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Reportage Lautes Baggern für besseren Lärmschutz
Mehr Reportage Lautes Baggern für besseren Lärmschutz
19:01 03.11.2010
Reportage Bilder Lärmschutzwall Quelle: nicht zugewiesen
Celle Stadt

KLEIN HEHLEN. „Gut festhalten! Es wird holprig“, lautet die Anweisung von Fahrer Jens Musurat. Kaum gesagt, schon ist der Kontakt zum Sitz nicht mehr da und man wird ordentlich durchgeschüttelt. Nein, ein Monstertruckrennen ist es nicht. Es sind die Arbeiten am Lärmschutzwall in Klein Hehlen. Musurat fährt einen Trecker mit Anhänger. „Hier und da kann der Boden noch uneben sein und der Trecker geht hoch und runter“, sagt er. Dabei ist das Tempo auf dem Wall sehr gering. Masurat ist mit seinem tonnenschweren Gefährt auf dem schmalen Wall unterwegs, zum Sandaufladen und zum Sandabladen. Immer hin und her. Er balanciert ihn regelrecht auf der angelegten Sandstraße. Seit acht Uhr fährt er seine Zugmaschine. Die Mittagspause ist gerade vorbei.

Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung fahren bei jeder Strecke mit. Hochkonzentriert sitzt Musurat hinter dem Lenkrad, die Ideallinie fahrend. Seine Augen immer nach vorne gerichtet. Dann kommt etwas, worauf man auch auf einer engen Sandstraße rechnen muss – Gegenverkehr. Auf dem Wall fahren acht Trecker und nicht alle in die gleiche Richtung. Im Radio kommen gerade – dazu passend – die Verkehrsnachrichten. „Auf dem Lärmschutzwall in Klein Hehlen ist mit Gegenverkehr zu rechnen“ wird nicht durchgegeben. Langsam nähern sich die beiden Trecker. Der Weg aus der Fahrbahnmitte geht nach außen. Drei Meter geht es fast steil nach unten. „Wenn wir abrutschen, passiert das nur ein Mal“, sagt der 38-Jährige trocken mit einem Augenzwinkern.

Die Trecker sind jetzt beide auf gleicher Höhe und werden sehr langsam. Die nun fröhliche Schlagermusik im Radio lässt die Situation recht unwirklich erscheinen, hat aber doch einen beruhigenden Beigeschmack. Die Fahrer sehen sich an und grüßen sich ganz selbstverständlich. Die Reifen so nah, als würden sie sich berühren. Aber es passiert nichts. Beide Fahrer balancieren ihr Gefährt langsam, wie einen Faden durch ein Nadelöhr, aneinander vorbei. Musurat nimmt wieder Fahrt auf und neigt sich der sicheren Fahrbahnmitte zu. Der nächste Gegenverkehr lässt nicht lange auf sich warten.

Mit dem Bau des Walls hat die Stadt bereits Anfang Oktober begonnen, um die Lärmbelästigung am nördlichen Ring deutlich zu reduzieren. Im Rahmen der Hochwasserschutzmaßnahmen wird das Erdreich der angrenzenden Allerniederung einfach für die Aufschüttung des Walls weiterverwendet. Er wird im Durchschnitt drei Meter hoch, zwölf Meter breit und 1800 Meter lang sein. Der Wall wird sich auf der westlichen Seite von der Witzlebenstraße bis zur Winsener Straße und auf der östlichen Seite von der Haydnstraße bis zur Firma RPC Packaging hinziehen. Im Osten wird eine Aufschüttung ergänzt. Ein Durchlass wird in Höhe der Händelstraße eingerichtet.

Thomas Schmitt ist in seine Arbeit vertieft. Das Dröhnen der allgegenwärtigen Motoren stört den Ingenieur nicht. Er ist für die Vermessung des Geländes beim Lärmschutzwall zuständig und konzentriert sich auf sein digitales Werkzeug. Ob auf dem Wall oder daneben, der 38-Jährige rückt heran und zückt das Messgerät. Die Daten des Urzustandes, also nach der Rodung der Fläche, werden ermittelt, ebenso wie die baubegleitenden Vermessungen der Erdmassen. Nach Fertigstellung des Walles gibt es eine Endkontrolle. Schmitt überprüft dabei die korrekten Abnessungen des Geländes. „Die Vermessung erfolgt in unterschiedlichen Zeitabschnitten. Je nach Baufortschritt ermitteln wir neue Messdaten“, sagt der Ingenieur.

„Etwa 42000 Kubikmeter Sand werden direkt für den Lärmschutzwall aufgeschüttet“, sagt der zuständige Bearbeiter für Baumaßnahmen, Ernst Kohls. Das ist weit weniger als insgesamt abgetragen wird: Denn die übrigen etwa 130000 Kubikmeter Erdmasse werden erst im nächsten Jahr mit schwerem Gerät bearbeitet.

Nicht nur große Maschinen beanspruchen den Wall für sich. Auch Tiere fühlen sich in der Umgebung wohl. Anfang Oktober mussten acht Ameisennester mit 40000 Krabbeltieren umgesiedelt werden. Kürzlich wurde sogar eine Igelfamilie gerettet. Baggerfahrer Hans-Jürgen Czerwanski ist für die Rodungsarbeiten zuständig und entdeckte die Kleinen: „Wir waren sehr vorsichtig und haben sie in die Obhut der Anwohner gegeben, die sich dann um die Igel gekümmert haben. Bevor überhaupt ein Wall entstehen kann, muss die Fläche erst von Bäumen befreit sein.“ Da kann es schon einmal vorkommen, dass Czerwanski als Tierretter einspringen muss.

An einigen Teilen ist der Wall bereits fertig. „Der Abschnitt Haydnstraße-Mendelssohnstraße ist fertiggestellt“, sagt Kohls. Zur äußerlichen Gestaltung wird ein Saatgut-Mix aus Gras und Roggen verwendet. Die kühle Jahreszeit sei ungünstig für das Wachstum von Gras. Roggen dagegen keimt im Winter und kann die Oberfläche des Walls ineinander verwurzeln. Das sei wichtig, um eine Ausspülung zu vermeiden. Wenn die Jahreszeit wieder wärmer wird, kommt der Rasen durch. Der Roggen überlebt nur eine Saison.

Vorsichtig bohren sich die Zacken des Baggers in den Boden. Schön gleichmäßig wird er abgetragen. Jens Musurat ist mittlerweile beim Aufladen angekommen und der Bagger verrichtet seine Arbeit. Zum zwölften Mal heute bekommt Musurats Trecker den Anhänger mit Sand beladen. Jede Entladung der Stahlkralle ist zu spüren. Das Fahrerhaus ruckelt, doch Musurat ist entspannt.

Für ihn ist es nichts Besonderes mehr, es ist zur Routine geworden. Fahren, warten und wieder fahren. Das an einem Tag alleine etwa 35 Mal. Fließbandarbeit, wie sie im Buche steht. Dabei fungiert der Lärmschutzwall selbst als riesiges Fließband, das die Laster, Trecker und Bauwagen vom Aufladepunkt bis hin zum Entladepunkt schiebt, wie die Maschinen in einer Fabrik. Musurat ist still, schaut in die Gegend. Die Gegend – ein Meer aus Sand.

Mehrere große Kellen davon schaufelt der Bagger nun in den Anhänger, bis dieser voll ist. Acht Kubikmeter insgesamt. Die Fahrt geht weiter. „Ein voller Anhänger ist noch gefährlicher als ein leerer“, sagt der 38-Jährige. Ein Trecker mit leerem Anhänger kann dichter an die Kante des Lärmschutzwalls fahren, aber rutscht mal ein voll beladener Trecker hinab, können die Folgen weitaus schlimmer sein. „Zum Glück ist noch nichts passiert“, sagt Musurat. Alle achten darauf, dass keine Unfälle geschehen. Für eine komplette Fahrt, mit Auf- und Abladen, braucht er etwa 15 bis 20 Minuten.

Baustellen sind immer interessant und ziehen die Aufmerksamkeit von Erwachsenen und Kindern auf sich. „Ich hoffe, dass die Anwohner trotzdem dafür sorgen, dass sich die Bepflanzung und der Bewuchs gut entwickeln kann“, sagt Kohls. Die gesamte Fertigstellung des Walls – mit Bepflanzung – sei für Ende November geplant. Bis dahin wird aber noch fleißig weitergebaggert.

Von Jan Grothe