Kunden in ganz Finnland mit Rentierfleisch. Mit einem Sami verheiratet zu sein, sei etwas ganz Besonderes, sagt Minna: „Wenn ich ihn frage: Was machst Du morgen? Dann sagt er: Ich weiß es nicht. Aber er macht immer etwas.“ Sami, so hat Minna herausgefunden, planten nicht das Leben: „Sie leben es einfach ohne andauernd zu planen.“

Und dann ist da noch Jari Rossi. Der lebt in Keimiöniemi am See Jerisjärvi. Wenn er seine Kota, in der ein knisterndes Feuer tanzende Schatten an die Wände wirft, betritt, schlägt er eine Trommel, murmelt gutturale Zauberformeln und lässt die Knochen auf seinem Fell-Gewand rasseln. Jari ist Schamane und erzählt Sagen von Riesen, die einst alle Bäume abholzten, so die Tundra erschufen und dann dort erfroren, weil es keine Bäume fürs Feuer mehr gab. Giganten, die umfielen und so heute als liegende Riesen die Berge seien. Auf die bange Frage, ob er das etwa selbst alles glaube, lächelt Jari. Nein, er sei kein Esotherik-Freak, grinst er. Aber er ist Jäger und Fischer und liebt die Natur. Seine Geschichten sind Gleichnisse darüber, was der Mensch mit und in seiner Umwelt tun kann und was nicht. Wie man Schamane wird? „Bei mir ging das damals sehr schnell“, sagt er: „Ich war eigentlich nur derjenige, der für den alten Schamanen immer das Feuer angezündet hat. Und als der Alte gestorben ist, hat man mich gefragt, ob ich nicht tun wolle, was er immer gemacht hat. Ich wollte erst nicht, aber man brachte mir seine Sachen. Ich habe sie angezogen, und dann war eben ich der Schamane. Und so ist es geblieben.“ Jari backt übrigens auch Blaubeerkuchen. Der schmeckt umwerfend feuerrauchig-blaubeerig - irgendwie schamanisch.

Michael Ende